Wissenschaft, Technik, Medizin

Mittwoch, 2. Juli 2008

Tunguska-Katastrophe - Meteoritentheorie weiter erhärtet

Am Montag jährte sich zum 100. Mal die "Tunguska-Katastrophe". Sie gilt als eine der größten Naturkatastrophen der Neuzeit. Am 30. Juni 1908 ereigneten sich in der Nähe des Flusses Tunguska in Zentralsibirien nördlich des Baikalsees eine oder mehrere Explosionen, die auf einem Gebiet von über 2000 Quadratkilometern rund 80 Millionen Bäume umknickten. Die Kraft der Explosion wird auf fünf bis 30 Megatonnen TNT geschätzt. Das entspricht mehr als dem Tausendfachen der Hiroshimabombe.
Glücklicherweise ereignete sich die Katastrophe in einem sehr dünn besiedelten Gebiet. Viele Indizien deuten auf eine Meteoriten-Einschlag (Impakt) hin - da aber bisher kein Krater gefunden wurde, kursieren auch andere Theorie über das "Ereignis" - von recht plausiblen wie einer gewaltigen Methangas-Explosion bis zu so versponnenen wie einer durch ein Zeitloch "gefallenen" Atombombe.

Vor einigen Tagen schriebt Volkmar in seinem Eoraptor Log: Der Tunguska-Impakt: potenzieller Krater gefunden. Womit möglicherweise die Meteoriten-Theorie bewiesen wären. Unabhängig von diesem möglichen Krater gibt es weitere neue Erkenntnisse, die die Impakt-Theorie sehr stark erhärten:
Bei der Tunguska-Katastrophe ist es 1908 offenbar zu starken sauren Niederschlägen gekommen. Das schließen russische, italienische und deutsche Forscher aus Ergebnissen der Untersuchungen der Torfprofile des Katastrophengebietes. An der Grenze des Dauerfrostbodens von 1908 hatten sie deutlich erhöhte Werte der schweren Stickstoff- and Kohlenstoff-Isotope 15N und 13C festgestellt. Die maximale Anreicherung wurden für die Gebiete im Explosionsepizentrum and entlang der Flugbahn des kosmischen Körpers registriert. Erhöhte Konzentrationen von Iridium und Stickstoff in entsprechenden Torfschichten stützen die Theorie, dass die gefundene Isotopeneffekte eine Folge der Tunguska-Katastrophe sind und kosmische Ursachen haben. Schätzungen zufolge sind damals etwa 200.000 Tonnen Stickstoff auf die Tunkuska-Region in Sibirien herabgeregnet. "Extrem hohe Temperaturen beim Eintritt eines Meteoriten in die Atmosphäre haben dafür gesorgt, dass der Sauerstoff in der Atmosphäre mit Stickstoff zu Stickstoffoxid reagiert hat", sagte Natalia Kolesnikova am Montag gegenüber der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti. Die Wissenschaftlerin ist eine der Autoren der 2003 im Fachblatt Icarus veröffentlichten Studie der Lomonosov-Universität Moskau, der Universität Bologna und des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ).
Quelle, weitere Informationen und weiterführende Links auf der Website des Helmholz-Zentrum für Umweltforschung: Tunguska-Katastrophe: Beweise für sauren Regen stützen Meteoritentheorie

Freitag, 20. Juni 2008

Lobotomie: von der OP aus Verzweiflung zur systematischen Menschenrechtsverletzung

Mir war diese Operation zuerst nur als Redensart bekannt - als Redensart von Menschen, die im weitesten Sinne mit Psychologie, Psychiatrie und Neurologie zu tun haben (selten allerdings aus dem Munde von Psychologen, Psychiatern oder Neurologen): die Lobotomie. "Als ob er lobotomiert wäre ... " oder "wie lobotomiert". Ich kannte sie auch aus dem psychiatriekritischen Spielfim "Einer flog übers Kuckucksnest", in dem der Protagonist McMurphy am Ende einer Lobotomie unterzogen wird - eine Operation, die seine Persönlichkeit zerstört und ihn in ein antriebsloses, unselbständiges Wrack eines Menschen verwandelt.

Ich fragte mich, wieso eine offensichtlich so schreckliche Operation überhaupt erfunden wurde - und mehr noch, wieso sie in den 1940er bis in die 1960er Jahren millionenfach ausgeführt wurde. Erstaunt war ich, als ich las, dass einer der Erfinder der Lobotomie, Egas Moniz zusammen mit dem Schweizer Neurologen Walter Rudolf Hess 1949 den Nobelpreis für Medizin erhielt - "für die Entdeckung des therapeutischen Wertes der präfrontalen Leukotomie bei gewissen Psychosen" (Die präfrontale Leukotomie nach Moniz ist jene Operation, die meistens Lobotomie genannt wird.)
Egas Moniz, der auch Diplomat und Politiker war, galt keineswegs als skrupelloser Chirurg, sondern als ausgesprochener Philanthrop. Es war vermutlich reine Verzweiflung, die ihn dazu brachte, 1935 an einem Patienten mit unheilbaren Hirnschaden die erste Lobotomie durchzuführen. Sie wurde ursprünglich zur Schmerzausschaltung in extrem schweren Fällen angewendet, dann bei agitierten psychischen Erkrankungen wie Psychosen und Depressionen. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass es in den 1930er Jahren kaum wirksame Psychopharmaka gab, und in schweren Fällen den Psychiatern keine andere Wahl blieb, als schwer aggressive oder autoaggressive psychotische Patienten dauerhaft zu fixieren, also buchstäblich ans Bett zu fesseln, damit sie sich oder andere nicht verletzen. Jede Therapie, die Abhilfe versprach, wurde deshalb enthusiastisch aufgenommen. Da die Lobotomie anscheinend gut wirkte, wurde sie immer häufiger angewendet, und zwar auch bei Patienten, die keineswegs dauerhaft gefesselt werden mussten oder an extremen Schmerzen litten.
Bei einer Lobotomie werden die Nervenbahnen zwischen Thalamus und Stirnhirn sowie Teile der grauen Substanz durchtrennt. Die von Moniz entwickelte Methode wurde auch Präzisionsmethode genannt, obwohl sie verglichen mit modernen sterotaktischen Hirnoperationen grobschlächtig wirkt. Sie war relativ aufwendig und erforderte mindesten zwei Ärzte, einen Neurologen und einen Neuro-Chirurgen. Dabei wurden Teile des Gehirns einfach "zerschnitten", wobei wenigstens darauf geachtet wurde, das Gehirn so wenig wie möglich zu verletzen.
Dabei wurden durchaus Erfolge berichtet. Viele Patienten konnten aus den Anstalten entlassen werden, manche sollen nach Jahren der Krankheit wieder berufstätig geworden sein. Es gibt allerdings kaum empirische Belege für die Wirksamkeit der Methode - und keine systematischen, neutral kontrollierten Studien.
Auch bei geglückten Operationen traten oft unübersehbare Nebenwirkungen auf, meistens Persönlichkeitsstörungen. Die Opfer - anders kann man es nicht nennen - von missglückten Lobotomien wurden oft nach der OP völlig apathisch und willenlos und waren nicht selten auf lebenslange Pflege angewiesen.
Die anfangs gefeierte Methode hat etwa ab 1955 stark an Bedeutung verloren und wird seit ca. 1970 nicht mehr angewendet, Psychopharmaka und verfeinerte stereotaktische Hirnoperationen wie die Thalomatomie haben sie völlig abgelöst. Heute wird sie als "Irrtum der Medizin" gesehen.

Ihren schrecklichen Ruf verdankt die Lobotomie allerdings ihrem massenhaften Missbrauch, und zwar fast weltweit.
Der "Lobotomie-Boom", der von den USA ausging, ist untrennbar mit dem Namen Walter Freeman verbunden. Auch Freeman war kein vorsätzlicher böser, ignoranter oder gar sadistischer Arzt. Die Sorge um psychiatrische Patienten trieb ihn um, sein Mitgefühl mit den Kranken soll ehrlich gewesen sein. Trotzdem brachte er unendliches Leid über zahllose Patienten und deren Angehörige.
Freemann entwickelte die "transorbitale Operationsmethode", weniger vornehm "Eispickelmethode" genannt. Auf den ersten Blick eine geniale Neuerung: die OP konnte unter örtlicher Betäubung vorgenommen werden und der Schädel des Patienten musste auch nicht mehr aufgebohrt werden. Das tatsächlich einem Eispickel ähnelnde Instrument wurde durch die Orbita (Augenhöhle) nach Durchbruch des dünnen Knochens am Orbitadach in das Schädelinnere getrieben und durch rotierende Bewegungen die Nervenbahnen zwischen Thalamus und Stirnhirn durchtrennt - wobei unweigerlich Teile des Gehirns zerstört wurden. Beim Patienten blieben keine äußeren Narben zurück, nur ein vorübergehend zugeschwollenes "blaues Auge" zeugte von der brutalen OP.
Die Operationsmethode war so einfach, dass sie von einem einzigen Chirurgen durchgeführt werden konnte, der nicht einmal neurochirurgische Qualifikation haben musste.
Da der Patient (wie bei modernen Hirnoperationen) bei Bewußtsein bliebt, konnte die Wirkung der Operation sofort abgeschätzt werden. Allerdings dachte Freeman dabei nicht an ein die Hirnfunktionen möglichst schonendes Vorgehen - im Gegenteil: er hielt nur dann das Ausmaß der Substanzzerstörung im Gehirn für ausreichend, wenn seine Patienten ernsthafte kognitive Probleme, z. B. bei Rechenaufgaben, zeigten. Er glaubte beobachtet zu haben, dass nur bei Patienten, welche zumindest vorübergehend derlei Beeinträchtigungen aufwiesen, auch wirklich die Symptome ihrer psychischen Beschwerden gelindert wurden.
Mit der der zeit- und kostengünstigen "Eispickel"-Methode setzte Anfang der 1940er-Jahre der "Boom" der anfangs sogar von vielen Fachärzten als "Wundermittel" gepriesenen Lobotomie ein.
(Lobotomie: Tiefe Schnitte ins Gehirn GEO-Artikel über die drastische Operationsmethode Freemans.)

Freeman war der Hoffnungsträger für unzählige Familien mit psychisch kranken Angehörigen und Liebling der Presse. Seine Propaganda fiel wahrscheinlich deshalb auf so fruchtbaren Boden, weil sie versprach, soziale Probleme preisgünstig und schnell "aus der Welt zu schaffen". Sein Werbeslogan war: "Lobotomie bringt sie nach Hause."
Die Lobotomie: Wie ein Relikt aus finsterer Zeit (Deutsches Ärzteblatt).

Nach Angaben von P. R. Breggin (Elektroschock ist keine Therapie, 1989, Urban & Schwarzenberg) beschönigte Freeman die Auswirkungen seiner Therapie nicht: "Die Psychochirurgie erlangt ihre Erfolge dadurch, dass sie die Phantasie zerschmettert, Gefühle abstumpft, abstraktes Denken vernichtet und ein roboterähnliches, kontrollierbares Individuum schafft."
Auch wenn dieser Zynismus im krassen Kontrast zum bezeugten Mitgefühl Freemans mit seinen Patienten steht, kann ich mir leicht vorstellen, dass das "Therapieziel" "roboterähnliches, kontrollierbares Individuum" vor allem in Hinsicht auf die "forensische Psychiatrie" ausgesprochen verlockend klang: Wozu einen straffällig gewordenen "Geisteskranken" vielleicht lebenslang wegsperren und auf Staatskosten versorgen, wenn er, mit einer schnellen, preiswerten Hirnoperation "harmlos" gemacht, auch zuhause leben und womöglich einer nutzbringenden Erwerbsarbeit nachgehen kann?
Hat man sich erst einmal an diesen Gedanken gewöhnt, dann liegt der nächste Schritt verlockend nahe: Wieso sollte man nur schwerwiegende "Geisteskrankheiten" mit einer Lobotomie behandeln, wieso nicht auch z. B. hyperaktive, sexuell auffällige, notorisch kriminelle oder einfach nur renitente Menschen mit einem kleinen Schnitt ins Gehirn "resozialisieren"? In den 1950er Jahren wurde sogar versucht, Homosexualität oder eine kommunistische Einstellung mittel Lobotomie zu "kurieren". Solche menschenverachtenden "Therapien" waren nicht nur in den USA populär. In der UdSSR wurde z. B. die Psychiatrie systematisch politisch missbraucht, vor allem indem Systemkritiker für "geisteskrank" erklärt wurden und in geschlossenen Anstalten "verschwanden" - es sind aber auch "politisch motiviert" Lobotomien bekannt geworden. Es entbehrt nicht einer bitteren Ironie, dass sowohl Kommunismus wie Anti-Kommunismus mit Lobotomie "behandelt" wurden. (In der Sowjetunion wurde der Eingriff allerdings schon 1951 offiziell verboten.)
Weltweit werden die durchgeführten Operationen auf etwa eine Million geschätzt.

Infolge einer weiteren bitteren Ironie der Geschichte bleib Deutschland vom "Siegeszug der Lobotomie" weitgehend verschont - nach den grausamen Menschenversuchen durch Nazi-Ärzte und dem offenen Missbrauch der Psychiatrie in Nazideutschland schreckten die meisten Neurochirurgen im Nachkriegsdeutschland vor drastischen psychochirurgischen Eingriffen, die auch noch damit begründet wurden "gefährliche Irre" chirurgisch in "nützliche Mitglieder der Gesellschaft" zu verwandeln, glücklicherweise zurück - und sei es nur aus "Imagegründen".

In Deutschland war das Verfahren also nie wirklich etabliert, sehr im Gegensatz zu den etablierten Demokratien des europäischen Nordens wie Schweden, Finnland oder Norwegen.

Die "Hochburg" der Lobotomie war, jedenfalls gemessen an der Bevölkerungszahl, Schweden. Laut einem Bericht des staatlichen schwedischen Fernsehsenders SVT vom April 1998 wurden bis 1963 etwa 4500 Menschen lobotomiert, viele davon gegen ihren Willen. Mindestens 500 von ihnen waren nach heutiger Lesart keine psychiatrisch Erkrankten, sondern u.a. hyperaktive oder zurückgebliebene Kinder. Ein großer Teil der Lobotomierten stammte aus "unerwünschten Randgruppen" (namentlich Alkoholiker und Homosexuelle).

Der Sozialwissenschaftler Kenneth Ögren stellt in seiner Dissertation fest, dass in Schweden die Lobotomie in den 1940er und 1950er stärker akzeptiert wurde als in den USA. Ögren sieht eine mögliche Erklärung darin liegen, dass die medizinische Kultur Schwedens paternalistischer ist als die der USA - dass also Ärzte und andere Experten für die Patienten entscheiden, anstatt sie selbst entscheiden zu lassen.
Ögrens untersuchte die Diskussion um die damalige Psychochirurgie in Schweden, indem er den Diskurs innerhalb des Faches, die Darstellung dieser Methode in den Medien, und die Rolle der Regierung und der nationalen Gesundheitsbehörde untersuchte.
In der schwedischen Psychiatrie wurde die Diskussion über die Wirksamkeit und die Risiken der Lobotomie lange Zeit unterdrückt, bis als eine Reihe von Todesfällen an die Öffentlichkeit kam. In der Presse wurde die Lobotomie meistens positiv oder neutral dargestellt, obwohl die drastische Gehirnoperation fraglos vielen Journalisten und Lesern befremdlich erschien. Die US-Medien berichteten zu dieser Zeit generell kritischer über die Lobotomie.
Sowohl die Gesundheitsbehörden wie die Medien stellten die vielversprechenden Aussichten der Methode in den Vordergrund, und zwar ohne kritische Nachfragen oder eigenen Erkundigungen.
Möglicherweise drückte sich in der unkritischen Presse die paternalistische Haltung im schwedischen Gesundheitssystem aus: wenn ein Facharzt sagte, eine drastische Therapie sei das Beste für den Patienten, dann wurde das einfach nicht hinterfragt. Wenn ein Chefarzt sich für die Lobotomie aussprach, dann lobte auch die Lokalzeitung die Lobotomie.

Allgemein lässt sich sagen, dass sich die Medizin nicht in einem luftleeren Raum bewegt. Eine riskante (und wenig hilfreiche) Methode wie die Lobotomie kann durch unkritische Medien und durch die Methode verteidigende Aufsichtsbehörden legitim erscheinen.

Swedish Big Brother behind lobotomies in the 1940s and 1950s

Ögren, Kenneth - Psychosurgery in Sweden 1944 - 1958: the practice, the professional and media discourse

Meines Erachtens verstärkte die schwedische Autoritätsgläubigkeit nur die schon in den USA sichtbaren Tendenz, Lobotomie als Mittel zur Zwangsanpassung "störender" Menschen zu missbrauchen.
Dass es in Deutschland (West wie Ost) anders war, lag meines Erachtens einzig und allein an den Erfahrungen der Nazizeit, denn die Autoritätsgläubigkeit dürfte bei den Deutschen ähnlich ausgeprägt gewesen sein wie bei den Schweden. Man darf auch nicht vergessen, dass dem schwedischen Modell des "Volksheimes" damals noch eine sozialdemokratische, abgeschwächte Variante einer Volksgemeinschaftsideologie zugrunde lag, die zugunsten der Volksgesundheit und zwecks Entlastung des Wohlfahrtsstaates sogar Zwangssterilisierungen gerechtfertigt erschienen ließ. Erst ab den 1960er Jahren gab es, begleitet und gefördert von Jugendprotesten, eine Wende zu mehr Bürgerrechten und mehr innerer Demokratie (eine genaue Parallele zur BRD).
Es wäre aber interessant, einmal zu untersuchen, wie es sich mit dem "sozialtechnischen" Gebrauch weniger drastischer Methoden der Psychiatrie verhält. Z. B. habe ich den Eindruck, dass Psychopharmaka sehr oft nicht nur an wirklich an der Psyche erkrankte Menschen verabreicht werden, sondern auch an Menschen, die nur "nicht richtig funktionieren".

Nachtrag: Artikel aus der "Jungle World" über die Lobotomie in Norwegen: "Wir meinen es doch gut". In Norwegen wurde die Lobotomie bis 1974 (!) angewendet, die meisten Opfer waren Frauen.

Freitag, 13. Juni 2008

Homöopathie und Immunisierung (gegen Kritik)

Mein Verhältnis zur Homöopathie ist, vorsichtig gesagt, zwiespältig.
Modernen Anforderungen genügende Studien zeigen recht eindeutig, dass homöopathische Behandlungen nicht signifikant wirksamer sind, als die zur Kontrolle eingesetzten Placebos.

Dass heißt nun nicht, dass Homöophatie therapeutisch sinnlos wäre - denn der "Placebo-Effekt" besteht ja nicht darin, dass der Patient sich nur einbildet, dass es ihm besser ginge. Wie komplex das Thema ist, erkennt man z. B. daran, dass Homöopathie auch bei Tieren und kleinen Kindern wirkt. Auch gibt es einige homöopathische Präparate, die mehr sein dürften als reine Placebos.

Was ich allerdings für ausgemachte Pseudowissenschaft halte, ist die hahnemannsche Lehre. Hahnemann gründete vor gut 200 Jahren seine Homöopathie auf zwei Grundsätzen. Zum einen sollen Krankheiten durch Medikamente behandelt werden, welche ähnliche Symptome hervorrufen wie die Krankheit selbst: "Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt" (similia similibus curentur). Es gibt tatsächlich Therapien, wie etwa Impfungen oder Desensibilisierungen gegen Allergene, die diesem Prinzip zu entsprechen scheinen - aber Hahnemanns Idee, dass ein Heilmittel an Gesunden ähnliche Symptome hervorrufen soll, wie die, an denen der Kranke leidet, ist in verallgemeinerter Form nicht haltbar.
Das andere Problem ist die sprichwörtliche homöopathische Verdünnung - ab etwa D 12 sind kaum noch Wirkstoffmoleküle im Präparat zu finden. Dementsprechend begründete Hahnemann die Wirksamkeit der "Hochpotenzen" in seinem Standardwerk "Organon der Heilkunst" nicht mit der Wirkung der körperlichen Substanz oder physischen Wirkung eines Arzneistoffes, sondern er schreibt sie einer immateriellen, beim Verschütteln oder Verreiben aus den Wirkstoffen freigewordenen, "spezifischen Arzneikraft" zu. Mit anderen Worten: Homöopathie beruht auf Magie.

Das entscheidende Kriterium, die hahnemannsche Lehre als Pseudowissenschaft zu bezeichnen, ist allerdings die Art und Weise, mir der Hahnemann seine Hypothese gegen ihre Widerlegung immunisierte: Wirkt ein hömöopathisches Medikament nicht oder nicht wie gewünscht, dann gibt es eine lange Reihe Einflüsse, die Hahnemann für die Nichtwirkung der Homöopathie verantwortlich machte. Ich zitiere aus der Fußnote zu § 260 des "Organon", was alles laut Hahnemann die Wirkung einer homöopathischen Arznei stören kann:
Kaffee, feiner chinesischer und anderer Kräuterthee; Biere mit arzneilichen, für den Zustand des Kranken unangemessenen Gewächssubstanzen angemacht, sogenannte feine, mit arzneilichen Gewürzen bereitete Liqueure, alle Arten Punsch, gewürzte Schokolade, Riechwasser und Parfümerieen mancher Art, stark duftende Blumen im Zimmer, aus Arzneien zusammengesetzte Zahnpulver und Zahnspiritus. Riechkißchen, hochgewürzte Speisen und Saucen, gewürztes Backwerk und Gefrornes mit arzneilichen Stoffen, z. B. Kaffee, Vanille u.s.w. bereitet, rohe, arzneiliche Kräuter auf Suppen, Gemüße von Kräutern, Wurzeln und Keim-Stengeln (wie Spargel mit langen, grünen Spitzen), Hopfenkeime und alle Vegetabilien, welche Arzneikraft besitzen, Selerie, Petersilie, Sauerampfer, Dragun, alle Zwiebel-Arten, u.s.w.; alter Käse und Thierspeisen, welche faulicht sind (gemeint sind fermentierte Fleischprodukte wie z.B. Salami M. M.), (Fleisch und Fett von Schweinen, Enten und Gänsen, oder allzu junges Kalbfleisch und saure Speisen; Salate aller Art), welche arzneiliche Nebenwirkungen haben, sind eben so sehr von Kranken dieser Art zu entfernen als jedes Uebermaß, selbst das des Zuckers und Kochsalzes, so wie geistige, nicht mit viel Wasser verdünnte Getränke; Stubenhitze, schafwollene Haut-Bekleidung, sitzende Lebensart in eingesperrter Stuben-Luft, oder öftere, bloß negative Bewegung (durch Reiten, Fahren, Schaukeln), übermäßiges Kind-Säugen, langer Mittagsschlaf im Liegen (in Betten), Lesen in wagerechter Lage, Nachtleben, Unreinlichkeit, unnatürliche Wohllust, Entnervung durch Lesen schlüpfriger Schriften, Onanism oder, sei es aus Aberglauben, sei es um Kinder-Erzeugung in der Ehe zu verhüten, unvollkommner, oder ganz unterdrückter Beischlaf; Gegenstände des Zornes, des Grames, des Aergernisses, leidenschaftliches Spiel, übertriebene Anstrengung des Geistes und Körpers, vorzüglich gleich nach der Mahlzeit; sumpfige Wohngegend und dumpfige Zimmer; karges Darben’ u.s.w. Alle diese Dinge müssen möglichst vermieden oder entfernt werden, wenn die Heilung nicht gehindert oder gar unmöglich gemacht werden soll. Einige meiner Nachahmer scheinen durch Verbieten noch weit mehrer, ziemlich gleichgültiger Dinge die Diät des Kranken unnöthig zu erschweren, was nicht zu billigen ist.
Da ich mich ein wenig mit zeremonieller Magie befasst habe, fällt mir die Parallele zu einer bestimmten Sorte magischer Rituale ein, deren Urheber gleich einen langen Katalog von Begründungen, oder besser Entschuldigungen, angeben, wieso dieses mächtige Ritual normalerweise überhaupt nichts bewirkt - der Magier kann schrecklich viel falsch machen, und wenn er das Ritual doch richtig durchgeführt hat, gibt es viele böse, böse störende äußere Einflüsse.

Allerdings: Homöopathie hilft oft, vielleicht sogar über den Placeboeffekt hinaus. Meiner Ansicht nach ist die pseudowissenschaftliche Lehre hinter der Homöopathie kein Grund, homöopathische Präparate, die sich in der Praxis bewährt haben, aus der Medizin zu verbannen.

Ein Beispiel für eine in vielen Fällen wirksame Therapie, deren "theoretische Grundlage" wissenschaftlichen Ansprüchen in keiner Weise gerecht wird, ist die Akupunktur. Die von der traditionellen chinesischen Medizin angenommenen Wirkmechanismen konnten nicht nachgewiesen werden, sie widersprechen sogar wissenschaftlichen Erkenntnissen über Funktion und Aufbau des menschlichen Körpers. Es ließ sich bisher auch kein anderer Wirkmechanismus stichhaltig nachweisen (außer dem bei jeder Therapie wirksamen Placeboeffekt). Trotzdem ist die Akupunktur erstaunlich wirksam.

Dienstag, 13. Mai 2008

Na also ....

Europäer planen Einstieg in bemannte Raumfahrt (SpOn).
Wobei das "große Geheimnis", das SpOn da, enthüllt gar nicht so schrecklich groß war. ("Die Nachricht wurde in kleiner Runde lanciert. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Raumfahrtkonzern EADS Astrium hatten eine Handvoll Journalisten nach Bremen eingeladen. Vorab gab es kaum Informationen, nur nebulöse Andeutungen.") Jedenfalls nicht für den, der sich näher mit dem unbemannten Raumtransporter ATV befasst. Da verweise ich noch mal auf meinen Artikel Prestigeobjekt "bemannte Raumfahrt"? - In Europa eher nicht!, in dem ich darlegte, dass sich relativ "einfach" ein leistungsfähiges bemanntes Raumschiff aus dem ATV entwickeln ließe. Ein Raumschiff, dass durchaus leistungsfähiger sein könnte, als das in der Entwicklung befindliche "Orion"-Raumschiff der USA (geplanter Erstflug: 2014).

Da der "Prestige"-Effekt in der europäischen Raumfahrt eine eher geringe Rolle spielt, wird das Programm wahrscheinlich etappenweise angegangen werden, und zwar so, dass jede Etappe für sich ein voll nutzbares System ist. Die erste Etappe zum bemannten Raumschiff ist mit der erfolgreichen Flug des ATV 1 "Jule Verne" zur ISS schon zurückgelegt. Daraus aufbauend präsentierten EADS/DLR ihre Pläne für ein europäisches bemanntes Raumschiff. Dafür soll das ATV zunächst mit einer unbemannten Kapsel, mit der Nutzlasten von der ISS zur Erde zurückgeführt werden können, ausgerüstet werden. Der erst Start könnte 2013 erfolgen. Vier Jahre später, also 2017 könnte das System dann so modifiziert worden sein, dass ein erster bemannter Start erfolgen kann. Theoretisch ginge das auch schneller, wäre aber teurer - und das ist der kritische Punkt bei diesem Projekt.
Dieses Konzept wird in den nächsten Wochen/Monaten noch weiter durchgerechnet, dann könnte es im Herbst auf der Ministerratstagung beschlossen werden.

Mit einer fachkundigen Diskussion zu diesem Thema auf dem Raumcon-Forum ist zu rechnen ...

Hier eine Studie der EADS für ein bemanntes Raumschiff auf ATV-Basis (einschließlich Kostenvoranschlag): ATV Evolution - Executive Summary.

Nachtrag: Entwurf eines ATVs mit Rückkehrkapsel - als Zwischenschritt zum bemannten CTV:
ATV-Version mit Rückkehrkapsel
ATV mit Rückkehrkapsel - Bild: ESA

Für einige Verwirrung sorgt die Nachricht, dass auch die Entwicklung eines bemannten Raumschiffs in Zusammenarbeit mit Russland geplant ist:
NZZ: Raumgleiter mit Russland geplant.
ESA und ROSKOSMOS / ENERGIJA unterzeichneten eine Vereinbarung für gemeinsames bemanntes System.
Es handelt sich um eine Kapsel (keinen Raumgleiter!) mit bis zu 6 Sitzplätzen. Die Russische Seite soll die Kapsel liefern, die ESA das Service-Modul (mit dem Antrieb). Als Träger fungiert die neue ANGARA - Startplatz soll WOSTOTZNY sein. Im Laufe des nächsten halben Jahres sollen die konstruktiven Vorarbeiten abgeschlossen sein. Beteiligt sind auf Seiten der ESA EADS Astrium und Tahles Alenia Space, auf russischer ENERGIJA. Flugtests ab 2015, erster bemannte Start 2018.

Dabei handelt es sich um ein eigenständiges Projekt für einen Sojus-Nachfolger, bei der die ESA eher "Zulieferer" wäre. Die Verhandlungen für dieses Projekt kamen lange Zeit nicht von der Stelle, so dass man darüber spekulieren könnte, ob der Durchbruch nicht mit den EADS-Plänen für ein eigenes bemanntes Raumschiff zusammenhängt. Die "Angara"-Trägerrakete ist noch nicht geflogen, deshalb der verhältnismäßig späte Zeitraum des Testflugs.

Hierzu auch im englischsprachigen "Russian Space Net": The Russian-European space cooperation to face moment of truth

Samstag, 10. Mai 2008

Raumfahrtpolitik in Deutschland - ein Stück Mentalitätsgeschichte

Auch wenn es "nur" um eine unbemannte Mission geht, und die erste bemannte Mondlandung schon fast 40 Jahren her ist - diese Meldung wäre wahrscheinlich noch vor wenigen Jahren als politischer Witz aufgefasst worden: Bundesregierung erwägt Mondlandung (netzeitung)
Eine Anfrage der FDP-Fraktion im Bundestag brachte es ans Licht: Die Bundesregierung beschäftigt sich derzeit mit der Frage, ob die Deutschen zukünftig zum Mond fliegen werden oder nicht.

Aus der Antwort auf die Anfrage geht hervor, dass die Bundesregierung einen Vorschlag des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) für eine deutsche Raumfahrtmission zum Mond prüft. Das Projekt soll dem DLR-Vorschlag zufolge Deutschland als künftige europäische Führungsnation und international als gefragten Partner ausweisen.
In Deutschland scheint eine technik-skeptische oder sogar technik-feindliche Mentalität weiter verbreitet zu sein, als in anderen hochentwickelten Industriestaaten. Es würde zu weit führen, auch nur die möglichen Gründe für diese Mentalität aufzulisten - ich halte nur fest, dass diese Mentalität hat anscheinend nur am Rande mit den von Technik ausgehenden Risiken zu tun hat. Zum Beispiel ist die Begeisterung für starke, schnelle Autos in Deutschland ziemlich ausgeprägt, ungeachtet der Umweltbelastung und der Energieverbrauchs. Interessant ist auch, dass es unter engagierten Gegnern der Kernenergie gleichermaßen Technikfreunde wie Technikskeptiker gibt - allerdings gibt es nur wenige engagierte "Atomkraftgegner", die sich überhaupt nicht für Technik und Naturwissenschaft interessieren. Ähnliches gilt z. B. für die Gentechnik

Ich denke, dass im Falle der Raumfahrt es gerade die technisch und naturwissenschaftlich Uninteressierten sind, die das skeptische Meinungsklima prägen. Echte Raumfahrtgegner gibt und gab es nur wenige - etwa jene "ökologischen Linken", die Raumfahrt in einem Atemzug mit Atomenergie, Genmanipulation und Chlorchemie als "Hochrisikotechnologie" sehen, die unbedingt abgeschafft gehört.

Wie dem auch sei - das Desinteresse in Politik und politischen Medien an der Raumfahrt erreichte in den 1970er Jahren einen Höhepunkt.
Die europäische Raumfahrtagentur ESA kann - trotz einiger politischen und organisatorischen Hakeleien als gelungenes Beispiel für internationale industrielle Zusammenarbeit gelten. ESA-Webportal.

Fast wäre die Esa-Gründung im Frühjahr 1975 an deutschem Widerstand gescheitert. Den französischen "Weltraumbahnhof" in Kourou wollte Forschungsminister Matthöfer (SPD) nicht mitfinanzieren. Letztlich gab Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) 50 Millionen Mark frei. Schmidt hielt, als Ökonom und Pragmatiker, einen von den USA unabhängigen "Zugang zum All" für wichtig, bei Matthöfer und anderen Gegnern der "Ariane"-Entwicklung überwog die Angst, dass sich nach dem "Schnellen Brüter" ein weiteres "Milliardengrab" ohne absehbaren Nutzen auftuen könnte.

Einen Grund für die Skepsis Matthöfers, vieler andere Politiker und weiten Teilen der veröffentlichten Meinung war eine 1975 vorgelegte kritische Bestandsaufnahme zur bundesdeutschen Luft- und Raumfahrtpolitik, in Auftrag gegeben von der Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel. Der Politik wurde Konzeptlosigkeit vorgehalten, da beispielsweise im Falle des
Spacelab "aus rein politischen Gründen" ein Projekt forciert wurde, "dessen Nutzen unklar ist und für das man im Augenblick nach Anwendung sucht".
Damit war das MKF 6, mit der die DDR tatsächlich weltweit führend war. Möglicherweise hängt der Rückzug der DDR von den bemannten Raumfahrt auch damit zusammenhing, dass die UdSSR dem Hersteller Karl-Zeiss-Jena kurzerhand den Export der MKF 6 verbat (angeblich, weil die MKF 6 auch zu Spionagezwecken eingesetzt werden konnte, in Wirklichkeit wohl als "Retourkutsche" zum Mikrochip-Lieferboykott der USA).
Im westlichen Medien wurde der Rummel um den ersten Deutschen im All mit Häme bedacht, besonders von den Springer-Blättern "Welt" und "Bild".
Das Klischee, Raumfahrt sei eine reine Prestigeangelegenheit, wurde jedenfalls deutlich bestärkt.

Anfang der 80er Jahre "entdeckte" auch die westdeutsche Politik und die Raumfahrt. "Vorzeigbare" Erfolge der europäischen (und damit immer auch: westdeutschen) Raumfahrt, wie das Spacelab, Nachrichten- und Wettersatelliten, Raumsonden und die erfolgreiche Trägerrakete Ariane sorgten dafür, dass die Raumfahrtlobby offene Gehörgänge fand. Allerdings fanden auch die Skeptiker neue Argumente - genannt sei die Millitarisierung des Weltalls und die "Challenger"-Katastrophe.

Als Ende der 1980er Jahre wichtige Entscheidungen zur Zukunft der westeuropäischen und damit auch der bundesdeutschen Raumfahrt anstanden, etwa über den "eigenen bemannten Zugang zum All", war eine raumfahrtpolitische Szenerie entstanden, die fast so polarisiert war wie die Kontroverse um die Atomkraft. Dabei setzte die Raumfahrtlobby vor allem auf emotionale Motive ("Aufbruch ins Weltall"), leider aber auch auf leicht widerlegbare Argumente ("die industrielle Produktion im Weltall steht unmittelbar bevor). Allerdings waren die Argumente der Gegner, etwa das, dass jede Form der Raumfahrt im Endeffekt Kriegsvorbereitung sei, oft auch nicht viel besser. Das Forschungsministerium geriet unter Rechtfertigungsdruck, weil die Medien Meldungen über Fehlplanungen und Kostenexplosionen immer wieder thematisierten.
Außerdem war nicht mehr zu übersehen, dass breite Kreise Wirtschaft und Wissenschaft der Bonner Raumfahrtpolitik skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden, teils wegen der sich abzeichnenden Verteilungsprobleme, teils aber auch aus grundsätzlichen Erwägungen heraus. Zum Beispiel entschied sich die Deutsche Physikalische Gesellschaft 1990 gegen die bemannte Raumfahrt - mit dem klassischen Argument der Raumfahrtspektiker, sei sei zu teuer und würde kaum relevante Forschungsergebnisse liefern.

Nach 1990 versachlichte sich die Stimmung. Teils war das auf eine Reihe von Studien zurückzuführen, die unabhängig von ihrer teils
kritischen, teils verhalten positiven Einschätzung der anstehenden Raumfahrtprojekte eine seriöse Diskussiongrundlage lieferten. Ein andere Grund war der, dass mit dem postsowjetischen Russland ein weiterer Partner ins Spiel kam - die USA verloren damit an "Verhandlungsmacht". Der entscheidende Faktor war aber, dass auch der "Normalbürger" immer mehr von Raumfahrtanwendungen profitierte, und dass die Raumfahrt immer selbstverständlicher erschien
Hatte der Unfall des Space Shuttles "Challenger" 1976 noch Diskussionen über den Sinn der Raumfahrt ausgelöst, die weit über die eigentlich betroffene bemannte Raumfahrt hinausging, gab es keine vergleichbare Diskussionen nach dem Unfall der "Columbia" 2003. Ein "Ausstieg" auch aus der unbemannten Raumfahrt steht überhaupt nicht mehr zur Debatte und auch die Diskussion um die bemannte Raumfahrt ist sachlicher geworden.

Dadurch, dass auch China und Indien sich als "Raumfahrtmächte" präsentieren, und dadurch, dass neben die staatlichen Raumfahrtinstutionen auch private Raumfahrtunternehmen getreten sind, gewinnt die Raumfahrtpolitik auch bei uns an Bedeutung.
(Siehe auch mein Artikel: Prestigeobjekt "bemannte Raumfahrt"? - In Europa eher nicht!)

Mittwoch, 30. April 2008

Albert Hofmann (1906 - 2008)

Vor gut zwei Jahren bloggte ich das erste Mal von ihm und seinem "Sorgenkind" Albert Hofmann zum 100. Geburtstag, dann immer wieder mal von diesem "Sorgenkind", dem LSD.
Gestern starb Albert Hofmann im Alter von 102 Jahren an einem Herzinfarkt, wobei er noch bis vor einiger Zeit wissenschaftlich gearbeitet hatte. (Kein Argument für die Anhebung des Rentenalters, aber eines dafür, dass Denken - als "geistige Arbeit" und als Meditation - das Gehirn fit hält - und z. T heftige Selbstversuche mit Hallozinogenen ihm nicht weiter schaden.)

Via: cynx.

Donnerstag, 24. April 2008

"No Food for Oil"

Wahrscheinlich käme kein Mensch auf die Idee, ein Auto mit Speiseöl, Maisfladen oder Zucker antreiben zu wollen. Genau das geschieht im Grunde aber, wenn Rapsöl oder Palmöl als "Biodiesel" oder Äthanol als Mais oder Zuckerrohr als "Biosprit" verwendet werden. (Dass die derzeit in aller Munde befindliche Nahrungskrise nur am Rande mit "Biosprit" zu tun hat, aber sehr viel mit ökonomischen Faktoren wie der mangelnder Kaufkraft der armen Bevölkerungsmassen nicht nur in der "dritten Welt", sei an dieser Stelle einmal angemerkt. Rein von der landwirtschaftlichen Produktion her gesehen müsste kein Mensch hungern!)

Die Alternative "entweder Nahrung - oder nachwachsende Brennstoffe" stellt sich glücklicherweise auf mittlere Sicht nicht. Verfahren, Brennstoffe aus anderweitig nicht nutzbaren Pflanzenabfällen herzustellen, gibt es längst. Sie haben allerdings den Nachteil, dass die Technik erst einmal im industriellen Maßstab erprobt werden muss - und dass für den dann erfolgenden großtechnischen Einsatz erhebliche Investitionen vonnöten sind. Da aber "Biosprit" möglichst schnell eingesetzt und möglichst (kurzfristig!) rentabel hergestellt werden sollte, war der Griff zur "erprobten Technologie" folgerichtig. (Die bekannt unheilvolle Kombination aus dem politischen Wunsch nach kurzfristig sichtbaren Erfolgen - wenn möglich, noch vor den nächsten Wahlen - und einer auf kurzfristige Gewinnerwartungen getrimmten Betriebswirtschaft.)

Da stimmen solche Meldungen hoffnungsvoll - auch wenn eine Schwalbe (ein Investor) noch keinen Sommer macht.

Aus einer Pressemeldung der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt (Main):
Biosprit aus Butanol ist für Benzinmotoren ohne weitere Aufrüstung verträglich. Ein an der Universität Frankfurt entwickeltes Verfahren, das den Treibstoff aus Pflanzenabfällen gewinnt und daher nicht in Konkurrenz mit der Nahrungsmittelproduktion steht, hat jetzt den ersten Investor gefunden.
Weiter: Biosprit ohne Nebenwirkung.

Sonntag, 20. April 2008

"Pack die Alge in den Tank"

"Biosprit" muss nicht zwangsläufig mit der Lebenmittelerzeugung konkurieren. Es ist z. B. möglich aus Pflanzenabfällen Treibstoff zu gewinnen. Eine andere Möglichkeit bieten Mikroalgen-Kulturen.

Mikroalgen sind, anders als z. B. Getreide oder Raps, hervorragend für die Energieerzeugung geeignet, weil ihre Photosynthese einen besonders hohen Wirkungsgrad hat. In einer Mikroalgen-Kultur betreiben alle Zellen in gleichem Maße Photosynthese. Bei höheren Pflanzen photosynthetisieren nur die grünen Blattzellen, nicht jedoch die Zellen, die Wurzeln oder Stämme bilden. Deshalb ist der Biomasseertrag von Algenkulturen zehnmal größer als der höherer Landpflanzen. Diese Biomasse kann zur Produktion von Biodiesel, Bioethanol oder Biowasserstoff genutzt werden.

Besonders gut gedeihen die in Tanks gehaltenen Algenkulturen, wenn sie zusätzlich mit CO2 aus den Abgasen aus Kraftwerken "begast" werden. Die Algen wandeln sozusagen das CO2 in nutzbaren Treibstoff um - alles, was sie dazu brauchen, ist Wasser und Sonnenlicht.
Im industriellen Maßstab werden bislang weltweit weniger als 10.000 Tonnen Mikroalgen pro Jahr erzeugt. Das könnten in naher Zukunft erheblich mehr werden, denn mit Hilfe der Mikrosystemtechnik und der Mikroverfahrenstechnik kann die Produktion der Algen deutlich effizienter als bisher gestaltet werden.
Um die Nutzung von Algenbiomasse in Deutschland zu beschleunigen, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung den Bundes-Algen-Stammtisch initiiert. Hier sollen neue Kooperationen und Entwicklungsprojekte für CO2-Emittenten und für künftige Nutzer der Algenbiomasse angeregt werden.

Auf dem Stand des BMBF (Halle 2, Stand C24) ist während der Hannover-Messe ein Wertschöpfungsmodell für die Energieerzeugung aus Algen zu sehen.

Aus: Umweltjournal - Die Alge im Tank.

Mehr Infos: Algenbioverfahrenstechnik.

Montag, 17. März 2008

Happy Birthday, Vanguard 1!

Er ist der älteste noch "kreisende" Satellit:
Am 17.3.1958 erreichte Vanguard 1 (NSSDC ID: 1958-002B) seinen Umlaufbahn.
Seine Vorgänger sind dagegen längst verglüht oder in Bruchstücken auf die Erde gestürzt. Der nur etwa 1,5 Kilogramm "schwere" Vanguard 1 umkreist die Erde auf einer beinahe kreisförmigen Bahn mit einem Radius von ca. 8690 km (was einer Bahnhöhe von ca. 2300 km entspricht). In dieser Höhe gibt es kaum noch bremsende (Rest-)Hochatmosphäre.

Wegen der geringen Größe des Vanguard 1 Satelliten spottete der sowjetische Premierminister Nikita Chruschtschow über den "Grapefruit-Satelliten". Tatsächlich enthielten die frühen amerikanischen Satelliten mehr Messinstrumente als ihre viel größeren sowjetischen Gegenstücke - die USA hatten einen deutlichen technischen Vorsprung auf dem Gebiet der Mikroelektronik, von dem damals aber nur wenige wussten. (Chruschtschow gehörte dazu.)
Schon mit dem ersten amerikanische Satelliten, Explorer 1 gelang eine ebenso unerwartete wie wichtige Entdeckung, nämlich die des Van-Allen-Strahlungsgürtels.

Auch wenn die Instrumente des kleinen Kerls nicht mehr funktionieren, und sein Sender seit 1964 nicht mehr funkt, ist der Satellit nach wie vor nützlich: Die Messung seiner Umlaufbahn erlaubt Rückschlüsse auf das Langzeitverhalten künstlicher Erdtrabanten, z. B. die Einflüsse der Hochatmosphäre oder von Sonnenstürmen. Diesen Dienst wird Vanguard 1 noch lange verrichten - nach neueren Berechnungen wird er noch etwa 2.000 Jahren "draußen" bleiben. Er war übrigens auch der erste Satellit, der mit Solarzellen zur Stromversorgung ausgerüstet war.

Auch ein anderer Raumflugkörper, die Raumsonde Ulysses, leistete viel länger als die geplanten 5 Jahre gute Dienste: Seit über 17 Jahren umkreist die in Deutschland gebaute und von der ESA betriebene Ulysses die Sonne in einer Umlaufbahn, die senkrecht zur Ekliptik (Bahnebene der Erde) steht. Mit der Sonde werden die von der Erde auch nicht beobachtbaren Polregionen der Sonne erforscht.
Ulysses kann nicht mehr lange betrieben werden, denn die Energie an Bord reicht nicht mehr aus, um die elektrische Heizung zu betreiben, die den Treibstoff der Sonde, Hydrazin, über seinem Gefrierpunkt von 2 Grad Celsius hält. Ist das Hydrazin erst einmal gefroren, fällt die Lagekontrollregelung aus.

Entdeckt auf dem Raumcon.forum (mit vielen Links, ohne ich diesen Artikel nicht hätte schreiben können).

Freitag, 22. Februar 2008

Hausdurchsuchungen demnächst mit flüssigem Stickstoff?

Fundsache bei "heise": Passwortklau durch gekühlten Speicher.

Bisher galten - zum Leidweisen aller Überwachungs-Fans - Festplatten- und Datei-Verschlüsselung wie z. B TrueCrypt als sicher. Forscher der Princeton University haben nun demonstriert, wie man mit physischem Zugriff auf angeschaltete Rechner oder Rechner im Standby-Modus mit einfachen Mitteln an die Schlüssel zur Entschlüsselung gelangen kann.

Der Trick: Daten im DRAM gehen nicht sofort nach der Kappung der Stromzufuhr verloren gehen, sondern erst nach einem kurzen Zeitraum von wenigen Sekunden bis hin zu einer Minute. Durch Kühlung läßt sich dieser Zeitraum verlängern: bei -50 °C blieben Speicherinhalte mit nur sehr geringer Fehlerrate mehrere Minuten erhalten. Bei der Kühlung mit flüssigem Stickstoff halten sicht die Daten stundenlang.
Diese Daten lassen sich auslesen und in den Speicherabbildern kann man nach den Schlüsseln für die Festplattenverschlüsselung suchen.

Wenn Ihr also demnächst ein paar ansonsten unauffällige Menschen im Treppenhaus seht, die einen keineswegs unauffälligen Thermosbehälter mit sich rumschleppen: das sind sicher Spezialisten vom BKA auf dem Weg zu einer heimlichen PC-Durchsuchung.

Mögliche Sicherheitsmaßnahme: wenn der verwendete Schlüssel beim Unmount sofort überschrieben wird, dürften die Tiefkühl-Schnüffler schlechte Karten haben.

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