Geschichte & Archäologie

Dienstag, 8. April 2008

Seid wann ist in Nordeuropa das Segel bekannt?

Ich stolperte gestern im an sich hervorragenden Wikipedia-Artikel über Jürgen Spanuth unter dem Punkt "Kritik" über folgende Aussage:
3.) In der nordischen Bronzezeit gab es noch keine Segelschiffe, sondern nur Ruderschiffe. Die Verwendung von Segeln ist für Mittel- und Nordeuropa erst ab 700 n. Chr. belegt (Beginn der Wikinger-Zeit) und begann frühestens um 200 v. Chr. Tacitus beschreibt in seiner "Germania" die Schiffe der Skandinavier sehr ausführlich und erwähnt unter anderem "... Auch benutzen sie keine Segel ...".
Eine Aussage, der ich nicht ganz zustimmen mag. (Allerdings ändert meine Skepsis gegenüber diesem Einzelpunkt nichts daran, dass zentrale Elemente von Spanuths Thesen im Licht des derzeitigen Forschungsstandes nicht aufrechtzuhalten sind. Wenn sie denn überhaupt jemals stichhaltig waren.)
Ein allgemeines Problem bei solchen Aussagen ist die räumliche und zeitliche Perspektive. Im "Wikipedia"-Artikel wird auch erwähnt, dass das Verfahren, aus Bernstein unter Zugaben von Leinöl Bernsteinlack herzustellen erst seit dem Mittelalter bekannt sei. Dass heißt aber nicht, dass Bernsteinlack nicht doch vorher hergestellt werden könnte (Wissen und Fertigkeiten können verloren gehen) oder vielleicht in außereuropäischen Kulturen, z. B. in China, bekannt gewesen sein könnte.
So pauschal wie behauptet ist die Aussage "die Verwendung von Segeln ist für Mittel- und Nordeuropa erst ab 700 n. Chr. belegt" falsch.
Zu "Mitteleuropa" gehören auch die bis ca. 450 u. Z. römische Gebiete an Rhein und Donau - und die Römer verwendeten das Segel, und zwar nachweislich auch auf Rhein und Donau. Es wäre sehr überraschend, wenn dieses Wissen mit dem Untergang des weströmischen Reiches einfach verschwunden wäre.
Dann ist es unstrittig, dass die Friesen, in deren Hand der Seehandel im Nordseegebiet zwischen ca. 450 und der "Wikingerzeit" lag, das Segel verwendeten. Wenn man den mönchischen Chronisten der frühen Karolingerzeit glauben mag, gab es zwischen dem friesischen Dorestadt und Südengland einen gut organisierten Schiffsverkehr, und zwar mit Segelschiffen.
Aber die Frage nach der mittelalterlichen Seefahrt "vor den Wikingern" ist gar nicht relevant. Die für Spanuths "Atlantistheorie" relevante Frage lautet: Gab es in der Bronzezeit im Nordseeraum Segelschiffe?
Die herkömmliche Antwort lautet: "Nein. Wahrscheinlich gab es vor 200 v. u. Z keine Segelschiffe in Nordeuropa, in Skandinavien gab es noch 400 Jahre später nur Ruderschiffe."

Allerdings gibt es bronzezeitliche Bootsfunde in England, von Booten, deren Form nahelegt, dass sie besegelt sein könnten.
Das 2,40 m breite und mindestens 18 m lange "Boot von Dover" The Dover Bronze Age Boat könnte ein Segel getragen haben. Eine Rekonstruktion des kleineren Bootes von North Ferriby erwies sich tatsächlich als guter Segler: Bronze Age. Allerdings ist das noch kein absolut "wasserdichter" Beweis für bronzezeitliche Segelboote im Nordseeraum; dazu müsste ein Mastfuß, eine "Mastfischung", oder irgendetwas vergleichbares, was einem Mast Halt gegeben hat, nachgewiesen werden.
Außerdem würde das nur beweisen, dass es ca. 1500 v. u. Z. im Nordseeraum besegelte Wasserfahrzeuge gegeben hat - auf der anderen Seite der Nordsee mag es anders gewesen sein. (Obwohl vieles auf bronzezeitlichen Handel zwischen Jütland und Ost-England hindeutet.)

Dass es in der Bronzezeit im südlichen Skandinavien Schiffbau gegeben hat, ist angesichts der vielen Schiffsdarstellungen unstrittig. Auf den hunderten jungsteinzeitlichen und bronzezeitlichen "Hällristningar-Schiffen", in Felsen geritzte Zeichnungen von Booten und Schiffen, z. B. in Brandskogen (Schweden) Fossum (Schweden), Hegra (Norwegen) und vielen Orten mehr, ist aber nirgendwo eine Besegelung zu erkennen. Ein eindeutiger Hinweis darauf, dass in Nordeuropa das Segel nicht bekannt war? Nicht ganz, denn auf den hochbronzezeitlichen Felszeichnungen von Järrestad (Südschweden) ist ein Schiff zu erkennen, dass eindeutig eine Takelage hat. Damit ist die Frage wieder offen. (Und es stellt sich die Frage, wieso denn sonst nur Boote und Schiffe ohne Mast und Segel abgebildet wurden.)
Interessant für die Frage, ob im bronzezeitlichen Nordeuropa Segelschiffe gab, sind auch die im Skandinavien und Dänemark nicht seltenen Schiffssetzungen. Das sind Steinsetzungen bzw. "Steinkreise" mit schiffsförmigen Umrissen. Die berühmteste Schiffssetzung ist die frühmittelalterliche Anlage von Kåseberga (in Südschweden bei Ystad und in jedem zweiten "Komissar Wallander"-Fernsehkrimi zu bewundern), deren größtes "Steinschiff" immerhin 67 m lang ist, bei für Wikingerschiffe realistischen Proportionen - vielleicht ein Hinweis auf wirkliche Schiffe dieser Größe. Interessanter für unsere Frage sind aber die aus kleineren Steinen bestehenden Schiffssetzungen aus der Bronzezeit. Sie sind meistens relativ klein, mit Längen zwischen 8 und 16 Metern, aber es gibt auch viel größere, wie das Steinschiff von Gannarve mit 29 m Länge oder die beiden Schiffe von Gnisvärd (auf Gotland), von denen das kleinere immerhin 37 m, das größere sogar 45 m lang ist. Interessant ist, dass die Stevensteine an Bug und Heck wie auf einem echten Schiff höher sind, und das die Höhe der übrigen Steine den Sprung des Dollbordes korrekt nachbildet, d. h. sie sind mittschiffs am niedrigsten und werden zum Bug und Heck in einer ansteigenden Kurve höher. Interessant ist das Verhältnis von Länge und Breite - es beträgt bei den großen Schiffen 1 : 6, bei den kleineren dagegen nur 1 : 4 oder nur 1 : 3. Das gibt die Proportionen wirklicher Schiffen wieder, die relativ gesehen bei großen Schiffen stets schlanker sind als bei kleinen.
Das deutet darauf hin, dass reale Schiffe als Vorbilder dienten.
Was auch noch auffällt: es sind für Segelschiffe typische Breite-Längeverhältnisse. Nordeuropäische Ruderschiffe, wie das berühmte Nydam-Boot oder das Schiff von Kvalsund, sind erheblich schlanker, ihre Breite - Längeverhältnis liegt zwischen 1 : 6 und 1 : 8.
All das deutet darauf hin, dass es wahrscheinlich schon lange vor der "Wikingerzeit" Segelschiffe in Nordeuropa gab. Allein - der wirklich hieb- und stichfeste Beweis dafür steht noch aus.
"Atlantis"-Lokalisierungstheorien, die das Reich aus Platons Lehr-Mythos in den Norden verlegen, stehen auf einem ganz anderen Blatt. Einem, das man meines Erachtens unter "pseudowissenschaftliche Spekulationen" abheften kann.

Freitag, 4. April 2008

Das christliche Abendland in den Köpfen (alias "Eurozentrismus")

Grundsätzliche Überlegung
Dass das uns Europäern durch die Schule und die meisten Medien vermittelte Geschichtsbild eurozentrisch ist, dürfte sich unter kritischen Geistern herumgesprochen haben.
"Eurozentrisches Geschichtsbild" meint etwas anderes, als das für Europäer nun einmal die Geschichte Europas im Vordergrund steht. Tatsächlich steht im "eurozentrischen Geschichtsbild" nicht "Europa" als geographischer Raum oder als Kulturraum im Mittelpunkt, sondern ein Konstrukt, dass sich am besten mit dem altmodischen Ausdruck "christliches Abendland" umreißen lässt. Es umfasst außer Europa und dem russischen Teil Asiens noch das "weiße" Amerika, also jene amerikanischen Kulturen, die auf der Kultur europäischer Kolonisatoren fußen, einschließt. Das "christliche Abendland" ist übrigens nicht identisch mit dem "Westen", nicht nur, weil "Lateinamerika" und "Russland" von manchen Theoretikern der "Kampfes der Kulturen" nicht zum "Westen" gezählt werden. Eher, weil viele "westliche Werte", wie Aufklärung, Demokratie, Gewaltenteilung, Menschen- und Bürgerrechte oft gegen das organisierte Christentum und gegen überkommenen kulturelle Traditionen erkämpft wurden - und immer neu erkämpft werden müssen.

"Eurozentrisch" in diesem Sinne meint, dass es "christliche Abendländer" (vorzugsweise weiß und christlich) sind, die allem einen Namen geben und die Welt einordnen dürfen.
Wenn nicht sie, sondern jemand anders etwas entdeckt oder benannt hat, zählt es für sie erst einmal nicht - selbst wenn die (vorwiegend "abendländische") wissenschaftliche Forschung den "eurozentrische Tunnelblick" längst ad absurdam geführt hat. Während - anders noch als vor gut 50 Jahren - heute akzeptiert wird, dass das Schießpulver in China erfunden wurde und Columbus nicht "Amerika entdeckt" hat, tuen sich selbst gebildete Abendländer schwer, die Kulturen des vorkolonialen Afrikas überhaupt wahrzunehmen. Auch die relative zivilisatorische Rückständigkeit des mittelalterlichen "christlichen Abendlandes" gegenüber der "islamischen Welt" wird von überzeugten "Abendländern" eher widerwillig zur Kenntnis genommen.

Der "Eurozentrismus" hat Folgen, die bis zum Alltagsrassismus reichen. Wenn die "abendländische Zivilisation" wird ganz selbstverständlich als Mittelpunkt des Universums angesehen wird, hat das zur Folge, dass abendländische ("europäische", "weiße") Ansichten, historischen Figuren und Traditionen hierzulande als die einzig gültigen beziehungsweise einzig wichtigen angesehen werden.
Außereuropäische Kulturen sind zwar für viele Abendländer "interessant", werden aber immer noch mit dem Schleier des Exotischen versehen. Damit sind diese "exotischen Kulturen" für uns als wenig relevant eingestuft, obwohl wir ihnen vielleicht wichtige Kulturpflanzen oder wichtige Erfindungen verdanken. Davon abgesehen ist Exotismus immer auch tendenziell rassistisch.

Weil dieses "eurozentrische" Weltbild so selten infrage gestellt wird, denken viele Menschen bei uns tatsächlich, für den gefühlten Vorrang des "christlichen Abendlandes" gäbe es einen guten Grund – einen anderen als Größenwahn, Desinteresse oder opportunistische politische Erwägungen. Der gefühlte Vorrang des "christlichen Abendlandes" hat Folgen, die von Huntingtons gefährlichen Thesen vom "Clash of Civilisations" bis zur "gefühlten Überfremdung" in einer thüringischen Kleinstadt reichen.

Übrigens: Der "Islamozentrismus" den es auch gibt, ist moralisch kein Stück besser. Die Tatsachen, dass die islamische Welt mal der abendländischen weit voraus wahr, und das viele islamische Länder Opfer des europäischen Kolonialismus waren, berechtigt in keiner Weise dazu, sich für die Vertreter der einzig relevanten Kultur des Universums zu halten. Ja, und auch der Sinozentrimus, den die chinesische Staatsführung nach Mao wiederentdeckt hat, ist, uralte Zivilisation hin, jahrhundertelange Demütigungen durch Mongolen, Japaner und vor allem Europäer her, auch keineswegs moralisch besser als der Eurozentrismus. Auch wenn ich es arroganten "Abendländern" von Herzen gönne, mal an einen ebenso arroganten Chinesen zu geraten, der den Ausdruck "Reich der Mitte" in jeder Beziehung beim Wort nimmt.

Der "heimliche Lehrplan" im Geschichtsunterricht
Letztes Wochenende, auf einem Ostara-Treffen, unterhielt ich mich mit einigen Freunden darüber, wie unser Geschichtsunterricht damals in der Schule ausgesehen hat.
Auch wenn wir in unterschiedlichen Bundesländern zu unterschiedlichen Zeiten und sogar in unterschiedlichen politischen Systemen zur Schule gegangen waren, lief der "rote Faden" im Geschichtsunterricht etwa so:
Zuerst kommen, ganz kurz, die alten Hochkulturen Ägyptens und Mesopotamiens. Dann, ziemlich ausführlich, das alte Griechenland, mit deutlichem Schwerpunkt auf Athen. Kurz nach den Eroberungen Alexanders "des Großen" schwenkt der Fokus auf Rom, wo er so lange bleibt, bis das Weströmische Reich unter dem Ansturm der germanischen Völker zerbrach. (Dass es die Germanen überhaupt gab, erfuhr man, weil Varus im Jahre 9 eine Schlacht gegen aufständische Germanen verlor. Die Kelten gab es offensichtlich nur im Umfeld von Caesars "Gallischem Krieg".) Der Strom der Erzählung streifte kurz die merowingischen Franken, dann lang und breit die Taten Karls des "Großen", anschließend dann ein Zeitsprung ins hohe Mittelalter. In der Renaissance werden auch mal Norditalien, Spanien, Portugal erwähnt, aber ab der frühen Neuzeit überwiegt eine Darstellung, bei der - nein, nicht Deutschland, sondern Preußen und eventuell das Habsburgerreich im Mittelpunkt stehen. Kurzer Schwenk nach Frankreich (Revolution!), dann Napoleons Kriege. Schließlich Übergang zur Zeitgeschichte (wo dann die deutschen Wege im Geschichtsunterricht deutlich auseinander gehen).

Als "Nationalgeschichte" ist dieser Geschichtsgang eigentlich recht wenig plausibel. In der Antike herrschte offensichtlich das Prinzip "der Geschichtsschreiber steht auf der Seite der Sieger" vor, im Mittelalter dann eine Weltsicht, in der die (katholische) Christenheit Mittelpunkt der Welt ist - sogar das oströmische Reich wird nur gestreift - in der Neuzeit besteht Deutschland aus "Preußen, seinen Vorgängern und dem kläglichen Rest". Man könnte mit den die Gegenwart prägenden Einflüssen argumentieren - nur: Wäre unter diesem Gesichtspunkt z. B. das Kalifat von Cordoba nicht "wichtiger" als das Reich Karls "des Großen"? Klar, ohne den Burschen und seinen ebenso zähen wie brutalen "Sachsenkrieg" hätte es Deutschland nie gegeben. Aber: Ist Deutschland etwa ein zivilisatorischer Wert an sich? Bis weit in die Neuzeit hinnein könnte
man "Deutschland" ohne Probleme durch "mitteleuropäischer Raum" ersetzen, so gering war die Rolle "des deutschen Volkes" geschweige denn der einer "deutschen Nation" - einschließlich "Kulturnation".

Ich vermute, dass der prägende deutsche Geschichtskanon sich im Deutschen Kaiserreich nach 1871 herausbildete. Das von "Bismark geeinte Reich" als Erfüllung der deutschen Geschichte. Selbst in der DDR scheint dieser Kanon nicht grundlegend infrage gestellt worden sein, schließlich sah sich auch die DDR als historischer Endpunkt. Und auch westdeutsche Geschichtsbücher ließen selten Zweifel daran, dass die BRD der beste Staat war, den es je auf deutschen Boden gab - was etwa dazu führte, dass die "Weimarer Republik" als "gescheitert" wahrgenommen wurde. (Hierzu: Die "Weimarer Republik" war besser als ihr Ruf.)

(Weitere Überlegungen zum Thema - "Das christliche Abendland in den Köpfen (alias "Eurozentrismus")" werden in lockere Folge folgen.)

Dienstag, 26. Februar 2008

Gute Nachrichten für LARPer, Reenacter und sonstige Freizeit-Wikinger

Wie die Universität Uppsala berichtete, war die Kleidung der Wikinger weitaus prächtiger, als bisherige Rekonstruktionen nahelegte.
Schlagzeilen machte bereits die "provokativen" Kleider nordeuropäischer Frauen zur "Wikingerzeit" (ca. 750 - ca. 1050). Die Männer waren, sofern einigermaßen wohlhabend, aber noch eitler und kombinierten orientalische Modeeinflüsse mit nordischem Stil. Zumindest die Festkleidung war bunt und sparte nicht mir kostbaren Materialien und glitzernden Accessoires. Nicht völlig überraschend ist, dass die "provokativen" körperbetonten Kleider mit der Christianisierung verschwanden.
Vikings did not dress the way we thought (mit Bildern).

Hierzu auch, auf Stern.online: Die heiße Mode der Wikinger

Persönliche Anmerkung: Dass sich "die Wikinger anders kleideten, als wir dachten" bezieht sich auf die traditionelle Darstellung der Wikinger etwa in schwedischen Sachbuch-Illustrationen, die gern den "bäuerlich-tugendhaften" Charakter der Kleidung der Nordgermanen des frühen Mittelalters betonten.

Samstag, 26. Januar 2008

Die "Weimarer Republik" war besser als ihr Ruf

Dieser Artikel des "Kölner Stadt-Anzeigers" passt thematisch gut zu meinem vorherigen Blog-Beitrag:
Gerechtigkeit für Weimar.
Die Verunglimpfung, unter der die erste deutsche Demokratie vom ersten Tag an litt, hält auch nach ihrem Tod an - so als wäre diese schwächliche Republik nicht ein Opfer deutscher Raserei gewesen, sondern schuld am deutschen Unglück.
"Weimarer Verhältnisse" - das steht im politischen Sprachgebrauch für Chaos und Instabilität, Arbeitslosigkeit, Gewalt und Scheitern. Selbst im Geschichtsbuch, das ich damals in der Schule hatte, wurde die Erste Republik weitgehend von ihrem Scheitern aus dargestellt - zum Glück war unser Lehrer ein liberaler "Querdenker", die die allzu glatten und bundesrepublikanisch-selbstgefälligen Erklärungsmodelle "wie Hitler an die Macht kam" gegen den Strich bürstete. Denn auch im Buch war von einer "Republik ohne Republikaner" die Rede - aber es stimmt einfach nicht! Die meisten Deutschen waren nicht demokratiefeindlich (und selbst die meisten noch zu Kaisers Zeiten eingesetzten Beamten waren, wenn auch oft sicher zähneknirschend, der Republik gegenüber loyal).
1920 rettete ein Generalstreik der Arbeiter und Beamten nach dem Kapp-Putsch die junge Republik. Bei den meisten Reichstagswahlen hatten die bürgerlichen Parteien eine relative Mehrheit; bis 1932 waren die Sozialdemokraten stets stärkste Partei.
"Weimar" - das war auch eine Epoche kultureller Blüte und Vielfalt, eine Zeit rapiden gesellschaftlichen Fortschritts in Richtung einer offenen, humanen Gesellschaft. Das Scheitern der Ersten Republik wäre selbst im Januar 1933 noch ohne Mühe abzuwenden gewesen.
Weimar war größer als das meiste, das man auf deutschem Boden jemals für groß hielt.
Dem stimme ich uneingeschränkt zu!

Nachtrag: auch die übrigen Artikel des "Kölner Stadtanzeigers" zum Thema "Das Jahr 1933"sind unbedingt lesenswert.

Geschichtswissen ist wichtig für die Demokratie

Wozu soll es wichtig sein, über die ollen Germanen Bescheid zu wissen? Pures Luxuswissen! Oder etwa nicht?
(...) Nicht unterschätzt werden darf nämlich die Attraktivität des Verbotenen, die durch die faktisch existierende Tabuisierung einer Beschäftigung mit germanischer Mythologie in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg entstand. Nur aus diesen Gründen war es der so genannten "rechten Szene" möglich, germanische Mythologie und die Geschichte der Germanen für sich zu vereinnahmen und entsprechend auszudeuten. Auf Grund des in der Allgemeinheit heute nur noch geringen Wissens über germanische Mythologie, das eine deutliche Folge der Tabuisierung der Thematik ist, gelingt es der rechtsextremen Szene, Mythen und Symbole auch zur geheimen Identifikation zu verwenden. (...)
Aus: Vereinnahmung germanischer Mythologie im rezenten Rechtsextremismus – Sprache und Symbolik von Prof. Dr.Dr. Georg Schuppener

Ich bin der Ansicht, dass historisches Unwissen Gefahr für die Demokratie ist. Wobei die Aufklärung genau da einsetzen muss, wo andere Legenden stricken. Es wäre schön, wenn wir einer Gesellschaft leben würden, in der das Wissen darüber, wer "die Germanen" (die es als Stamm, Volk oder gar "Rasse" niemals gab) wirklich waren und was diese Kultur - und andere gern politisch instrumentalisierte "alte Kulturen" - wirklich ausmachte, reines Hobbywissen sein könnte.

Aber dieses Problem, so wichtig es sein mag, ist längst nicht das schlimmste Defizit. Pressemeldung der FU Berlin: Bayerische Schüler wissen mehr über die Geschichte der DDR als Schüler aus Brandenburg. Wobei der Wissenstand der bayrischen Schüler keineswegs "gut" zu nennen ist. Ungeachtet der auch in Bayern bei vielen Schülern vorhandenen Wissenslücken sind diese besser in der Lage, zwischen Demokratie und Unfreiheit zu unterscheiden und die DDR als Diktatur einzustufen.
Es ist signifikant: je weniger Schüler über die DDR wissen, desto milder ist ihr Blick auf den SED-Staat.

Abgesehen davon, dass die Defizite "im Osten" teilweise durch die Scheu der Lehrer erklärt werden kann, dieses für sie "heikle" Thema anzuschneiden - ich habe den Verdacht, dass mangelhaftes historisches Wissen gar nicht so wenige politische Entscheidern gelegen kommt. Denn wer am Beispiel der DDR gelernt hat, woran der Unterschied zwischen Demokratie und Unfreiheit besteht, und zwar gerade anhand des eines Systems, das nicht wie das "Dritte Reich" ein offenkundiger, aggressiver Unrechtsstaat war, der akzeptiert vielleicht die heutige Bundesrepublik Deutschland mehr, als jemand, der das nicht gelernt hat. Aber ganz sicher ist sein kritisches Bewusstsein geschärft. Wer weiß, dass die Stasi kein "ganz normaler Geheimdienst" war, "wie ihn jeder Staat hat", der hinterfragt auch die alarmierenden Tendenzen in Richtung Überwachungsgesellschaft. Wer die Verlogenheit der DDR-Propaganda durchschaut, der durchschaut auch die Meinungsmache in heutigen Medien.

Mittwoch, 12. Dezember 2007

Die Hammaburg war nicht die Keimzelle Hamburgs

In den meisten historischen Darstellungen gilt die "Hammaburg" als Keimzelle Hamburgs. Diese Burg soll, glaubt man den Chroniken, um 817 als fränkischer Brückenkopf nördlich der Elbe errichtet worden sein. Besonderen Wert legten der Chronist Rimbert, um 880 Erzbischof von Bremen, auf das Wirken seines Amtsvorgängers Ansgar, einem von der fränkischen Kirche beauftragten Missionar, der die Hammaburg als Ausgangspunkt für die Missionierung nordelbischen Germanen nutzte. Im Jahr 845 überfielen dänische Wikinger die Hammaburg, die sie anscheinend mühelos einnahmen, plünderten und zerstörten. Bischof Ansgar soll mit knapper Not entkommen sein. Die wiederaufgebaute Hammaburg führte, folgt man diesen Darstellungen, nach dem Wikingerüberfall lange Zeit nur noch ein Schattendasein.

Seit 1948 fanden in der Hamburger Altstadt umfangreiche Grabungen unter der Leitung Dr. Reinhardt Schindlers statt. Damals glaubte man in den für frühmittelalterliche Verhältnisse beachtlichen Wallanlagen - ein Quadrat mit abgerundeten Ecken, ca, 130 Meter Seitenlänge, mit 5–7 Meter hohen und 15 Meter breiten, oben durch Palisaden erhöhten Erdwällen - die Hammaburg gefunden zu haben. Außerhalb der Wälle gab es eine "Vorstadt" mit den Unterkünften der Kaufleute und Handwerker. Sie grenzte an einen Hafen, der an einem der Nebenarme der Alster (oder einer Mündung der Bille) lag, dem 1866 zugeschütteten Reichenstraßenfleet.
Aber schon damals gab es erste Ungereimtheiten: Warum wurde die Kaufmannsiedlung, die ja außerhalb der Wallanlage lag, nicht von den Wikingern geplündert und zerstört? Die spärlichen Funde von Wikinger-Waffen wollten auch nicht so recht zu den 600 Schiffen und 24000 Wikinger-Kriegern passen, die nach Angaben der Chronisten die Hammaburg stürmten - es dürften allerhöchstens 60 Schiffe und 2400 Mann gewesen sein, wahrscheinlich weniger. Zu wenig, um so eine mächtige Festung im Handstreich zu erobern, viel zu wenig für eine erfolgreiche Belagerung.
Datiert wurde die Wallanlage mittels Keramikscherben, die die für die Westslawen typischen Wellenmuster aufwiesen. Es schien zu passen: im Zuge der Sachsenkriege ließ Karl "der Große" Oboriten als "Puffer" zwischen den Sachsen und den mit ihnen verbündeten jütländischen Dänen ansiedeln. Das slawische Siedlungsgebiet muss um 800 bis in das heutige Hamburg gereicht haben.
Spätere wissenschaftliche Erkenntnisse ergaben jedoch, dass die bei den Grabungen gefundene Keramik aus der Burganlage nicht der früh-, sondern der mittelslawischen Zeit entstammte. Daraus lässt sich schließen, dass die Burg frühestens am Ende des 9. Jahrhunderts gebaut wurde - mindestens 50 Jahre nach dem Untergang der von Rimbert bezeugten Hammaburg.

Bei Grabungen in den Jahren 1980 bis 1987 fand man unterhalb der ersten eine zweite, kleinere Wallanlage. Diese entspricht dem Typ einer sächsischen Burg und stammt aus dem 8. Jahrhundert, aus der Zeit vor den "Sachsenkriegen" und der christlichen Missionierung. Sie ist damit zu alt, um die Hammaburg zu sein, die laut Rimbert 817 errichtet wurde.

Seit 2005 wird durch Archäologen des Helms-Museums unter der Leitung von Karsten Kablitz das Domplatz-Areal erneut untersucht. Dabei wurden Wallanlagen gefunden, die dem Augenschein nach Überreste der Hammaburg sein könnten.
Nähere Untersuchungen lassen aber den Schluss zu: Wenn es die Hammaburg überhaupt gab, dann befand sie sich nicht am heutigen Hamburger Domplatz. Das ergaben die C-14-Untersuchungen des Wallkörpers. Zwei Gräben wurden auf die Zeit zwischen 650 und 750 datiert, als die Hammaburg noch nicht existierte. Die großen Wallanlagen, die man nach 1948 für die Hammaburg hielt, datierte man nach Holzresten auf die Jahre 891 und 983 - was gut zu der Datierung durch mittelslawischen Keramikfunde passt.
(Hierzu auch im "Hamburger Abendblatt": Hammaburg - der große Irrtum. Weitere Informationen auf der Website des Helms-Museums.)

Ich vermute, dass die Hammaburg allenfalls eine eher kleine, abseits des Domplatz-Areals gelegenen Anlage war, die durchaus von ein paar entschlossenen Wikingerkriegern im Auftrag des sich bedrängt fühlenden Dänenkönigs Horich (Hørik) "plattgemacht" werden konnte. Es ist aber auch eine andere Deutung möglich: Hamme oder Hamm bezeichnet auf altniedersächsisch "festes Land in einem Sumpf oder Moor". Der Geesthang, auf dem später die Hamburger Altstadt entstand, war durch natürliche Gegebenheiten so gut geschützt, dass die Bewohner ihn als "Hammaburg " bezeichnet haben könnten. Eine tatsächliche "Burg" hätte es somit gar nicht gegeben - zumindest nicht in der Zeit zwischen der Zerstörung der sächsischen Burg und dem Bau der Wallanlage im späten 9. Jahrhundert.
Davon, dass Hamburg 817 mit der Hammaburg gegründet worden sei, kann ohnehin keine Rede sein. Die ältesten festen Behausungen im Gebiet der heutigen Hamburger Altstadt datieren auf das 4. Jahrhundert v. u. Z.. Eigentliche "Keimzelle" Hamburgs war wohl eine befestigte Siedlung der sächsische Nordalbingier (Nordludi), im 6. Jahrhundert auf einem Geestrücken bei der Alstermündung angelegt, ein Dorf namens Hamm.

Die Burg aus dem späten 9. Jahrhundert, zu dem die auf das Jahr 891 datierten Funde passen, wird als Domburg gedeutet, erbaut zum Schutz des neuen erzbischöflichen Mariendoms. Sie wird aber auch (oder hauptsächlich) eine Festung des "Limes Saxoniae" gewesen sein, der militärisch gesicherten Grenze zwischen dem mittlerweile ins Ostfrankenreich eingegliederten und christianisierten nordelbischen Sachsen und den noch heidnisch gebliebenen Slawen. Bereits 915 wurde die Burg beim ersten dokumentierten Überfall der slawischen Obodriten erobert, aber wohl nicht "dem Erdboden gleichgemacht". 983 wurde die Burg von der Armee des Obodritenfürst Mistui im Jahre 983 zerstört oder erheblich beschädigt. Die auf 983 datierten Holzstücke gehören wahrscheinlich zum Wiederaufbau. Die Hartnäckigkeit, mit der die Festung bis ins 11. Jahrhundert berannt, zerstört, wieder aufgebaut und mehrfach erweitert wurde, lässt auf eine gewisse strategische und wirtschaftliche Bedeutung Hamburgs schließen. Jedenfalls kann von einem "Schattendasein" Hamburgs zwischen 845 und dem Aufleben des Nordseehandels im 12. Jahrhundert wohl keine Rede sein.

Sonntag, 9. Dezember 2007

Muss die Geschichte der Wikingerzeit umgeschrieben werden?

Dass die Geschichte umgeschrieben werden muss meint jedenfalls die norwegische Zeitung "Aftenposten" anlässlich der Entdeckung zweier großer wikingerzeitlichen Hallen in Borre (Vestfold).
(Der Aftenposten-Artikel auf Englisch: Rewrites Viking history)

Tatsächlich stellt die Entdeckung solcher "Königshallen" in der Nähe der Grabhügel von Borre die bisherigen Ansichten über die Machtverteilung im wikingerzeitlichen Norwegen in Frage. (Borre liegt am Westufer des Oslofjords, in der Nähe der Hafenstadt Horten.)
Die Grabhügel von Borre entstanden zwischen 560 - 1050 u. Z. . Sieben große und über 30 kleinerer Hügel bilden das größte frühmittelalterliche Grabhügelfeld Nordeuropas. Leider wurden alle Gräber später geöffnet und ausgeplündert. Dennoch gelangen einige kunsthistorische bedeutsame Funde ("Borrestil").

Die Hallen wurden mit Magnetometern und Bodenradar lokalisiert (größere Grabungen am Fundort stehen anscheinend noch aus).
Die größere hölzerne "Königshalle" wurde auf die Zeit um 700-800 datiert und könnte 40 m lang und 12 - 13 m breit gewesen sein. Damit wäre sie die größte bisher gefundene wikingerzeitliche Halle in Vestfold. Das deutet darauf hin, dass Borre nicht nur ein Begräbnisplatz war, sondern ein echtes Machtzentrum. Nach Ansicht der Archäologin Lena Fahre vom Midgard-Geschichtszentrum trafen sich hier Stämme aus ganz Nordeuropa zu Opferritualen.

Die am Fund beteiligten Archäologen sind der Ansicht, dass die bisherige historische Lehrmeinung, dass Kaupang das herausragende Machtzentrum Norwegens war, revidiert werden muss, da nun ein weiteres Zentrum weiter im Norden gefunden wurde.

Die Hallen dürften architektonisch und wohl auch in der Funktion die Vorläufer der berühmten hochmittelalterlichen Stabkirchen gewesen sein.
Damit erhärten die Funde die Theorie des Germanisten und Religionshistorikers Rudolf Simek, der davon ausgeht, dass es zumindest im skandinavischen Raum durchaus "Tempel" gab, die zugleich Versammlungsräume waren. (Dargelegt u. A. in seinem Buch Religion und Mythologie der Germanen.) Das könnte die widersprüchlichen Angaben antiker und mittelalterlicher Autoren darüber, ob es im nordgermanischen Kulturraum heidnische Tempel gab oder nicht, erklären: manche Autoren sahen in den Hallen nur "weltliche" Räume, andere stellten die sakrale Bedeutung in den Vordergrund. Die heidnischen Germanen unterschieden, anders als die Christen, nicht strikt zwischen sakraler und weltlicher Sphäre. Von ihrer Funktion dürften die Königshallen "Mehrzweckbauten" wie die aus der Antike bekannten Basiliken (von gr. basilike, was auch "Königshalle" bedeutet) gewesen sein: Räume für Gerichtssitzungen, Volksversammlungen, Handelsgeschäfte, Repräsentation des Herrschers (der stets auch sakrales Oberhaupt war), Feste und gemeinschaftliche Rituale.

Dienstag, 27. November 2007

Wie "echt" ist ein "echter Germane"?

Vorgestern erschien in der "Bild am Sonntag" ein Artikel, der den Alpträumen eines völkisch gesonnenen Rassenquassler entsprungen sein könnte, und der es gestern auch in der Online-Ausgabe eines seriösereren Springer-Blattes geschafft hat. Welt online: Nur wenige Deutsche sind echte Germanen.

Der kurze Artikel beruft sich auf eine bislang unveröffentlichte Studie der Schweizer Genforschungsinstitutes Igenea.
Wobei hinsichtlich der Genauigkeit, mit der BamS dessen Forschungsergebnisse wiedergibt, durchaus Skepsis angebracht ist. Daher bin ich auf die offizielle Veröffentlichung der Studie gespannt.

Sie förderte, glaubt man dem BamS-Artikel, erstaunliches zutage: so hätten 10 % aller Deutschen jüdische Vorfahren. Was genealogisch völlig plausibel ist, denn seit über 1700 Jahren leben Juden im heutigen Deutschland. Wobei ich gerne wüsste, mit welcher genanalytischen Methode Igenea das herausgefunden haben soll. An die Existenz einer "jüdischen Rasse" im genetische Sinne hat noch nicht einmal der tonangebende NS-Rasseforscher Hans F. K. Günther geglaubt.

Interessant ist, dass das Schweizer Labor, glaubt man BamS, zudem heraus fand, dass lediglich sechs Prozent aller Deutschen väterlicherseits germanischen Ursprungs sind. 30 Prozent stammen danach von Osteuropäern ab. Auch wieder völlig plausibel.
Nur - wie bekommt man heraus, dass eine bestimmte Genkombination auf einen "germanischen" Vorfahren hinweist? Denn: eine "germanische Rasse" gibt es ebenso wenig wie eine "jüdische" oder "osteuropäische".

Dabei gelingt mit genanalytischen Methoden erstaunliches. So wurden in der Stiftskirche St. Dionysos in Enger (Westfalen) wurden die Gebeine zweier ca. 60 Jahre alten Männern und einem Jugendlichen aus der Zeit um 800 gefunden. Es wird vermutet, dass die beiden großen und athletisch gebauten Männer, deren Knochen Spuren eines Lebens im Sattel und im Kampf aufweisen, die des Gegners Karls der Großen in den Sachsenkriegen, Widukind, und seines Schwagers Abbio sein könnte. Auch wenn das nicht abschließend zu klären ist, sprechen Genanalysen dafür, dass einer der beiden älteren Männer und der junge Mann eng mit noch heute in Westfalen lebenden „alten Familien“ verwandt sind, während der andere ältere Mann mit einer in Südjütland lebenden Population verwandt ist, also nach heutigen Begriffen "Däne" war.
Man kann also durch Vergleiche mit gut erhaltenen Leichenresten und durch Populationsvergleiche durchaus "Abstammungslinien" über Jahrhunderte hinweg nachweisen. Nun waren die "alten Westfahlen" Germanen. Genau so übrigens wie die Vorfahren des anderen älteren Mannes, der vielleicht Abbio war. Allerdings ist "germanisch" in erster Linie ein sprachwissenschaftlicher und in zweiter Linie - mit abweichender Bedeutung - ein kulturhistorischer Begriff. Selbst anatomisch sind die beiden "germanischen" Populationen in Ostwestfalen und in Südjütland verschieden. In der Terminologie des "Rasseforschers" Günther gehörten die Westfalen zur "fälischen" (Merkmal: breite Schädel) und die Jüten zur "nordischen Rasse" (längliche Schädel). Diese und andere Merkmale haben sich, statistisch gesehen, in beiden Populationen "erhalten", obwohl es schon zu Kaiser Karls Zeiten zu "Blutsmischungen" (Rassequasslerjargon) kam.
Wie vorsichtig man heutzutage mit Begriffen wie "germanisch", "keltisch", "slawisch" usw. ist, zeigen Ausgrabungen alter Eisenhütten im heutigen bergischen Land. Die Funde gehören eindeutig zur La-Tène-Kultur. Die La-Tene-Kultur ist eine keltische Kultur. Trotzdem scheuen die Archäologen davor zurück, von keltischen Funden zu sprechen. Warum?
Es ist bekannt, dass in dieser Region und im in Frage kommenden Zeitraum sowohl keltische wie germanische Stämme gelebt hatten. Ferner ist bekannt, dass die Germanen Werkzeuge und handwerkliches "Know How" von den technisch "fortgeschritteneren" keltischen Nachbarn übernahmen. Also kann man an den Werkzeugen und Eisenhütten nicht erkennen, ob sie von Kelten oder "keltisierten Germanen" stammen. Mit DNS-Spuren in eventuellen Leichenresten könnte man das übrigens auch nicht.
Tatsächlich haben Genuntersuchungen ergeben, dass unter den Vorfahren der heutigen Iren, die ohne jeder Zweifel bis heute einer keltischen Kultur angehören, nur sehr wenige Vorfahren aus dem "Ursprungsgebiet" der Kelten, dem nördlichen Alpenrand, zu finden sind. Oder nehmen wir die Goten - größter germanischer Stammesverbund der Völkerwanderungszeit. Würde man deren DNS analysieren, würde man fast ausschließlich osteuropäische Vorfahren finden - obwohl die Goten steif und fest daran glaubten, aus dem heutigen Schweden zu stammen, worauf auch Sprache und Kultur hindeuten. Des Rätsels Lösung: nach der Überlieferung landeten die Goten mit nur drei Schiffen im Gebiet der Weichselmündung im heutigen Polen. Selbst bei kaninchenhafter Vermehrung hätten die Nachkommen dieser höchstens 60 Menschen nicht ausgereicht, um einige Jahrhunderte später das nach hunderttausenden zählende "Volk" der Goten zu bilden. Die Vorfahren der historischen Goten wurden ganz überwiegend in den Stamm aufgenommen, quasi adoptiert.
Es ist erstaunlich, wie lange sich die Legende von der "reinen Rasse" der Goten gehalten hat. Schließlich käme niemand auf die Idee, in jedem Römer der damaligen Zeit einen direkten Nachkommen der stadtrömischen Bevölkerung aus der Zeit um 700 v. u. Z. zu halten. Und wenn man die Abstammung von ihren jeweiligen Vorfahren im Jahre 150 v. u. Z. zugrunde legt, dann standen sich 400 Jahre später am Limes nicht "Römer" und "Germanen" gegenüber, sondern "romanisierte Kelten" und "germanisierte Kelten". Und auch die Vorfahren der "Kelten" wurden irgendwann einmal "keltisiert", denn die paar tatsächlich aus der Region um Hallstadt zugewanderten "Urkelten" unter ihren Vorfahren kann man getrost vernachlässigen.

Oder nehmen wir das Gebiet des heutigen Mecklenburgs. Um die Zeitenwende lebten dort nachweislich Germanen. Um das Jahr 800 lebten dort, genau so nachweislich, ausschließlich Slawen. Um um 1500 kann man von einer durchgehenden deutschen Bevölkerung ausgehen. Sieht man sich die Karten in den Geschichtsatlanten an, dann wanderten die Germanen in der Völkerwanderung ab und die Slawen ein. Und im Mittelalter, in der ersten Phase der "Ostkolonisation", wanderten Deutsche nach Mecklenburg ein. Nun war es aber nicht so, dass vor der der "Ostkolonisation" Mecklenburg menschenleer gewesen wäre - und Ausrottungskriege und Vertreibungen gab es nicht. Tatsächlich vermischten sich "Ansässige" und "Zugewanderte", wobei die "Deutschen" aus politischen und kulturellen Gründen die Oberhand behielten. Sie hätten, bei anderen Verhältnissen, auch "slawisch assimiliert" werden können, wie die skandinavischen Siedler in Russland, oder Enklaven bilden können, wie die Wolgadeutschen oder die Siebenbürger Sachsen. Einige Jahrhunderte zuvor waren die Slawen wirklich in einen "verlassenen" Raum eingedrungen. "Verlassen" in dem Sinne, dass ein so großer Teil der Bevölkerung abgewandert war, dass die Siedlungsdichte so gering wurde, dass das Land für Zuwanderer aus dem Osten interessant wurde. Weil auch ein großer Teil der "Oberschicht" der Germanen "unterwegs" war, gewannen die besser organisierten Slawen die kulturelle Vorherrschaft.

Also: von der Vorstellung, die "alten Völker" seien "bodenständig und unvermischten Blutes" gewesen, sollte man Abstand nehmen. Auch die Vorfahren der Westfalen und der Jüten zur Zeit Widukinds waren erst einige Jahrhunderte lang "Germanen".

Der beste Absatz im "Welt online"-Artikel ist der vorletzte:
Die moderne Genetik zeige die Unsinnigkeit des Rassismus auf, sagte Imma Pazos, eine der Wissenschaftlerinnen. Alle Genanalysen bewiesen, dass jeder Mensch unzählig viele Wurzeln habe und in jedem ein „Mischmasch“ stecke.
Was folgt, ist entlarvend:
Igenea wirbt im Internet gemeinsam mit der „Bild“-Zeitung für Gentests zur Bestimmung der Abstammung. Diese Tests kosten je nach Fragestellung mindestens 120 Euro.
Da kann ein wenig Sensationsmache wohl nicht schaden.

Samstag, 10. November 2007

Georg Elser - ein einsamer Held

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit fand vorgestern der Jahrestag des Attentates auf Adolf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller statt.

Der einfache Handwerker Elser wurde von "offizieller" Seite jahrzehntelang nicht als einzelgängerischer Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus anerkannt. Auch heute noch steht seine gut durchdachte und mutige Tat im Schatten der Attentäter des "20. Juli 1944". Tatsächlich war Elsers Bombenattentat dasjenige von mindestens 42 Attentaten, die auf Hitler geplant wurden, dasjenige, das am nächsten "am Ziel" war - nur eine Verkettung unglücklicher Zufälle führte dazu, dass Elsers Bombe ihr Ziel um eine Viertelstunde verfehlte. Sie tötete stattdessen acht Besucher, die sich zuvor die Rede Hitlers angehört hatten. Sieben davon waren NSDAP-Mitglieder.
Erst gegen Kriegsende wurde Elser im KZ Dachau hingerichtet.

Näheres und viele Links im Wikipedia-Artikel Georg Elser
Georg Elser auf Shoa.de

Wieso wurde er trotzdem bis in die 1980er Jahre "vergessen"?
Elser war KPD-Mitglied aber Einzelgänger. Damit war zur hohen Zeit des "kalten Krieges" für Antikommunisten "unmöglich. Der kommunistische Widerstand gegen Hitler war ungewöhnlich opferreich, opferreicher als der anderer Gruppen. Elser schloss sich ihm bewusst nicht an - und war als Einzelgänger beinahe erfolgreich. Kein Held nach dem Herzen strammer und organisationsgläubiger Kommunisten.
Hinter Elser stand keine Widerstandsgruppe und auch keine politische oder gesellschaftliche Gruppierung, die seine Tat nach dem Ende des Nazi-Reichs für sich reklamieren konnte. Ein Held ohne Lobby.

Entscheidend für die Ablehnung Elsers war auch, dass die Umstände des Attentates seltsam unwahrscheinlich anmuten, und dass Hitler selbst meinte, er sei nur dank der Gunst der Vorsehung um Haaresbreite dem Tode entronnen.
Antifaschisten im In- und Ausland waren ähnlich wie beim Reichstagsbrand davon überzeugt, die Nationalsozialisten selbst hätten das Attentat organisiert, um den Glauben an den von der "Vorsehung" beschützten Führer zu stärken.

Hätte 1964 der Historiker Lothar Gruchmann nicht die vollständigen, aus 203 Seiten bestehenden Protokolle der Gestapo von den Verhören Elsers entdeckt, die die Versionen der Nazi-Propaganda ebenso Lügen strafte wie die z. T. verleumderischen Verschwörungstheorien, leider auch seitens anderer Widerständler, gäbe es heute wahrscheinlich kein offizielles Gedenken für Georg Elser. Historiker weigerten sich lange Zeit beharrlich, sich mit Elser als Widerständler zu beschäftigen, weil sich das Gerücht hielt, er sei eine Marionette der Nationalsozialisten gewesen. Seine Familie wurde geschmäht und erhielt keine Haftentschädigung.
Die Wahrheit entzog sich durch ihre "Unglaubwürdigkeit" der Wahrnehmung.

Erst durch den Film "Georg Elser - einer aus Deutschland" aus dem Jahr 1989 wurde Elser der breiten Öffentlichkeit wirklich bekannt.

Wenn Elser Erfolg gehabt hätte, wäre seine Tat vermutlich folgenschwerer und segensreicher gewesen als etwa ein geglücktes Attentat vom 20. Juli 1944. Der zweite Weltkrieg war noch kein "Weltkrieg", der systematische industriellen Massenmord an Juden, "Zigeunern", Behinderten, Andersdenkenden und Menschen, die das Pech hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, hatte noch nicht begonnen. Und: die internen Machtkämpfe innerhalb des NS-Staates waren zu dieser Zeit besonders heftig.
Das Attentat wäre zu genau dem richtigen Zeitpunkt gekommen - und die Bombe hätte außer Hitler wahrscheinlich auch Propagandaminister Goebbels, den Generalgouverneur des besetzten Polens, Hans Frank, Außenminister Ribbentrop, den Beauftragten für die "Euthanasie" (systematische Ermordung von Behinderten und psychisch Kranken) Bouhler und nicht zuletzt den Reichsführer SS, Heinrich Himmler, getötet.

Die Folge wären ohne Zweifel ein offener Machtkampf gewesen, in dem sich zwar mit einiger Wahrscheinlichkeit Hermann Göring durchgesetzt hätte, der aber wahrscheinlich die politische und militärische Führung so lange gelähmt hätte, dass Frankreich und Großbritannien Deutschland militärisch hätte besiegen können. Aber selbst wenn es nicht so günstig gekommen wäre: weder die Judenvernichtung noch der Vernichtungskrieg gegen die UdSSR standen auf der "Agenda" der verbliebenen "NS-Größen" so weit oben wie bei Hitler und Himmler.

Randbemerkung: Soeben habe ich - formaljuristisch betrachtet - einen Mörder und Bombenleger, der es auf das Leben des damaligen deutschen Staatsoberhaupt und einiger seiner wichtigsten Regierungsmitglieder abgesehen betrachtet, verherrlicht. Ob "man" mich deshalb für einen Terroristen-Sympathisanten halten und observieren wird? Wenn der Bombenbastler nicht ausgerechnet "Georg Elser" hieße, hielte ich das für durchaus möglich.
Kokettieren mit terroristischem Gedankengut.

Zweite Randbemerkung: Georg Elsers "unwahrscheinliches" Attentat ist einer der Gründe, weshalb ich skeptisch bin, wenn jemand nach Attentaten von "eindeutigen Inszenierungen" und "Inside Jobs" redet.

Montag, 22. Oktober 2007

Griechische Gedanken

Der Geburtstag einer guten Freundin brachte mich auf einen Gedanken, der mich nicht mehr los ließ: Wie wurde eigentlich Altgriechisch von den alten Griechen gesprochen?
Genauer gesagt, war es ein Lied Karans, eine Vertonung der Hymne an Aphrodite der Dichterin Sappho, das mich auf diesen Gedanken brachte.
Als ich Aphrodita zum ersten Mal hörte, war ich überrascht, wie sie das Altgriechische aussprach: nämlich neugriechisch.
Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, und spielte das Lied einem Griechen vor. Er meinte, die Sprache sei wohl Katharevousa, aber er hätte nie richtig diese "Bildungssprache" gelernt, die höchstens noch in der Kirche wichtig wäre.
Im Grunde beginnt das Problem schon bei der Aussprache des Namens der Dichterin: Σαπφώ oder in ihrer Sprache, dem aiolischen Griechisch Ψάπφα. Ich spreche ihren Namen rein vom Gefühl her in etwa [sapˈfɔː] aus, glaubt man "Wikipedia", dann ist die deutsche Aussprache: [ˈza(p)foː], also mit stimmhaftem "S". Die Aussprache von Σαπφώ (attisches Griechisch) wäre (klassisch) [sapˈpʰɔː], von Ψάπφα - aiolisches Griechisch, Aussprache (klassisch) [ˈpsappʰaː].

Und ich fragte mich, woher man wissen will, wie die alten Griechen gesprochen haben, schließlich gab es damals noch nicht einmal Schallplatten. (Ich habe neulich mit einem Zehnjährigen gesprochen, der meinte, die Schallplatte sei etwas, was die Leute "ganz, ganz früher" gehört hätten, also ein quasi antikes Medium. Was bestätigt, was mein Geschichtslehrer einst meinte: "Für die meisten Menschen ist alles "klassisch", was vor ihrer Geburt war".)

Der Wikipedia-Artikel über Altgriechische Sprache beantwortete diese Frage auch nicht, aber immerhin:
Hinweis: Die Schulaussprache des Altgriechischen der verschiedenen Lehrtraditionen weicht in allen Fällen von der mittlerweile erforschten Phonologie der Sprache erheblich ab.
Im heutigen Griechenland ist es üblich, Altgriechisch einfach wie modernes Griechisch auszusprechen - also hat Karan recht. Mehr jedenfalls, als wenn sie das Gedicht "Schulgriechisch" ausgesprochen hätte. Zumal es seit dem 2. Jahrhundert kaum mehr relevante Lautverschiebungen im Griechischen gegeben haben soll. "Biblisches" oder anderes post-klassisches Koiné-Griechisch wurde also schon in einer Weise ausgesprochen, die dem Neugriechischen schon in wesentlichen Punkten entsprach. (Koine - κοινή - war altgriechische Allgemeinsprache vom Hellenismus bis in die römische Kaiserzeit (etwa 300 v. u. Z. bis 600 u. Z. . Sie bildete sich dadurch, dass sich die unterschiedlichen Dialekte des Altgriechischen annäherten. Was wir "klassisches" Altgriechisch nennen, ist der ionische Dialekt, wie er im Athen um 400 v. u. Z. gesprochen wurde.)

Egal, wie es nun genau klang, als Sappho ihre Gedichte vortrug - dieser kleine Ausflug in die Sprachgeschichte erinnerte mich wieder daran, dass das, was wir über "alte Zeiten" zu wissen glauben, sich sehr von dem unterscheiden kann, wie es wirklich wahr. Wenn wir einen Bewohner Athens um 400 vor unserer Zeitrechung nach "Sokrates" gefragt hatten, hätte der nur verwundert die Augenbrauen gehoben (nicht etwa den Kopf geschüttelt und wahrscheinlich auch nicht den Kopf kurz in den Nacken gelegt und mit der Zunge geschnalzt, wie es moderne Griechen bei deutlicher Verneinung zur Verwirrung ahnungsloser deutscher Touristen machen).

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