Geschichte & Archäologie

Sonntag, 20. Juli 2008

20. Juli

Der 20. Juli 1944 war der Tag, an dem das von Claus Schenk Graf von Stauffenberg im Führerhauptquartier Wolfsschanze ausgeführte Attentat auf Adolf Hitler und der anschließende versuchte Saatsstreich scheiterten.

Bis heute folgenreicher ist leider der 20. Juli 1933. Damals unterzeichneten Eugenio Pacelli - Papst Pius XII. - und der deutsche Vizekanzler Franz von Papen das Reichskonkordat, das das Verhältnis zwischen dem "Heiligen Stuhl" und dem Deutschen Reich regelt und das heute noch fast uneingeschränkt(!) gilt. Es umfasst das "Recht der Kirchen auf Erhebung von Kirchensteuern", die Bestimmung "katholischer Religionsunterricht ist ordentliches Lehrfach” und die Regelung: "Das Reich wird für nicht-katholische Konfessionen gleichartige Regelungen treffen" - die dann auch mit den evangelischen Kirchen getroffen wurden.

Dass im heutigen Deutschland die für demokratisch verfasste Staaten übliche Trennung von Staat und Kirche de facto nicht existiert, ist auf diesen "Kuhhandel" zwischen Nazideutschland und Vatikan zurückzuführen, der nebenbei auch noch der erste große Prestigeerfolg des Naziregimes war.

Zwei erfreulichere Jahrestage:
20. Juli 1906: Finnland führt als erstes europäisches Land das aktive und passive Frauenwahlrecht ein.
Am 20. Juli 1969 erfolgte die erste bemannte Mondlandung mit Apollo 11 durch Neil Armstrong und Edwin Aldrin.

Samstag, 19. Juli 2008

Fremde alte Welten: die Wikinger

Wie schon Fremde alte Welten: Das antike Griechenland beginnt dieser Beitrag in einer trauten Runde von Science-Fiction-Fans und -Schaffenden, am Abend nach einem Science Fiction-Con, in diesem Falle dem "4. Hamburger Zellaktivator-Con". "Con" könnte für "congregation", was man schlicht mit "Versammlung" übersetzen kann, oder für "congress" - Kongress, wer hätte es gedacht - stehen. (Oder für "convention" - danke, Karsten, diese gängige Deutung hatte ich glatt vergessen!) So genau weiß das keiner mehr, und ob es "der" oder "die" Con heißt, kann man sich trefflich streiten, aber es ist letzten Endes egal ... )
Dieses Mal war die Runde kleiner - wir saßen bei Rotwein an der ansonsten schon verwaisten Bar des Eidelstedter Bürgerhauses, im Westen Hamburgs.
Zu unserer Runde gehörte Uwe Anton, SF-Autor (unter anderem bei "Perry Rhodan") und Übersetzer. Da mit Heiko Langhans ein weiterer Übersetzer anwesend war, drehte sich das Gespräch zeitweilig um, na klar, Übersetzungen. Uwe Anton hatte unter anderem die Romantrilogie "The Last Viking" von Poul Anderson übersetzt (deutscher Titel - man ahnt es schon - "Der letzte Wikinger"). Ich kannte die Trilogie und fragte Uwe, wieso die Romane vom Ullstein-Verlag als "Fantasy" vermarktet würden, denn Anderson hält sich genau an die Lebensgeschichte des Warägers und späteren Königs von Norwegen, Harald Hardrade, und beachtet sorgsam die bekannten historischen Tatsachen - weitaus genauer als die meisten historischen Romane, die ich kenne.
Uwe antwortete (darin unterstützt von Heiko), dass "The Last Viking" von magischem Denken geprägt sei, bzw. dass die Protagonisten Magie praktizieren würden. Das sei ein eindeutiges Merkmal von Fantasy.
Meinen Einwand, dass Poul Anderson nur die damals übliche Weltsicht getreulich wiedergegeben hätte, ließen die beiden nicht gelten.

Obwohl sie uns zeitlich näher steht als die Welt der alten Griechen, ist die Welt der Nordeuropäer des frühen Mittelalters für uns nicht weniger fremdartig.
Es ist nichts Neues, dass die meisten historischen Romane die zur Zeit ihrer Entstehung moderne Vorstellungen in vergangenen Zeiten projektieren. Nach der Theorie, dass der Grad an Fremdartigkeit, den ein durchschnittlicher Leser bei einem Unterhaltungsstoff akzeptiert, eher gering ist, müsste ein sehr genau recherchierter und auch die sozialen und religiösen Verhältnisse seiner Handlungszeit wiedergebender Roman weniger erfolgreich sein, als ein Roman, in dem salopp gesprochen, kostümierte Menschen der unserer Gegenwart auftreten.
Tatsächlich gibt es einen Roman, der wie "Der letzte Wikinger" in der ersten Hälfte des 11.Jahrhunderts handelt, der sozusagen das Muster eines auf das heutige Denken abgestimmten (pseudo-)historischen Romans ist: Noah Gordons "Der Medicus". Gordons lässt einen europäischen Heiler in Isfahan in der Schule des berühmten persisches Arztes Abu ʾAli Sina (Avicenna) studieren, um das vor-aufgeklärte Europa mit der hochzivilisierten islamischen Welt des Mittelalters zu konfrontieren.Allerdings handelt der Roman in einer "mittelalterliche" Fantasiewelt, die mit dem realhistorischen 11. Jahrhundert nicht viel gemein hat. Der Roman enthält viele Anachronismen, z. B. gab es im damaligen England keine Hexenverfolgungen, es werden Länder bereist, die es erst viel später gab, wie Bulgarien oder die Türkei, und auch seine Beschreibung Isfahans ist anachronistisch. Außerdem bagatellisiert er die großen kulturellen Unterschiede zwischen Persern und Arabern. "Der Medicus" bedient äußerst wirksam landläufige moderne Klischees, was neben der "anti-eurozentrischen" Aussage und der pseudo-dokumentatorischen Detailfülle entscheidend zum Erfolg des Romans beitrug.

Aber zurück in die "Wikingerzeit". Wobei "Wikinger" ja einen "Beruf" und nicht etwa eine Volkszugehörigkeit beschreibt: „die Wiking“ war eine „lange Seereise“. Auf „die Wiking gehen“ hieß soviel wie sich auf Handelsreise / Raubzug / Kriegsfahrt / Forschungsexpedition begeben - die Übergänge waren fließend. Ein „Wikinger“ war gewissermaßen (um es mit „Hägar dem Schrecklichen" zu sagen) ein „Geschäftsreisender“. Aus sprachlicher Bequemlichkeit behalten wir diesen Begriff für die nordgermanische Gesamtbevölkerung bei. Auch Begriffe wie "Normannen" oder "Waräger" sind nur bedingt brauchbar.

Darüber, was in den Köpfen der "Wikinger" ablief, kann, weil die schriftlichen Quellen spärlich und, wie die in Klostern entstandene Chronikliteratur. oft hochgradig tendenziös ist, sehr viel weniger gesichert gesagt werden, als z. B. von den Griechen der "klassischen" Zeit. Was zu allen möglichen Projektionen führte: auf der einen Seite das Bild der kulturfernen, brutalen, zivilisationsunfähigen, streitsüchtigen und rücksichtslosen Barbaren (noch im Jahr 2000 im "Spiegel" thematisiert), auf der anderen die opferbereiten, bis in den Tod gefolgschaftstreuen, von der dekadenten städtischen Zivilisation unberührten, sich kühn mit dem Recht des Stärkeren nehmenden, keinem mannhaften Kampf aus dem Wege gehenden nordischen Recken. Wobei das negativ gemeinte Klischee von den saufenden und raufenden barbarischen Plünderern und das positiv gemeinte von den urwüchsigen harten, aber geraden, nordischen "edlen Wilden" im Grunde auf den selben Klischees beruht. So schief das Bild von "Kulturzerstörenden Wikinger auch ist, es ist auch hoffnungslos übertrieben, die "Wikinger" zu "Kulturbringern" zu stilisieren, wie das z. B. schwedische Nationalromantiker und deutsche Nazis gerne taten. Die ebenfalls etwas verkürzte, aber historisch berechtigte, Feststellung, dass die parlamentarische Demokratie eine Errungenschaft der "Wikinger" sei, und das straffe Hierarchie zur Wikingerzeit schwerlich funktioniert hätten, erfreut sich (zumindest in Deutschland) keiner großen Anhängerschaft.

Eine wichtige Frage - nämlich die nach der Religion der Germanen, einschließlich der Nordgermanen, vor der Christianisierung habe ich bereits an andere Stelle ausführlich beantwortet: Die "alten Germanen" hatten keine Religion. Nur soviel in Kürze: es gab keine heiligen Bücher, keine göttlichen Offenbarungen, die nur auserwählten Propheten (und sonst niemandem) zuteil werden, keine "unfehlbaren" Religionsführer, keinen Priesterstand (Goden waren keine Priester im antiken, geschweige denn christlichem Sinne), keine verbindliche Glaubensvorschriften. Was auch der Grund war, weshalb Jesus relativ mühelos in die Götterwelt vieler wikingerzeitlicher Nordeuropäer integriert werden konnte - ohne das die "Christusverehrer" damit auch schon Christen geworden wären. Die Grenze zwischen "Heidentum" und "Christentum" war offensichtlich recht fließend. Noch im 11. Jahrhundert gab es Gussformen, mit denen je nach Bedarf christliche Kreuze oder Thorshämmer gegossen werden konnten. Bezeichnend ist die Annahme des Christentums durch den Isländischen Althing im Jahre 1000 - übrigens, was gern verschwiegen wird, auf Druck des norwegischen Königs Ólaf Tryggvason, der sich selbst für einen Christen hielt. Nach dem Althingbeschluss durften heidnische Götter zunächst weiter verehrt werden.
Die Missionierung folgte oft politischen Zwecken; das Volk wurde von der "heilsanstaltlichen" Kirchorganisation erfasst, die wiederum eine Machtbasis des sich zentralisierenden Königstums war. Als sich monarchistisch verfasste Staaten in Nordeuropa durchgesetzt hatten, endete die "Wikingerzeit". Auch nachdem sich Königtum und Adel herausgebildet hatten, wurde der "Staat" in Nordeuropa nicht über ein räumliche Territorium definiert (etwa "Dänemark"), sondern über seine Menschen und deren Stellung zum Herrscher (in modernen Begriffen "König der Dänen" statt "König von Dänemark"). Deshalb zog der Tod eines "starken" Königs nicht selten den Zerfall seines Reiches nach sich - Norwegen wurde z. B. mehrmals "geeint" und zerfiel eben so oft wieder in Kleinkönigtümer.

Der immer wieder aufscheinende, vermutlich durch die harten Lebensbedingungen verstärkte, Pragmatismus der "Wikinger" erstreckte sich auch auf das "geistliche" Leben. So heißt es in einem Sagatext, ein Vater hätte sich enttäuscht von Odin abgewandt, nachdem zwei seiner Söhne im Kampf gefallen waren (Odin ist unter vielem Anderen ein Schlachtengott) - er würde nun lieben Thor verehren. Die Annekdote vom Wikinger-Händler, der sich über die schlechte Qualität des Taufhemdes beklagte, denn bei all seinen über 20 vorherigen Taufen hätte er bessere Hemden bekommen - mag von einem christlichen Chronisten, der die "Verstocktheit" und "Doppelzüngigkeit" der Normannen beklagte, erfunden worden sein, aber ohne einen tatsächlich ausgeprägten Pragmatismus, gepaart mit Individualismus und Habgier, ergibt die Anekdote keinen Sinn.

Stichwort "Individualismus". Es wäre falsch, diesen mit dem modernen "Einzelkämpfertum", der Ich-Bezogenheit einer auf permanenten Wettbewerb ausgerichteten kapitalistischen Gesellschaft gleichzusetzen. Der einzelne Nordgermane war seiner Familie und seiner Sippe verpflichtet, und sie wiederum dem Einzelnen. Der "wikingerzeitliche Individualismus" ist als das Streben zu umschreiben, seine Lebensverhältnisse in die eigenen Hände zu nehmen, sein "Glück zu machen" - (im Unterschied zu Moderne, in dem mir nur nur versprochen wird, ich könnte "es" allein schaffen - wobei ich im Falle des Scheiterns eben "selbst schuld" an meinem Unglück sei). Wichtig ist, dass das Streben nach Glück dem Heil keinen Schaden zufügt. (Wobei das Kapitel Heil einen eigenen Beitrag wert ist - zum Beispiel, allerdings bezogen auf die heutige Zeit, diesen: Heil. - Nur eins: Es ist kein Zustand, den einer für sich allein haben kann. Heil ist verbindlich. Seine Annahme hat immer Konsequenzen. Seine Errichtung bedeutet Arbeit, und ihr Lohn ist nicht immer gewiss. bei den Wikinger so wie heute.)

Mit den Wikingern ist es fast so wie mit dem Ungarn der Zwischenkriegszeit: es war keine Republik, sondern ein Königreich. Aber ohne einen König - Ungarn hatte einen Reichsverweser, Admiral (nicht etwa General, obwohl Ungarn noch nicht einmal Zugang zum Meer hat) Miklós Horthy.
Also: zur Wikingerzeit waren die Familien der Nordgermanen patriarchalisch organisiert. Dass heißt, so patriarchalisch waren die Verhältnisse nicht, die Stellung der Frauen war gemessen an der Verhältnissen im christlichen Europa stark - Frauen konnten Erben, für ihre minderjährigen Söhne herrschen und hatte in Haus und Hof die "Schlüsselgewalt". Es gab drei soziale Klassen, "Edle", Freie und Unfreie, wobei das (noch) keine starren und abgeschotteten "Stände" im Sinne der Feudalordnung waren - es gab noch eine gewissen soziale Mobilität. Alle Versuche, Konstrukte wie "Lehrstand" oder "Nährstand" auf die Wikingerzeit zu projektieren, sind unhistorischer Blödsinn. Zu bestimmten Zeitpunkten fanden die Versammlungen der freien Männer (Thing) statt, bei denen wichtige Entscheidungen besprochen und getroffen wurden, so z. B. die Wahl des Jarls oder des Königs. Das klingt beinahe demokratisch - aber nur auf Island und in geringerem Maße in anderen atlantischen Siedlungsgebieten entstand daraus eine "echte" Demokratie - und zwar eine parlamentarische Demokratie, die praktikabler und stabiler war, als z. B. das athenische Modell. Übrigens war die Macht der Herrscher noch in der frühen Wikingerzeit eingeschränkt - es gab (gewählte) Herzöge bzw. im Norden eher Heerkönige, die den militärischen Oberbefehl innehatten - und wenig mehr. Fast kann man die Geschichte der Wikingerzeit als die Geschichte eine jahrhundertelang andauernden Putsches ansehen, in dem die Könige Nordeuropas von beschränkten Herrschern von Volkes Gnaden zu unanfechtbaren Monarchen von "Gottes Gnaden" aufstiegen.
Die Wikinger galten als mutig - aber selbstmörderisches Heldentum war ihnen fremd. Sie galten als unerbittlich - aber Gastfreundschaft war "Ehrensache". Sie waren Räuber - aber mehr noch gewiefte Händler. Sie besaßen eine Schrift, aber ihre Kultur beruhte auf mündlicher Tradition.
Sie waren höchst widersprüchlich. Was sie eigentlich für ideologischen Missbrauch völlig unbrauchbar machen müsste. Eigentlich.

Mittwoch, 16. Juli 2008

Rechtsextreme Mittelaltergruppen?

Das Problem ist an sich nicht neu, und ist im weiten Komplex "Rechtsextremismus" eher ein Randproblem - aber ein überaus störendes. Nachdem es schon jahrelang in Mittelalter-Foren diskutiert wird (z. B. bei Tempus vivit!) ist es eher erstaunlich, dass es in der Presse erst jetzt Thema wurde- in der taz: Der Nazi im Kettenhemd - und deutlich polemischer auf telepolis: Die wollen doch nur spielen.

Konkreter Anlass dafür, dass die Diskussion nicht länger auf die "Mittelalterszene" beschränkt ist, waren auffallend viele Hakenkreuze auf Schilden und Borten der bekannten Frühmittelalter-Reenacmentgruppe Ulfhednar. Als dann noch ein Ulfhednar-Mitglied mit der SS-Parole "Meine Ehre heißt Treue", großflächig über den Bauch tätowiert, fotografiert wurde, war der Skandal komplett. Der Fall Ulfhednar und die Folgen (chronico.de).

Dass die Vorwürfe gegen Ulfhednar mehr sind, als ein museumpädagogischer Sturm im Wasserglas, wird daran deutlich, dass Arian Ziliox, Gründer und Vorsitzender von Ulfhednar, sich auf der öffentlichen Podiumsdiskussion "Lebendige Wissenschaft oder verdeckte Propaganda" (hierzu auch Erklärung zu "Facharchäologie und Reenactment") wieder einmal als Verschwörungstheoretiker betätigte.

Schon im Mai hatte er Ulfhednar als Opfer einer Verschwörung von Antifa, Publizisten, Historikern und Archäologen dargestellt, die "jeglichen positiven Bezug auf Deutschland und deutsche Identität" verweigern. Dass deutet darauf hin, dass da wirklich etwas faulig-bräunlich sein könnte. Im besten Fall ist es so, dass Ziliox damit die Türen nach "rechtsaußen" weit öffnet und zugleich den Dialog mit Kritikern, und zwar auch wohlwollenden, abwürgt. Im schlechteren Fall vertritt er selbst eine rechtsextreme bzw. ultranationalistische Weltanschauung.

Wer öffentlich eine Swastika (bzw. ein Hakenkreuz) zeigt, muss sich darüber im Klaren sein, dass er für einen Nazi gehalten werden kann. Was wiederum bedeutet, dass man dafür einen stichhaltigen Grund haben sollte, wieso man nach §86 StGB verbotene Symbole - zu denen das Hakenkreuz in allen Varianten und alle ihm zum verwechseln ähnlichen Symbole zählen - trotzdem verwendet. Dabei kommt es nicht nur darauf an §86 (3) StGB "pro forma" zu erfüllen. Der Zweck der "Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte" ist meines Erachtens in dem Moment nicht mehr erfüllt, wenn z. B. bei einer Rekonstruktion historisch nicht verbürgte Swastika-Ornamente verwendet werden.

Nach dem Besuch der Ulfhednar-Website (die von mir keinen Link bekommt!) ist der Fall für mich leider klar: Zwar ist die Swastika im frühmittelalterlichen Kontext kein verfassungswidriges Symbol, aber sie wird von Ulfhednar offensichtlich freihändig auch da eingesetzt, wo sie nicht belegt ist.
Die schwarz-weiß-rote Gruppenfahne mit einem abgewandelten Hakenkreuz-Motiv, die für meine Begriffe einer SA-Standarte stärker ähnelt als einem Vexillum (Truppenfahne) aus römischer Zeit, dürfte für die Merowinger-Zeit ungefähr so "authentisch" sein wie ein Hörnerhelm für einen Wikinger. (Da hilft es auch nichts, dass eine neue Fahne genäht wird.) Ich mag da nicht mehr an Zufälle glauben, auch wenn der Mann mit den Nazi-Tattoo, der der "Skandal" ins Rollen gebracht hat, erst kurz zuvor zur Ulfhednar-Gruppe gestoßen ist.

Ein grundsätzliches Problem ergibt sich daraus, dass es keine "weltanschaulich neutrale" Rekonstruktion von Geschichte gibt. Allenfalls können archäologische Funde noch authentisch nachgebaut werden, alles weitere erfordert Interpretation, was schon bei der Verwendung eines Werkzeuges anfängt. Da die Quellenlage für das europäische Frühmittelalter eher schlecht ist, muss sehr viel interpretiert und möglichst plausibel ergänzt werden. Leider ermöglicht die schlechte Quellenlage weniger gewissenhaften Rekonstrukteuren viel Spielraum zur Verbreitung fragwürdiger Geschichtsbilder.
Noch schwerer wiegt das zweite Problem: je populärer eine Rekonstruktion ist, desto eher schleichen sich erfahrungsgemäß populäre, aber nicht der historischen Wirklichkeit entsprechende Klischees ein. (Hierzu ein Beitrag von D-Radio Kultur zum Problem Living History und die Suche nach Identität: Germanen, Götter und Gelehrte, der auch auf den der GGG nahe stehenden Semnonenbund eingeht.)
Dabei ist Reenactment nur die "Spitze des Eisbergs" der populären Rekonstruktionen, der z. B. auch Fernsehdokumentationen, Zeitschriftenartikel, Websites, Bücher und Museen umfasst. Von den unvermeidlichen Verzerrungen abgesehen, ist die Versuchung, einen gezielten "ideologischen Dreh" mitzugeben, groß. Je weniger sachkundig das Publikum ist und je dürftiger die Quellen sind, desto einfacher ist die Manipulation.

Da ist Wachsamkeit gefragt - von Museen, von Medienschaffenden, aber auch vom Zuschauer, und zwar nIcht nur in Hinblick auf ideologische Verfärbungen, sondern auch hinsichtlich der historischen Genauigkeit des Dargestellten.
(Zu dieser Problematik: Zutritt für Akteure nur mit Gütesiegel? und Qualität mit Zertifikat - im Geschichtstheater.

Was den "Fall Ulfhednar" betrifft, besteht leider die Gefahr, dass pauschal sämtliche Frühmittelalter- und Germanengruppen in den Verdacht geraten, möglicherweise rechtsextrem oder doch wenigstens gegenüber "rechtem" Gedankengut gefährlich unkritisch zu sein. Jedoch habe ich den Eindruck, dass es dort sehr wohl Problembewusstsein gibt. Ich teile die Ansicht von Nina Schnittger, die sich im Projekt "Res Gestae Saxonicae" der Darstellung lebendige Geschichte widmet.
(...) Dass das Problem schon seit Jahren bei den Aktiven diskutiert wurde, und eigentlich niemand mit den Ulfhednar großartig "spielen" wollte, wird in der großen Diskussion total ausgeklammert, und nun kommt der Verdacht auf, dass die Aktiven still die ganzen rechten Umtriebe, die es ja leider überall gibt, im Mittelalter aber evtl. mehr als woanders, da es genau die Germanophilen und Völkischen in ihrem Lebensbild anspricht.
Die Veranstaltungen auf die ich in den letzten Jahren gegangen bin und die in Museen stattfanden, waren aber nicht infiltriert und auch die Zahl von eindeutig als rechts auszumachenden Besuchern, war in den letzten Jahren sehr rückläufig.
Von diesem konkreten Problemfall Ulfhedner abgesehen, sehe ich "rechtsextreme Mittelalterfans" weniger in der "Reeactment"-Szene am Werk als in der mit historischen Detail eher locker umgehenden Szene um und auf Mittelaltermärkten. Das ist aber eine völlig andere "Baustelle", auch wenn einzelne Akteure hier wie dort präsent sein können. Nina Schnittger stellt klar:
Museumsveranstaltungen und Mittelaltermärkte kommerzieller Natur, sind auch zwei Paar Schuhe. Das wäre als vergleiche man Äpfel mit Birnen, weil: beide schmecken gut aber völlig verschieden...
Womit ich die "Mittelalterszene" genau so wenig in Misskredit bringen möchte, wie den im taz-Artikel angesprochene "Pagan-Metal"-Szene. Mehr Problembewusstsein und vor allem die Bereitschaft, sich gegebenenfalls nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten gegen Rechtsextremisten abzugrenzen, halte ich für dringend erforderlich.

Apropos "in Misskredit bringen": Es schmeckt mir gar nicht, wenn der Paderborner Museumsleiter Norbert Börste schon in seiner Einladung schreibt, es ginge bei der Podiumsdiskussion in Paderborn nicht um Kritik, sondern um Aufklärung; um Aufklärung über die Grenzziehung zwischen "Lebendiger Wissenschaft" (Living History in Museen) sowie "neuheidnischem Gedankengut und blankem Rechtsradikalismus".
Ich stimme dem Diskussionsteilnehmer Harald Baer, Theologe in der Katholischen Sozialethischen Arbeitsstelle in Hamm, zwar darin zu, dass das Hakenkreuz durch die Nazis politisch aufgeladen ist (dergestalt aufgeladen, dass sich ein unkritischer Gebrauch verbietet) - aber darin, dass es nicht mehr als "als bloßes Sonnensymbol" verwendet werden könne, mag ich ihm nicht folgen, erst recht nicht darin, dass die "politische Aufladung" durch die Nazis "quasi unumkehrbar" sei. Wenn er hier wie auch anderswo, "neuheidnischen Gruppen" pauschal eine verquere Geschichtsdarstellung anlastet, sehe ich das, aus eigenem Erleben, durchaus anders.

Auch über den schon erwähnten "telepolis"-Artikel von Marcus Hammerschmitt mag ich mich nicht so recht freuen:
Seltsam ist allerdings schon der Name der Gruppe. Warum man sich nennt wie die mythischen Wolfskrieger germanischer Sagen, die, den Berserkern nahe verwandt, sehr wohl für sattsam bekannte germanische Lieblingseigenschaften wie Rücksichtslosigkeit, Unbesiegbarkeitswahn und antirationale Besinnungslosigkeit stehen können, ist doch sehr die Frage, es sei denn, man möchte sich bewusst mit dem eisigen Ruch dieses in der Nazizeit aufgewärmten Germanenterrors umgeben.
Abgesehen davon, dass Rücksichtslosigkeit, Unbesiegbarkeitswahn und antirationale Besinnungslosigkeit eher die Lieblingseigenschaften alter und neuer Nazis als die "alter Germanen" sein dürften: Der Verdacht, dass Hammerschmitt jeden "Germanophilen" in der "braune Ecke" sieht, liegt jedenfalls nahe.

Montag, 14. Juli 2008

Fremde alten Welten: Das antike Griechenland

Es ist schon ein paar Jahre her, da saß ich zusammen mit etlichen anderen Perry-Rhodan-Fans und einige "Perry Rhodan"-Schaffenden während eines PR-Cons nach absolviertem Tagesprogramm in einen kleinen griechischen Restaurant in Garching bei München. Irgendwann, ich weiß nicht mehr in welchem Zusammenhang, meinte Klaus N. Frick, Perry Rhodan-Chefredakteur (und irgendwie immer noch Punk) er würde aus eigener Anschauung Kulturen kenne, die weitaus exotischer wären, als alle "außeridischen Zivilisationen", die in der langen Geschichte der "Perry Rhodan"-Romanserie beschrieben wurden.
Ich war über diese Festellung nicht im Geringsten überrascht, schließlich reist Klaus N-Punkt öfter mal in Gegenden, in die sich ein Normaltourist eher selten verirrt - und damit meine ich nicht etwa Garching, sondern z. B. die Kalahari (Namibia, Südwest-Afrika). Davon abgesehen: wäre er eine Figur in Perry-Rhodan, gäbe es bestimmt zahlreiche Leser, die ihn als "völlig unglaubwürdig konstruiert" bezeichnen würden.

Irgendwie kam das Gespräch dann darauf, dass es eine Grenze gäbe, ab der eine "exotische Kultur" für den europäischen Normalleser nicht mehr vorstellbar wäre. Deshalb sei es in Science Fiction und Fantasy, die auf einen Massenmarkt abzielt, nicht möglich, etwa eine der Kultur entsprechend der der namibischen Himba zugrunde zu legen. Der Leser wäre damit schlicht überfordert.
Wir diskutierten eine Weile hin und her, wie "europäisch" bzw. "nordamerikanisch" eine Kultur sein müsse, um für hiesige Unterhaltungsliteratur "noch verständlich" zu sein. Da schlug ich vor, inspiriert von der auf "Antike" gestylten Inneneinrichtung des "Griechen", die Grenze läge etwa bei der "klassischen" altgriechischen Kultur. Jemand (ich glaube, es war Heiko Langhans) widersprach mir energisch, und meinte, das klassische Griechenland des Plato, Sokrates, Perikles oder Alkibiades läge schon weit jenseits des Horizonts des Durchschnittslesers, zumindest dann, wenn man es halbwegs wahrheitsgemäß schildern würde.

Als ich mich durch den Exkurs über die Odyssee in Adorno / Horkheimers "Dialektik der Aufklärung" arbeitete (siehe: Odysseus - der erste "bürgerliche Mensch"), da musste ich an diesen Abend beim "Griechen" in Garching denken. Adorno und Horkheimer entstammten dem Bildungsbürgertum, sie waren mit der Geschichte des antiken Griechenlands sicherlich vertraut - kurz, sie waren, was das klassische Altertum anging, mit einiger Wahrscheinlichkeit gebildet. Trotzdem konnten - oder wollten - sie sich in die kulturellen und sozialen Verhältnisse, wie sie im antiken Griechenland herrschten, nicht hineindenken.

Ich musste auch an den "Spartanerfilm" "300" denken (Aus der Wunderwelt der gut-doofen Filme - heute: "300"), einem Werk, dass auf geschichtliche Tatsachen zugunsten der "Geschichte" bewusst verzichtete. (Fast alle anderen Antikenfilme verzichten unbewusst.) "300" würde, wenn man die Kultur der Griechen und der Perser einigermaßen authentisch nachvollziehen würde, wahrscheinlich nicht funktionieren - jedenfalls nicht für ein amerikanisch oder europäisch geprägtes Massenpublikum.

Knüpfen wir der Einfachheit halber bei diesem Film an. Leonidas war König der Spartaner. Als neuzeitliche Menschen denken wir sofort an ein antikes Gegenstück zu Napoleon oder Friedrich II. von Preußen, also einen Feldherrn und Monarchen in Personalunion - vielleicht mit einem Stoßseufzer verbunden, dass "damals" die Oberbefehlshaber noch selbst in der Schlacht ihr Leben riskierten, anstatt vom sicheren Tiefbunker aus (... usw. usw.). Allerdings hatte der gute König Leonidas mit dem "Alten Fritz" wenig gemeinsam. Das fängt schon damit an, dass Sparta zwei Könige hatte, die gemeinsam herrschten. Herrschten, nicht regierten, denn regiert wurde Sparta von fünf Ephoren, die zwar jedes Jahr neu gewählt wurden, was aber mit Demokratie, wie es sie beim Dauerrivalen Athen zumindest zeitweilig gab, nicht viel gemein hatte, nicht nur, weil nur etwa 8000 Männer, die Spartiaten, Wahlrecht hatten, sondern auch, weil die Ephoren eine fast unbegrenzte Macht hatten und niemandem Rechenschaft schuldig waren, ähnlich wie absolute Monarchen.
Leonidas war (wie alle spartanischen Könige) Sakralkönig - so ähnlich wie später bei jenen germanischen Stämmen, die ein Königstum entwickelten: er war Vertreter seines Volkes gegenüber den Göttern, oberster Priester, Träger des "Heils" (wobei sich die altgriechische Heilsvorstellung von der germanischen sicherlich unterschied - und sich kaum mit neuzeitlichen Begriffe erklären lässt) - politische Macht hatte so ein Spartanerkönig praktisch keine. Dafür war er im Krieg Heerführer, mit voller Befehlsgewalt.
Es lohnt, sich etwas näher mit dem spartanischen Kosmos zu beschäftigen. "Kosmos", "Ordnung", aber auch "Anstand", mit diesem Wort bezeichneten die Spartaner selbst ihr nach ihren Begriffen harmonisches Gemeinwesen, das nach heutige Begriffen wie ein totalitärer Alptraum anmutet, aber nach griechischem Verständnis, auch dem der völlig anders organisierten Athener, keine "Tyrannis" war. Jedenfalls war der Kosmos Spartas bei weitem "exotischer", als es fast alle "außerirdischen" Zivilisationen im literarischen Kosmos der Science Fiction sind.

Im Film "300" beschimpft Leonidas die Athener als "Schwuchteln". Der Begriff "Homosexualität" ist ein Denkkonstrukt - wenn man so will, eine geistige "Schublade" - der Neuzeit, und das völlig unabhängig davon, ob eine nicht-neuzeitliche, nicht "abendländische" Kultur gleichgeschlechtlichen Sex missbilligt, toleriert oder, wie im antiken Griechenland, verehrt. Das heißt: wirklich angesehen war Geschlechtsverkehr unter erwachsenen Männern in Athen nicht, während die Paderaistia, die "Knabenliebe", sozusagen zum "guten Ton" gehörte. Aber nirgendwo im antiken Griechenland nahm die Paderaistia einen so hohen Rang ein wie in Sparta. Eine "Knabenliebe", die nach unserem Verständnis auf den sexuellen Missbrauch von abhängigen Minderjährigen hinausläuft (allerdings war vor Beginn der Pubertät ein Knabe auch in Sparta tabu). In Athen wurden Kritiker der Paderaistia noch in der Römerzeit als weltfremd, sauertöpferisch oder schlicht barbarisch verspottet - in Sparta wären sie, wenn es sie überhaupt zu Wort gekommen wären, als umstürzlerisch und volksverräterisch verdammt worden, denn die Paderaistia gehörte zu den Fundamenten des "Kosmos". Nach dem spartanischen Ideal sollte jeder junge Spartiate durch feste erotische Bande an einen vorbildlichen Mann gekettet sein, und jeder Krieger durch seine Gefühle gegenüber einem jugendlichen Liebhaber zu höchstem Vorbild aufgestachelt werden. Auch unter erwachsenen Spartiaten galten "Liebespaare" als besonders tapfere Kämpfer. Daher überrascht es nicht, dass die Spartaner vor einer Schlacht dem Eros opferten.
Übrigens scheinen sich im alten Griechenland Paideraistia und "heterosexueller" Sex niemals ausgeschlossen zu haben. Wenn der spartanische Staat "Nachwuchssorgen" hatte, Männer, die mit 30 noch nicht verheiratet waren, mit Strafen belegte, oder verlangte, dass ein kinderloser Ehemann sich seines Bruders oder Freundes als "Ehehelfer" bediente, dann lag das wahrscheinlich nicht daran, dass spartanische Männer Sex mit Frauen generell abgeneigt gewesen wären. Die Athener waren es jedenfalls nicht.

Sonntag, 6. Juli 2008

"Wikinger im Bernsteinland" - auch ein zeitgeschichtliches Problem

Vielleicht ganz interessant: Das Schwerpunktthema der Woche im Wissenschafts-Portal scinexx ist diese Woche Die Wikinger im Bernsteinland - Auf der Suche nach Siedlungsspuren in Wiskiauten
Im Jahr 1865 wurde in einem kleinen Wäldchen nahe dem Ort Wiskiauten (heute Mohovoe) im früheren Ostpreußen ein Wikingerfriedhof mit über 500 Grabhügeln entdeckt. Die Suche nach den Überresten einer dazugehörenden Siedlung blieb aber trotz vieler Grabungen jahrzehntelang erfolglos.

Doch jetzt sind deutsche und russische Archäologen im Bernsteinland endlich fündig geworden - mit einem überraschenden Ergebnis. Denn bereits vor der Ankunft der skandinavischen Kaufleute und Krieger kurz vor der Mitte des 9. Jahrhunderts hat es in Wiskiauten mindestens zwei Dörfer des westbaltischen Volksstamms der Prussen gegeben. Die alte Vorstellung von einer reinen Wikingerkolonie muss deshalb korrigiert werden.
Allerdings spricht der sehr informative Artikel den zeitgeschichtlichen Hintergrund, der düster-dräuend und unübersehbar über der Mittelalteralterarchäologie im ehemaligen Ostpreußen und noch ehemaligeren
Prussen
-Land hängt, nicht an - wie ich vermute, aus Angst davor, in ein Wespennest zu stoßen.

Dass Wiskiauten bis vor kurzem als "zeitlich eng begrenzter skandinavischer Handelsplatz" gewertet wurde, und dass es erst jetzt anerkannt wird, dass die skandinavische Bevölkerung dabei stark in die Siedlung der einheimischen Prussen integriert gewesen sein muss, hängt nicht nur mit bislang fehlenden Grabungsbefunden zusammen.

Die deutsche Altertumsforschung tat sich bis Anfang des 20. Jahrhunderts damit schwer, den Prussen (die weder Germanen noch Slawen waren) eine nennenswerte Kultur zuzusprechen. Die "Geschichte Ostpreußens" begann gewissermaßen mit der (äußerst brutalen) Eroberung durch den "Deutschen Orden". Eine prussische Hochkultur hätte die "historische Legitimation" eines "echt deutschen" Ostpreußen, auf die im Kaiserreich viel Wert gelegt wurde, in Frage gestellt. Skandinavische Siedler passten hingegen recht gut in das erwünschte Geschichtsbild. In der Nazizeit sogar noch besser, da "nordisch" in der NS-Ideologie mit "kulturschaffend" gleichgesetzt wurde.

In der (offiziellen) sowjetische Altertumsforschung wurde bis weit nach der Stalin-Zeit die "Normannentheorie" erbittert bekämpft: Nämlich die für russische Nationalisten offenbar schwer zu schluckende, aber archäologisch und durch Quellen gut belegte, Theorie, dass der erste russische Staat von Warägern ("Normannen") gegründet wurde. (Antinormannismus)
Entsprechend wurden alle skandinavischen Siedlungsspuren im Bereich der UdSSR als "zeitlich eng begrenzte Handelplätze" gewertet.

In Schlagwortform:
Vor 1945 durften die Prussen keine nennenswerte Kultur haben, nach 1945 durften die Wikinger keinen nennenswerten kulturellen Einfluss auf die "Völker Osteuropas" (also auch die Prussen) gehabt haben.

Da archäologische Grabungen von der staatlichen Förderung abhängen, ist es wenig überraschend, dass das, was nicht "erwünscht" war, auch nicht gefunden wurde.

Das nur zur Ergänzung des ausgezeichneten "scinexx"-Artikels.

Mittwoch, 11. Juni 2008

Bevölkerung des eisenzeitlichen Dänemark war ähnlich gemischt wie heutzutage

Noch immer geistern sie durch "völkische" Bücher, "Heimseiten", Internetforen, vielleicht sogar Gehirne: die "reinrassigen" Germanen.

Da gerade die "Germanen" historisch gesehen eine ausgesprochen mobile Bevölkerung waren, wäre ich sehr überrascht gewesen, wenn sich bei den DNS-Untersuchungen, die dänische Archäologen an Gräbern aus der Zeit um 200 u. Z. vornahmen, keine Hinweise auf eine "gemischte" Bevölkerung ergeben hätten.
Dass unter den Toten auch ein "Araber" war (genauer gesagt: ein Mann, dessen mitochrondriale DNS derjenige der heute in Arabien lebenden Menschen entsprach), mag als "Einzelfall" spektakulär sein, wichtiger erscheint mir, dass die Bevölkerung der dänischen Hauptinsel Seeland durch regen Austausch mit umgebenden Ländern schon damals ähnlich durchmischt war wie heutzutage.
wissenschaft.de: Ein Araber in Dänemark

Dienstag, 8. April 2008

Seid wann ist in Nordeuropa das Segel bekannt?

Ich stolperte gestern im an sich hervorragenden Wikipedia-Artikel über Jürgen Spanuth unter dem Punkt "Kritik" über folgende Aussage:
3.) In der nordischen Bronzezeit gab es noch keine Segelschiffe, sondern nur Ruderschiffe. Die Verwendung von Segeln ist für Mittel- und Nordeuropa erst ab 700 n. Chr. belegt (Beginn der Wikinger-Zeit) und begann frühestens um 200 v. Chr. Tacitus beschreibt in seiner "Germania" die Schiffe der Skandinavier sehr ausführlich und erwähnt unter anderem "... Auch benutzen sie keine Segel ...".
Eine Aussage, der ich nicht ganz zustimmen mag. (Allerdings ändert meine Skepsis gegenüber diesem Einzelpunkt nichts daran, dass zentrale Elemente von Spanuths Thesen im Licht des derzeitigen Forschungsstandes nicht aufrechtzuhalten sind. Wenn sie denn überhaupt jemals stichhaltig waren.)
Ein allgemeines Problem bei solchen Aussagen ist die räumliche und zeitliche Perspektive. Im "Wikipedia"-Artikel wird auch erwähnt, dass das Verfahren, aus Bernstein unter Zugaben von Leinöl Bernsteinlack herzustellen erst seit dem Mittelalter bekannt sei. Dass heißt aber nicht, dass Bernsteinlack nicht doch vorher hergestellt werden könnte (Wissen und Fertigkeiten können verloren gehen) oder vielleicht in außereuropäischen Kulturen, z. B. in China, bekannt gewesen sein könnte.
So pauschal wie behauptet ist die Aussage "die Verwendung von Segeln ist für Mittel- und Nordeuropa erst ab 700 n. Chr. belegt" falsch.
Zu "Mitteleuropa" gehören auch die bis ca. 450 u. Z. römische Gebiete an Rhein und Donau - und die Römer verwendeten das Segel, und zwar nachweislich auch auf Rhein und Donau. Es wäre sehr überraschend, wenn dieses Wissen mit dem Untergang des weströmischen Reiches einfach verschwunden wäre.
Dann ist es unstrittig, dass die Friesen, in deren Hand der Seehandel im Nordseegebiet zwischen ca. 450 und der "Wikingerzeit" lag, das Segel verwendeten. Wenn man den mönchischen Chronisten der frühen Karolingerzeit glauben mag, gab es zwischen dem friesischen Dorestadt und Südengland einen gut organisierten Schiffsverkehr, und zwar mit Segelschiffen.
Aber die Frage nach der mittelalterlichen Seefahrt "vor den Wikingern" ist gar nicht relevant. Die für Spanuths "Atlantistheorie" relevante Frage lautet: Gab es in der Bronzezeit im Nordseeraum Segelschiffe?
Die herkömmliche Antwort lautet: "Nein. Wahrscheinlich gab es vor 200 v. u. Z keine Segelschiffe in Nordeuropa, in Skandinavien gab es noch 400 Jahre später nur Ruderschiffe."

Allerdings gibt es bronzezeitliche Bootsfunde in England, von Booten, deren Form nahelegt, dass sie besegelt sein könnten.
Das 2,40 m breite und mindestens 18 m lange "Boot von Dover" The Dover Bronze Age Boat könnte ein Segel getragen haben. Eine Rekonstruktion des kleineren Bootes von North Ferriby erwies sich tatsächlich als guter Segler: Bronze Age. Allerdings ist das noch kein absolut "wasserdichter" Beweis für bronzezeitliche Segelboote im Nordseeraum; dazu müsste ein Mastfuß, eine "Mastfischung", oder irgendetwas vergleichbares, was einem Mast Halt gegeben hat, nachgewiesen werden.
Außerdem würde das nur beweisen, dass es ca. 1500 v. u. Z. im Nordseeraum besegelte Wasserfahrzeuge gegeben hat - auf der anderen Seite der Nordsee mag es anders gewesen sein. (Obwohl vieles auf bronzezeitlichen Handel zwischen Jütland und Ost-England hindeutet.)

Dass es in der Bronzezeit im südlichen Skandinavien Schiffbau gegeben hat, ist angesichts der vielen Schiffsdarstellungen unstrittig. Auf den hunderten jungsteinzeitlichen und bronzezeitlichen "Hällristningar-Schiffen", in Felsen geritzte Zeichnungen von Booten und Schiffen, z. B. in Brandskogen (Schweden) Fossum (Schweden), Hegra (Norwegen) und vielen Orten mehr, ist aber nirgendwo eine Besegelung zu erkennen. Ein eindeutiger Hinweis darauf, dass in Nordeuropa das Segel nicht bekannt war? Nicht ganz, denn auf den hochbronzezeitlichen Felszeichnungen von Järrestad (Südschweden) ist ein Schiff zu erkennen, dass eindeutig eine Takelage hat. Damit ist die Frage wieder offen. (Und es stellt sich die Frage, wieso denn sonst nur Boote und Schiffe ohne Mast und Segel abgebildet wurden.)
Interessant für die Frage, ob im bronzezeitlichen Nordeuropa Segelschiffe gab, sind auch die im Skandinavien und Dänemark nicht seltenen Schiffssetzungen. Das sind Steinsetzungen bzw. "Steinkreise" mit schiffsförmigen Umrissen. Die berühmteste Schiffssetzung ist die frühmittelalterliche Anlage von Kåseberga (in Südschweden bei Ystad und in jedem zweiten "Komissar Wallander"-Fernsehkrimi zu bewundern), deren größtes "Steinschiff" immerhin 67 m lang ist, bei für Wikingerschiffe realistischen Proportionen - vielleicht ein Hinweis auf wirkliche Schiffe dieser Größe. Interessanter für unsere Frage sind aber die aus kleineren Steinen bestehenden Schiffssetzungen aus der Bronzezeit. Sie sind meistens relativ klein, mit Längen zwischen 8 und 16 Metern, aber es gibt auch viel größere, wie das Steinschiff von Gannarve mit 29 m Länge oder die beiden Schiffe von Gnisvärd (auf Gotland), von denen das kleinere immerhin 37 m, das größere sogar 45 m lang ist. Interessant ist, dass die Stevensteine an Bug und Heck wie auf einem echten Schiff höher sind, und das die Höhe der übrigen Steine den Sprung des Dollbordes korrekt nachbildet, d. h. sie sind mittschiffs am niedrigsten und werden zum Bug und Heck in einer ansteigenden Kurve höher. Interessant ist das Verhältnis von Länge und Breite - es beträgt bei den großen Schiffen 1 : 6, bei den kleineren dagegen nur 1 : 4 oder nur 1 : 3. Das gibt die Proportionen wirklicher Schiffen wieder, die relativ gesehen bei großen Schiffen stets schlanker sind als bei kleinen.
Das deutet darauf hin, dass reale Schiffe als Vorbilder dienten.
Was auch noch auffällt: es sind für Segelschiffe typische Breite-Längeverhältnisse. Nordeuropäische Ruderschiffe, wie das berühmte Nydam-Boot oder das Schiff von Kvalsund, sind erheblich schlanker, ihre Breite - Längeverhältnis liegt zwischen 1 : 6 und 1 : 8.
All das deutet darauf hin, dass es wahrscheinlich schon lange vor der "Wikingerzeit" Segelschiffe in Nordeuropa gab. Allein - der wirklich hieb- und stichfeste Beweis dafür steht noch aus.
"Atlantis"-Lokalisierungstheorien, die das Reich aus Platons Lehr-Mythos in den Norden verlegen, stehen auf einem ganz anderen Blatt. Einem, das man meines Erachtens unter "pseudowissenschaftliche Spekulationen" abheften kann.

Freitag, 4. April 2008

Das christliche Abendland in den Köpfen (alias "Eurozentrismus")

Grundsätzliche Überlegung
Dass das uns Europäern durch die Schule und die meisten Medien vermittelte Geschichtsbild eurozentrisch ist, dürfte sich unter kritischen Geistern herumgesprochen haben.
"Eurozentrisches Geschichtsbild" meint etwas anderes, als das für Europäer nun einmal die Geschichte Europas im Vordergrund steht. Tatsächlich steht im "eurozentrischen Geschichtsbild" nicht "Europa" als geographischer Raum oder als Kulturraum im Mittelpunkt, sondern ein Konstrukt, das sich am besten mit dem altmodischen Ausdruck "christliches Abendland" umreißen lässt. Es umfasst außer Europa und dem russischen Teil Asiens noch das "weiße" Amerika, also jene amerikanischen Kulturen, die auf der Kultur europäischer Kolonisatoren fußen, einschließt. Das "christliche Abendland" ist übrigens nicht identisch mit dem "Westen", nicht nur, weil "Lateinamerika" und "Russland" von manchen Theoretikern der "Kampfes der Kulturen" nicht zum "Westen" gezählt werden. Eher, weil viele "westliche Werte", wie Aufklärung, Demokratie, Gewaltenteilung, Menschen- und Bürgerrechte oft gegen das organisierte Christentum und gegen überkommenen kulturelle Traditionen erkämpft wurden - und immer neu erkämpft werden müssen.

"Eurozentrisch" in diesem Sinne meint, dass es "christliche Abendländer" (vorzugsweise weiß und christlich) sind, die allem einen Namen geben und die Welt einordnen dürfen.
Wenn nicht sie, sondern jemand anders etwas entdeckt oder benannt hat, zählt es für sie erst einmal nicht - selbst wenn die (vorwiegend "abendländische") wissenschaftliche Forschung den "eurozentrische Tunnelblick" längst ad absurdam geführt hat. Während - anders noch als vor gut 50 Jahren - heute akzeptiert wird, dass das Schießpulver in China erfunden wurde und Columbus nicht "Amerika entdeckt" hat, tuen sich selbst gebildete Abendländer schwer, die Kulturen des vorkolonialen Afrikas überhaupt wahrzunehmen. Auch die relative zivilisatorische Rückständigkeit des mittelalterlichen "christlichen Abendlandes" gegenüber der "islamischen Welt" wird von überzeugten "Abendländern" eher widerwillig zur Kenntnis genommen.

Der "Eurozentrismus" hat Folgen, die bis zum Alltagsrassismus reichen. Wenn die "abendländische Zivilisation" ganz selbstverständlich als Mittelpunkt des Universums angesehen wird, hat das zur Folge, dass abendländische ("europäische", "weiße") Ansichten, historischen Figuren und Traditionen hierzulande als die einzig gültigen beziehungsweise einzig wichtigen angesehen werden.
Außereuropäische Kulturen sind zwar für viele Abendländer "interessant", werden aber immer noch mit dem Schleier des Exotischen versehen. Damit sind diese "exotischen Kulturen" für uns als wenig relevant eingestuft, obwohl wir ihnen vielleicht wichtige Kulturpflanzen oder wichtige Erfindungen verdanken. Davon abgesehen ist Exotismus immer auch tendenziell rassistisch.

Weil dieses "eurozentrische" Weltbild so selten infrage gestellt wird, denken viele Menschen bei uns tatsächlich, für den gefühlten Vorrang des "christlichen Abendlandes" gäbe es einen guten Grund – einen anderen als Größenwahn, Desinteresse oder opportunistische politische Erwägungen. Der gefühlte Vorrang des "christlichen Abendlandes" hat Folgen, die von Huntingtons gefährlichen Thesen vom "Clash of Civilisations" bis zur "gefühlten Überfremdung" in einer thüringischen Kleinstadt reichen.

Übrigens: Der "Islamozentrismus" den es auch gibt, ist moralisch kein Stück besser. Die Tatsachen, dass die islamische Welt mal der abendländischen weit voraus wahr, und das viele islamische Länder Opfer des europäischen Kolonialismus waren, berechtigt in keiner Weise dazu, sich für die Vertreter der einzig relevanten Kultur des Universums zu halten. Ja, und auch der Sinozentrimus, den die chinesische Staatsführung nach Mao wiederentdeckt hat, ist, uralte Zivilisation hin, jahrhundertelange Demütigungen durch Mongolen, Japaner und vor allem Europäer her, auch keineswegs moralisch besser als der Eurozentrismus. Auch wenn ich es arroganten "Abendländern" von Herzen gönne, mal an einen ebenso arroganten Chinesen zu geraten, der den Ausdruck "Reich der Mitte" in jeder Beziehung beim Wort nimmt.

Der "heimliche Lehrplan" im Geschichtsunterricht
Letztes Wochenende, auf einem Ostara-Treffen, unterhielt ich mich mit einigen Freunden darüber, wie unser Geschichtsunterricht damals in der Schule ausgesehen hat.
Auch wenn wir in unterschiedlichen Bundesländern zu unterschiedlichen Zeiten und sogar in unterschiedlichen politischen Systemen zur Schule gegangen waren, lief der "rote Faden" im Geschichtsunterricht etwa so:
Zuerst kommen, ganz kurz, die alten Hochkulturen Ägyptens und Mesopotamiens. Dann, ziemlich ausführlich, das alte Griechenland, mit deutlichem Schwerpunkt auf Athen. Kurz nach den Eroberungen Alexanders "des Großen" schwenkt der Fokus auf Rom, wo er so lange bleibt, bis das Weströmische Reich unter dem Ansturm der germanischen Völker zerbrach. (Dass es die Germanen überhaupt gab, erfuhr man, weil Varus im Jahre 9 eine Schlacht gegen aufständische Germanen verlor. Die Kelten gab es offensichtlich nur im Umfeld von Caesars "Gallischem Krieg".) Der Strom der Erzählung streifte kurz die merowingischen Franken, dann lang und breit die Taten Karls des "Großen", anschließend dann ein Zeitsprung ins hohe Mittelalter. In der Renaissance werden auch mal Norditalien, Spanien, Portugal erwähnt, aber ab der frühen Neuzeit überwiegt eine Darstellung, bei der - nein, nicht Deutschland, sondern Preußen und eventuell das Habsburgerreich im Mittelpunkt stehen. Kurzer Schwenk nach Frankreich (Revolution!), dann Napoleons Kriege. Schließlich Übergang zur Zeitgeschichte (wo dann die deutschen Wege im Geschichtsunterricht deutlich auseinander gehen).

Als "Nationalgeschichte" ist dieser Geschichtsgang eigentlich recht wenig plausibel. In der Antike herrschte offensichtlich das Prinzip "der Geschichtsschreiber steht auf der Seite der Sieger" vor, im Mittelalter dann eine Weltsicht, in der die (katholische) Christenheit Mittelpunkt der Welt ist - sogar das oströmische Reich wird nur gestreift - in der Neuzeit besteht Deutschland aus "Preußen, seinen Vorgängern und dem kläglichen Rest". Man könnte mit den die Gegenwart prägenden Einflüssen argumentieren - nur: Wäre unter diesem Gesichtspunkt z. B. das Kalifat von Cordoba nicht "wichtiger" als das Reich Karls "des Großen"? Klar, ohne den Burschen und seinen ebenso zähen wie brutalen "Sachsenkrieg" hätte es Deutschland nie gegeben. Aber: Ist Deutschland etwa ein zivilisatorischer Wert an sich? Bis weit in die Neuzeit hinnein könnte
man "Deutschland" ohne Probleme durch "mitteleuropäischer Raum" ersetzen, so gering war die Rolle "des deutschen Volkes" geschweige denn der einer "deutschen Nation" - einschließlich "Kulturnation".

Ich vermute, dass der prägende deutsche Geschichtskanon sich im Deutschen Kaiserreich nach 1871 herausbildete. Das von "Bismark geeinte Reich" als Erfüllung der deutschen Geschichte. Selbst in der DDR scheint dieser Kanon nicht grundlegend infrage gestellt worden sein, schließlich sah sich auch die DDR als historischer Endpunkt. Und auch westdeutsche Geschichtsbücher ließen selten Zweifel daran, dass die BRD der beste Staat war, den es je auf deutschen Boden gab - was etwa dazu führte, dass die "Weimarer Republik" als "gescheitert" wahrgenommen wurde. (Hierzu: Die "Weimarer Republik" war besser als ihr Ruf.)

(Weitere Überlegungen zum Thema - "Das christliche Abendland in den Köpfen (alias "Eurozentrismus")" werden in lockere Folge folgen.)

Dienstag, 26. Februar 2008

Gute Nachrichten für LARPer, Reenacter und sonstige Freizeit-Wikinger

Wie die Universität Uppsala berichtete, war die Kleidung der Wikinger weitaus prächtiger, als bisherige Rekonstruktionen nahelegte.
Schlagzeilen machte bereits die "provokativen" Kleider nordeuropäischer Frauen zur "Wikingerzeit" (ca. 750 - ca. 1050). Die Männer waren, sofern einigermaßen wohlhabend, aber noch eitler und kombinierten orientalische Modeeinflüsse mit nordischem Stil. Zumindest die Festkleidung war bunt und sparte nicht mir kostbaren Materialien und glitzernden Accessoires. Nicht völlig überraschend ist, dass die "provokativen" körperbetonten Kleider mit der Christianisierung verschwanden.
Vikings did not dress the way we thought (mit Bildern).

Hierzu auch, auf Stern.online: Die heiße Mode der Wikinger

Persönliche Anmerkung: Dass sich "die Wikinger anders kleideten, als wir dachten" bezieht sich auf die traditionelle Darstellung der Wikinger etwa in schwedischen Sachbuch-Illustrationen, die gern den "bäuerlich-tugendhaften" Charakter der Kleidung der Nordgermanen des frühen Mittelalters betonten.

Samstag, 26. Januar 2008

Die "Weimarer Republik" war besser als ihr Ruf

Dieser Artikel des "Kölner Stadt-Anzeigers" passt thematisch gut zu meinem vorherigen Blog-Beitrag:
Gerechtigkeit für Weimar.
Die Verunglimpfung, unter der die erste deutsche Demokratie vom ersten Tag an litt, hält auch nach ihrem Tod an - so als wäre diese schwächliche Republik nicht ein Opfer deutscher Raserei gewesen, sondern schuld am deutschen Unglück.
"Weimarer Verhältnisse" - das steht im politischen Sprachgebrauch für Chaos und Instabilität, Arbeitslosigkeit, Gewalt und Scheitern. Selbst im Geschichtsbuch, das ich damals in der Schule hatte, wurde die Erste Republik weitgehend von ihrem Scheitern aus dargestellt - zum Glück war unser Lehrer ein liberaler "Querdenker", die die allzu glatten und bundesrepublikanisch-selbstgefälligen Erklärungsmodelle "wie Hitler an die Macht kam" gegen den Strich bürstete. Denn auch im Buch war von einer "Republik ohne Republikaner" die Rede - aber es stimmt einfach nicht! Die meisten Deutschen waren nicht demokratiefeindlich (und selbst die meisten noch zu Kaisers Zeiten eingesetzten Beamten waren, wenn auch oft sicher zähneknirschend, der Republik gegenüber loyal).
1920 rettete ein Generalstreik der Arbeiter und Beamten nach dem Kapp-Putsch die junge Republik. Bei den meisten Reichstagswahlen hatten die bürgerlichen Parteien eine relative Mehrheit; bis 1932 waren die Sozialdemokraten stets stärkste Partei.
"Weimar" - das war auch eine Epoche kultureller Blüte und Vielfalt, eine Zeit rapiden gesellschaftlichen Fortschritts in Richtung einer offenen, humanen Gesellschaft. Das Scheitern der Ersten Republik wäre selbst im Januar 1933 noch ohne Mühe abzuwenden gewesen.
Weimar war größer als das meiste, das man auf deutschem Boden jemals für groß hielt.
Dem stimme ich uneingeschränkt zu!

Nachtrag: auch die übrigen Artikel des "Kölner Stadtanzeigers" zum Thema "Das Jahr 1933"sind unbedingt lesenswert.

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