Auf die "Versager"!

Ich weiß, ich bin ein "Versager". Ich versuche, ein Versager im Sinne des (fiktiven) Detektivs Philip Marlowe und seines literarischen "Vaters" Raymond Chandler zu sein:
Wenn es Unreife bedeutet, sich gegen eine korrupte Gesellschaft aufzulehnen, dann ist Philip Marlowe äußerst unreif. Wenn es mangelhafte soziale Anpassung bedeutet, Schmutz zu sehen, wo Schmutz ist, dann hat sich Philip Marlowe mangelhaft sozial angepasst.
Natürlich ist er ein Versager, und er weiß das auch. Er ist ein Versager, weil er kein Geld hat. Ein Mann, der ohne körperliche Handicaps ist und sich trotzdem keinen anständigen Lebensunterhalt verdienen kann, ist immer ein Versager und gewöhnlich ein moralischer Versager. Ab eine Menge sehr guter Menschen sind auch Versager gewesen, weil ihre besonderen Gaben nicht zu ihrer Zeit und zu ihrer Umwelt passten. Auf lange Sicht gesehen sind wir wahrscheinlich gesehen alle Versager; wir hätten sonst nicht die Sorte Welt, die wir haben.
Raymond Chandler in einen Brief an Mr. Inglis, Oktober 1951

Wie brauchen die "Versager" - wenn ich mir ansehe, wohin die "Reifen", die "gut Angepassten", die "Erfolgreichen" uns gebracht haben, dürfte klar sein, warum!
Finnr (Gast) - 16. Mrz, 09:00

Herzliche Grüße von einem weiteren Versager aus Überzeugung!

-Finnr

Yadgar (Gast) - 6. Mai, 00:47

Gedanken zum Erwachsensein (Assoziations-Blaster, 11.11.2009)

Vor nunmehr fast vier Jahren schrieb ich zu diesem Stichwort:

»Lebenslänglich per Gehaltsscheck ruhiggestellte Konformzombies in Schlips und Anzug, kurzhaarig, glattrasiert und barsch, bloß nicht aus der Reihe tanzen, Audi, Bausparvertrag, Bluthochdruck und Beistellfrau... im Grunde sind es arme Schweine, aber sie wollten es ja so...«

Inzwischen bin ich 40 Jahre alt, kann aber immer noch keinen Schlips binden, besitze nichts, was man auch nur entfernt als Anzug bezeichnen könnte, meine Haare sind länger denn je, der Bart wuchert auch ganz unprofessionell, Gelegenheit, barsch zu sein habe ich mangels sozialer Kontakte in der richtigen Welt jenseits des Internets kaum, ebensowenig wie ich irgendwo eine Reihe sehe, aus der ich tanzen könnte. Eigentlich überflüssig zu erwähnen, dass es bei mir nicht einmal annähernd für einen Audi reicht, ebensowenig für einen Bausparvertrag; die Beistellfrau fällt aus Homomaskulinitätsgründen weg. Lediglich mein Blutdruck ist mittlerweile hoch genug, dass ich angefangen habe, meinen Salzverbrauch einzuschränken - aber stolz bin ich darauf ganz und gar nicht.

Nein, richtige Erwachsene leben nicht in zwergigen Studentenbuden und fahren Fahrrad, Bus oder Bahn. Richtige Erwachsene leben von eigener, harter Arbeit (hart muss sie sein!), anstatt der Allgemeinheit mit Hartz IV auf der Tasche zu liegen. Richtige Erwachsene sind heterosexuell, verheiratet und haben zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Richtige Erwachsene machen Karriere, haben Verantwortung, üben Macht aus. Richtige Erwachsene lenken Konzerne und Staaten, führen Kriege und begehen Völkermorde. Richtige Erwachsene wissen zu töten wie auch zu sterben.

Richtige Erwachsene haben in meinem Alter längst schon einmal eine Nacht im Puff, Knast oder Kloster verbracht; richtige Erwachsene wissen, wie sich eine geladene 45er in der Hand anfühlt und erkennen ein Zippo-Feuerzeug am Klang. Richtige Erwachsene können am Geschmack Beluga- von Sevruga-Kaviar unterscheiden. Richtige Erwachsene vertragen mehr als bloß zwei Gläser Kölsch, richtige Erwachsene kennen das Gefühl von Tempo 280 auf einer leeren nächtlichen Autobahn.

Richtige Erwachsene sind über hemmungsloses romantisches Fernweh längst hinweg, weil sie die Globetrotterei schon als Twentysomethings erledigt haben.

Das alles kriege ich nicht auf die Reihe, aus mir wird kein Hitler, kein Stalin, kein George W. Bush und kein Bill Gates, nicht einmal ein Otto Normalverbraucher oder eine Bontempi spielende, Aldi-Cognac trinkende Tante Frieda aus Recklinghausen.

Sollte ich deswegen unglücklich sein?

Wirr-Licht - 13. Mai, 08:52

punkt.

sehr schön auf den punkt gebracht.

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