Das Traum(a)-Schiff - Gedanken anläßlich eines unnötigen Schiffsunfalls

Mittlerweile hat es sich herausgestellt, dass das Untergang der MS Costa Concordia weder auf Naturgewalten, noch auf eine Verkettung ungünstiger Zufälle, noch auf technisches Versagen zurückzuführen war. Die Unfallursache war sträflicher Leichtsinn, vor allem, aber nicht nur, des Kapitäns. Der Unfall war leicht vermeidbar.
Aber nicht nur in diesem Sinne ist der Schiffsunfall unnötig.

Ich habe einige Zeit hin- und her überlegt, ob ich überhaupt etwas über diese unnötige Katastrophe schreiben soll, ob mein "Senf" dazu nicht selbst unnötig ist.
Es ist nämlich bezeichnend, wie groß die mediale Aufmerksamkeit für absaufende Kreuzfahrtschiffs-Passagiere ist, wie "uninteressant" hingegen die vielen Flüchtlinge sind, die ebenfalls im Mittelmeer ertrinken.
Das heißt nun nicht, dass mir ertrinkende oder an Unterkühlung sterbende Kreuzfahrpassagiere nach dem Motto "Selber Schuld, ihr seid ja freiwillig mitgefahren und habe dafür sogar Geld bezahlt" egal wären.Und die oft unterbezahlten, weil aus "Billiglohnländern" stammenden, Besatzungsmitglieder sind mir erst recht nicht gleichgültig. Nur stimmt die Verhältnismäßigkeit nicht.

Die unnötige Schiffskatastrophe wirft aber auch ein Schlaglicht auf die meiner Ansicht nach defekte Strukturen der Seetouristik.

Es gibt natürlich keine nötigen Schiffsunfälle. Eine "unnötiger Schiffsunfall" ist auch nicht das Gleiche wie ein vermeidbarer Unfall. Der Untergang des Fährschiffes MS Estonia war vermeidbar, aber ein Fährschiff ist ein reguläres Verkehrsmittel, auf das nicht wenige Menschen angewiesen sind. Ich habe jahrelang Fährschiffe benutzt, wie ich z. B. die U-Bahn benutze. Fährschiffe sind öffentliche Verkehrsmittel, und Unfälle von Fährschiffen daher Verkehrsunfälle.
Unfälle von Kreuzfahrtschiffen sind für die Passagiere Freizeitunfälle und meiner Ansicht nach wie Sportunfälle zu bewerten, und zwar nicht wie Sportunfälle beim morgendlichen Joggen oder im Fitnessstudio, sondern die bei einem aufwendigen Funsport. Es gibt keine ökonomische Notwendigkeit, eine Kreuzfahrt zu machen, sie ist reiner Selbstzweck.

Daher sind z. B. auch die Umweltbelastungen durch Kreuzfahrtschiffe anders, strenger, zu bewerten, als die durch z. B. durch Fährschiffe, was wieder nicht heißt, dass Rußbelastung oder Umweltgefahren durch bei Havarien auslaufendes Schweröl bei Fährschiffen akzeptabel wären.
Dass der Unterlauf der Ems für neugebaute Kreuzfahrtschiffe kanalisiert wurde, ist meiner Ansicht nach eine Subventionierung der Meyer-Werft zulasten der Umwelt, und zwar eine, die, ebenfalls meiner Ansicht nach, arg nach Korruption riecht.
Ein "sanfter Seetourismus" ist möglich, z. B., mit Segelschiffen. Es gibt zwar erstaunlich viele Passagiersegler, aber: ein wesentlich weiter ausgebauter Segel-Seetorismus erfordert andere Strukturen als der Kreuzfahrt-Massentourismus, wie er sich in den letzten 30 Jahren entwickelt hat.

Verräterisch für die verzerrte Darstellung der Kreuzfahrtindustrie durch die Medien ist das Wort "Luxusliner", das in Kommentaren zum Untergang der Costa Concordia immer wieder auftaucht.
Ein Luxusliner ist - allenfalls - ein Schiff wie die MS Queen Mary II!
Die großen Kreuzfahrtschiffe sind weder "Luxus" noch "Liner". "Liner" ist ein im Linienverkehr fahrendes Schiff, das z. B. die Linie Southampton-New York oder Venedig-Piräus bedient. Ab und an verkehrt die Q.M. 2 auch auf der Nordatlantik-Linie, insofern ist "Liner" nicht ganz falsch. Aber die meisten Kreuzfahrtschiffe sind derart auf Kreuzfahrten optimiert, dass sie gar nicht im Liniendienst eingesetzt werden könnten.
Wichtiger ist allerdings der fehlende "Luxus" der meisten Kreuzfahrtschiffe. Der enorme Aufschwung des Kreuzfahrtbranche ist auch dem durch die riesigen "schwimmenden Hotelhochhäuser" ermöglichten Preisverfall im mittleren und unteren Segment der Kreuzfahrten geschuldet. Zwar wuchs auch das gehobene und das Luxus-Segment, aber der weltgrößte Kreuzfahrt-Konzern "Carnival Cruises", zum dem auch die Reederei "Costa" gehört, für die die Costa Concordia fuhr, bedient den Massenmarkt. Das ist nichts Verkehrtes. Verkehrt ist allerdings das Image, ich möchte fast sagen, die Ideologie, mit der die schwimmenden Hochhäuser vermarktet werden.
Zugegeben, diese Schiffe bieten einigen Komfort. Aber den bieten die berüchtigten "Bettenburgen" in den Badeorten zum Teil ja auch, ohne dass sie dadurch im allgemeinen Bewusstsein oder in der Darstellung in den Medien zu "Luxushotels" aufgewertet würden.
MS Eurodam Foto: MartinM, 2008, CC Namensnennung + Keine kommerzielle Nutzung + Weitergabe unter gleichen Bedingungen.
Das gigantische Kreuzfahrtschiff M/S Eurodam, im Vordergrund Baugruben der Hamburger Hafencity. Normalerweise werden die großen Kreuzfahrtschiffe in einem Kontext abgebildet, in dem die schöne Umgebung die auf maximale Kapazität optimierte Schiffsarchitektur optisch aufwertet.

Noch vor 30 Jahren waren Kreuzfahrten ein Nischenprodukt der Reisebranche.
Die enorme Expansion dieses Segmentes ist nicht allein dem gesteigerten Angebot und den gesunkenen Preisen geschuldet.
Sie ist auch auf ein künstlich geschaffenes Image und ein künstlich angeheiztes Bedürfnis nach dieser Urlaubsform durch die Werbung und "Product Placement" zurückzuführen.
Dazu gehört neben "Events" wie den "Hamburg Cruise Days" und einer auffällig unkritischen und distanzlosen Berichterstattung über Kreuzfahrtschiffe auch in den öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland vor allem die ZDF-Serie "Das Traumschiff", in der jede Folge im Grunde eine Dauer(schleich)werbesendung für Kreuzfahrten ist.

Ich missgönne niemandem seinen Urlaub auf See, so wie ich niemandem missgönne, einen Vergnügungspark zu besuchen oder einen Pauschalbadeurlaub zu buchen. Als schlimm und geradezu skandalös empfinde ich es, dass das künstlich aufgebaute Heile-Welt-Image der Kreuzfahrten den Blick auf Umwelt-, Ausbeutungs- und Sicherheitsprobleme in einem Ausmaß verschleiert, das in anderen Zweigen der Tourismusindustrie nicht denkbar wäre.

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