Glanzor (Gast) - 15. Feb, 16:21

Buebs Vorstellung von Kindererziehung is nicht nur "schwarz", sondern das wirklich reaktionärste, was ich in dem Bereich je gehört habe. Seine Vorstellung mit dem Mutterentzug ist nicht "bloß" faschistisch, das geht zeitlich noch weiter zurück. Das ist spartanisch im wörtlichen Sinne ...

MMarheinecke - 15. Feb, 17:20

Ganz so hart sehe ich das nicht

Bueb gehört meines Erachtens zu jenen, die Allerweltsweisheiten (wie die, dass Kinder Grenzen brauchen) ideologisch verabsolutieren. (Etwa: "Alle Kinder brauchen immer Grenzen".) Er ist so beliebt, da er "irgendwie" recht hat, und da er einfache Antworten auf komplizierte Probleme gibt.
Im verlinkten "Spiegel"-Interview lobt er die etwa in Frankreich bewährten Kinderkrippen - als Argument für seine Idee vom Mutterentzug. Oder er kommt mühelos von Schülern, die auf Klassenfahrt heimlich auf dem Klo rauchen, und deshalb zur Strafe nach Hause geschickt werden, zu der Notwendigkeit verdachtsunabhängiger Urintests auf Alkohol und Drogen bei allen Jugendlichen. Dass er Äpfel mit Birnen (oder, was die Sache besser trifft, Jacken mit Zwangsjacken) vergleicht, merkt er vielleicht nicht einmal. Die Vermutung liegt für mich nahe, dass Bueb ein "TINA" ("There Is No Alternative")-Mensch ist, der sich eine andere Methode, zu (Selbst-)Diziplin zu erziehen, als Überwachen und Strafen, gar nicht vorstellen kann.
henteaser (Gast) - 15. Feb, 21:46

Der Einfluss der klassisch-schwarzen Pädagogik des endenden 19. . Jahrhunderts (also Rohrstock, Eltern siezen und Matrosenanzug) hallt leider noch immer so stark nach, dass für viele Menschen 'Verwöhntwerden' und 'Verhätscheln' von Übel zu sein scheinen.

(vgl. auch Begriffe wie Schmusekurs oder Gutmensch)

Das ist wohl vergleichbar mit diesem Affenkäfig-Versuch, ergänzt um ein Quentchen Stockholm-Syndrom.

Und die Allerweltsweisheit "Kinder brauchen Grenzen" bedeutet sowieso hauptsächlich, dass die Erwachsenen in der Lage sind, eigene(!) Grenzen zu kennen UND hinterfragen, sowie den Grenzverlauf dem Nachwuchs plausibel machen zu können.
MMarheinecke - 15. Feb, 22:51

Ja, Kaisers Zeiten wirken nach

Wie die Verhältnisse im "Deutsche Reich" von 1871-1918, immerhin der erste deutschen Nationalstaat, bis heute nachwirken, dass ist IMO einer der "blinden Flecken" der politischen Diskurse. (Klar, die 12 Jahre Nazi-Deutschland "überstrahlen" in der Wahrnehmung alles, aber ohne die im "Bismark-Reich" gelegten Strukturen hätte es niemals ein "Nazideutschland" geben können.)
Rohrstock, Eltern siezen und Matrosenanzug sind zwar Klischees, aber sie umreissen doch ziemlich gut, war auch meiner Ansicht nach zu "Kaisers Zeiten" (und vorher) langfristig geprägt wurde:
"Rohrstock" steht für die "schwarze Pädagogik", etwa in der Tradition Schrebers oder die "Prügelschule". Eine "klassenübergreifende" Erfahrung, denn geprügelt wurde in der Dorfschule genau so wie im vornehmen Elite-Internat. Da geprügelte Eltern ihre Kindern schlagen, pflanzte sich die Tradition fort, mit Nachwirkungen bis heute, auch wenn die Pädagogik schon seit über 100 Jahren weiter ist. "Eltern siezen" gab es wohl eher wenig (noch nicht einmal im Haushalt Kaiser Wilhelms II. soll das üblich gewesen sein), aber es illustriert die gewollte Distanz zwischen Eltern und Kindern, vor allem in den "gehobenen" Kreisen der Gesellschaft. Der "Matrosenanzug" war zwar auch deshalb beliebt, weil er, im Vergleich zu anderer Kinderkleidung der Zeit, praktisch war, aber er illustriert eine dritte Langzeitprägung: den die ganze Gesellschaft durchdringenden Militarismus, die Betonung "soldatischer Tugenden", die sich ja tatsächlich sogar bei Bueb finden lassen. Als vierte "pädagogische Langzeitprägung" aus dieser Zeit mit Wirkungen bis heute fällt mir der Sozialdarwinismus ein. Allen vier Prägungen ist gemeinsam, dass sie "Härte" zur Tugend und "Verzärtelung" oder "Verweichlichung" zum Grundübel erhoben.

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