Sebastian (Gast) - 26. Sep, 14:07

Danke....

...diese Geschichten über Hamburg sind für einen küstenfernen Menschen wie mich immer sehr interessant zu lesen :D
Bei meinen (wenigen) Besuchen in der Stadt habe ich St. Nikolai bisher leider nicht zu Gesicht bekommen, auf Bildern sieht der Turm aber wie eine perfekte Kulisse für einen postapokalyptischen Film aus... wenn nicht Hamburg drumherum stünde.

MMarheinecke - 26. Sep, 14:51

Dafür nich'

Zumal die Geschichte (der Backsteingotik und der repräsentativen Riesenkirchtürme) ja in Lübeck beginnt. ;-)

Ja, der absichtlich außen nicht renovierte Turm der Nikolaikirche sieht tatsächlich postapokalyptisch aus - weshalb er auch ein psychologisch wirksames Mahnmal gegen den Bombenkrieg ist. Man kann ihn sich ohne viel Fantasie in der ausgebrannten Ruinenlandschaft, die die Hamburger Innenstadt nach dem Krieg vorstellten.
In der Krypta gibt es eine Gedenkstätte, die nicht nur auf die Zerstörung sehr großer Teile Hamburg in der "Operation Gomorrha" erinnert, sondern auch an die Vorgeschichte der nazideutschen Aufrüstung, des Vernichtungkrieges (der der 2. Weltkrieg von der ersten Sekunde an war), der entscheidenden Bedeutung Hamburgs als Rüstungs- und Logistikzentrum, an die "Vernichtung durch Arbeit" im KZ Neuengamme und dem Einsatz von Sklavenarbeitern in Rüstungsbetrieben, aber auch der überwältigenden Unterstützung, die das Massenmordregime der Nazi auch nach den Verheerungen 1000-Bomber-Angriffen genoss. "Operation Gomorrha" war, so fragwürdig und zynisch einzelne Aspekte der Einsatzplanung auch gewesen sein mögen, ethisch gerechtfertigt.
Die Gedenkstätte erinnert auch an die Verdrängung nach dem Krieg. Auch wenn ich beim weitgehenden Abriss im Jahre 1951 der noch reparablen Kirche weniger an "Verdrängung" (der Nazizeit, des Krieges), als an extremes "kaufmännisches" Nützlichkeitsdenken und Gleichgültigkeit gegenüber Kultur und Geschichte denken muss. An die Mentalität weniger der Täter, sondern der Opportunisten, der Mitmacher und Jasager. An die "Unfähigkeit zur Trauern", gelegentlich durch Sentimentalität und Selbstmitleid überdeckt.

Zum "post-apokalyptischen" Eindruck trägt auch die Architektur des Turmes bei. Es ist eben englische Neogotik, ein Entwurf Sir George Gilbert Scott, buchstäblich "Gothik"-Architektur, von einer gewissen Lust am Unheimlich-Geheimnisvollen geprägt. Schon vor dem Krieg sah der Turm skeletthaft-düster-dräuend aus. Englische Neogotik, weil der konkurrierende Entwurf des "einheimischen" Architekten Gottfried Semper, der einen Kuppelbau vorsah, nicht in Stadtbild gepasst hätte, und weil die Hamburger Oberschicht ohnehin stark englisch gesonnen war.
Vielleicht war St. Nikolai auch wegen ihre unheimlichen Anmutung beim "einfachen Volk" eher unbeliebt. (Das sie ein englischer Entwurf war, wussten und wissen die wenigsten Hamburger.)

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