Ich finde es interessant, was man Menschen an Verantwortung zumisst und was nicht. Anscheinend gehört die eigene Gesundheitsvorsorge nicht dazu, so dass man die Folgen eines wenig gesundheitsbewussten Lebens mit Fug und Recht auf andere abschieben kann, die sich dann um einen zu kümmern haben.
Das "System", um das es hier geht, ist das einer "Solidar"-Versicherung. Die "Verluste" entstehen bei jedem anderen Beitragszahler. Ist es Folge eines "ökonomistischen Weltbildes", darauf hinzuweisen, dass die Kosten eines unsolidarischen Verhalten auf andere abgewälzt werden?
Erliegen diejenigen, die Steuerhinterziehung moralisch verurteilen, etwa auch einem "ökonomistischen Weltbild"? Oder sieht die gesellschaftliche Norm so aus, dass man zwar die Kosten, die man verursacht, von anderen bezahlen lassen, aber selbstverdientes Geld nicht ohne weiteres behalten darf?
Ich glaube eher, der Vorwurf "ökonomistisches Weltbild" ist in Wirklichkeit eine Variante, den Boten zu köpfen, der unangenehme Wahrheiten überbringt.
Es liegt in meinem eigenen besten Interesse, mich um meine Gesundheit zu bemühen.
Anderseits lass ich mich nicht gerne in dieser Hinsicht gängeln.
Es stimmt grundsätzlich schon: Die Gemeinschaft (der gesetzlich Versicherte) schuldet mir Fürsorge in der Not (Krankheit), und ich schulde der Gemeinschaft das Bemühen, solche Not nach Möglichkeit zu vermeiden. Allerdings kann man mit dieser utilitaristischen Logik auch erpressen. (Wie schildert henteaser in seinem Kommentar dankenswerterweise sehr deutlich.)
Vor allem aber kann lässt sie sich dazu verwenden, jenen die "Schuld" an der finanziellen Misere des Gesundheitswesens zuzuschieben, die dafür genau genommen herzlich wenig können. Bezogen auf die Steuerhinterzieher ist das etwa so, als würde nur hinterzogene Einkommenssteuer auf nicht-selbstständige Arbeit geahndet werden - und auch das nur unterhalb einer Einkommensgrenze. (Denn Privatversicherte können sich vom angestrebten Zwang zur gesunden Lebensführung ja freikaufen.)
Die "unangenehme Wahrheit" sieht ganz anders aus:
Obwohl die reale Kostensteigerung im Gesundheitswesen sich in den letzten Jahren in etwa im Bereich des Wachstums des BIP befand, es also die viel zitierte "Kostenexplosion" gar nicht gab, steht das Gesundheitssystem finanziell vor dem Kollaps (und zwar nicht nur in Deutschland).
Die realen Kostensteigerungen im Gesundheitswesen sind nicht einem stets schlechter werdenden Gesundheitszustand der Bevölkerung geschuldet. Denn es gibt keine Hinweise darauf, dass die Deutschen im Durchschnitt heute "kränker" seien oder ungesünder leben als vor etwa 20 oder 30 Jahren.
Unstrittig auch, dass vielen, die in ärztlicher Behandlung sind und regelmäßig ihre Medikamente bekommen, eigentlich nichts fehlt. Außer, dass z. B. ihr Blutfettspiegel nicht ganz der (niedrig angesetzten) Norm entspricht. Anderes Beispiel: Früher hieß es: "Jemand hat sich überarbeitet und ist ausgebrannt. Der Ärmste braucht dringend Entspannung und sollte künftig Stress am Arbeitsplatz vermeiden." Heute heißt das "Burn-Out-Syndrom", gilt als Form der Depression und wird u. A. mit Antidepressiva vom Typ der SSRH behandelt. Ist der Betreffende dann wieder "fit", geht der Stress munter weiter - gegebenenfalls medikamentiös unterstützt.
Und ob unkonzentrierte und "zappligen" Kindern immer an AHDS leiden, und vor allem, ob Ritalin und ähnliche Drogen bei AHDS immer die die Therapie der Wahl sind (wie es heute gerne dargestellt wird) wage ich sehr zu bezweifeln.
Ich stimme Rayson weitestgehend zu. Die Konsequenzen liegen auf der Hand: Entweder die Solidarität wird "eingefordert", was einige dann als Gängelei sehen (wo beginnt diese Gängelei denn - beim Rauchen nach der soeben überstandenen Krebsoperation oder bei der "Verpflichtung" zur gesunden Ernährung?) oder der ohnehin brüchige Schirm der Solidarität wird neu gestrickt und man verabschiedet sich von den hehren Sprüchen.
Eben damit nicht dauernd Krankheiten erfunden werden müssen, um die Rentabilität von Arztpraxen aufrecht zu erhalten, ist eine radikale Umstrukturierung des Systems erforderlich. Kleinigkeiten wie Erkältungen oder Schmerzen im linken großen Zah müssen in Zukunft von den Versicherten selber bezahlt werden (das kann nach dem Vorbild der Privatkrankenversicherung mit einem spezifischen Betrag/Jahr gedeckelt werden).
Abgedeckt sind nur noch Notfälle, chronische Krankheiten, die nach einem Verursachungsschlüssel behandelt und reguliert werden und unvorhersehbare, teure Medikationen wie Transplantationen o. ä. Im Gegenzug werden die Krankenkassenbeiträge radikal gesenkt (mindestens 40%), die kassenärztlichen Vereinigungen abgeschafft, die 163 oder 184 Krankenkassen zusammengelegt (es gibt eh keinen Wettbewerb zwischen ihnen). Wer mehr will, kann zahlen oder sich zusätzlich versichern lassen.
Wenn ich zum Arzt gehe, muss ich merkwürdigerweise fast alle Medikamente und Anwendungen ohnehin bezahlen - trotz Höchstsatz in der GKV. Dafür darf ich dann zwei, drei Stunden im Wartezimmer Platz nehmen und alten Leuten zuhören, für die ihre Ärzte-Odysseen fast noch ihr einziger Lebenssinn ist.
Das "System", um das es hier geht, ist das einer "Solidar"-Versicherung. Die "Verluste" entstehen bei jedem anderen Beitragszahler. Ist es Folge eines "ökonomistischen Weltbildes", darauf hinzuweisen, dass die Kosten eines unsolidarischen Verhalten auf andere abgewälzt werden?
Erliegen diejenigen, die Steuerhinterziehung moralisch verurteilen, etwa auch einem "ökonomistischen Weltbild"? Oder sieht die gesellschaftliche Norm so aus, dass man zwar die Kosten, die man verursacht, von anderen bezahlen lassen, aber selbstverdientes Geld nicht ohne weiteres behalten darf?
Ich glaube eher, der Vorwurf "ökonomistisches Weltbild" ist in Wirklichkeit eine Variante, den Boten zu köpfen, der unangenehme Wahrheiten überbringt.
Ich glaube, da verstehst Du mich falsch.
Anderseits lass ich mich nicht gerne in dieser Hinsicht gängeln.
Es stimmt grundsätzlich schon: Die Gemeinschaft (der gesetzlich Versicherte) schuldet mir Fürsorge in der Not (Krankheit), und ich schulde der Gemeinschaft das Bemühen, solche Not nach Möglichkeit zu vermeiden. Allerdings kann man mit dieser utilitaristischen Logik auch erpressen. (Wie schildert henteaser in seinem Kommentar dankenswerterweise sehr deutlich.)
Vor allem aber kann lässt sie sich dazu verwenden, jenen die "Schuld" an der finanziellen Misere des Gesundheitswesens zuzuschieben, die dafür genau genommen herzlich wenig können. Bezogen auf die Steuerhinterzieher ist das etwa so, als würde nur hinterzogene Einkommenssteuer auf nicht-selbstständige Arbeit geahndet werden - und auch das nur unterhalb einer Einkommensgrenze. (Denn Privatversicherte können sich vom angestrebten Zwang zur gesunden Lebensführung ja freikaufen.)
Die "unangenehme Wahrheit" sieht ganz anders aus:
Obwohl die reale Kostensteigerung im Gesundheitswesen sich in den letzten Jahren in etwa im Bereich des Wachstums des BIP befand, es also die viel zitierte "Kostenexplosion" gar nicht gab, steht das Gesundheitssystem finanziell vor dem Kollaps (und zwar nicht nur in Deutschland).
Die realen Kostensteigerungen im Gesundheitswesen sind nicht einem stets schlechter werdenden Gesundheitszustand der Bevölkerung geschuldet. Denn es gibt keine Hinweise darauf, dass die Deutschen im Durchschnitt heute "kränker" seien oder ungesünder leben als vor etwa 20 oder 30 Jahren.
Unstrittig auch, dass vielen, die in ärztlicher Behandlung sind und regelmäßig ihre Medikamente bekommen, eigentlich nichts fehlt. Außer, dass z. B. ihr Blutfettspiegel nicht ganz der (niedrig angesetzten) Norm entspricht. Anderes Beispiel: Früher hieß es: "Jemand hat sich überarbeitet und ist ausgebrannt. Der Ärmste braucht dringend Entspannung und sollte künftig Stress am Arbeitsplatz vermeiden." Heute heißt das "Burn-Out-Syndrom", gilt als Form der Depression und wird u. A. mit Antidepressiva vom Typ der SSRH behandelt. Ist der Betreffende dann wieder "fit", geht der Stress munter weiter - gegebenenfalls medikamentiös unterstützt.
Und ob unkonzentrierte und "zappligen" Kindern immer an AHDS leiden, und vor allem, ob Ritalin und ähnliche Drogen bei AHDS immer die die Therapie der Wahl sind (wie es heute gerne dargestellt wird) wage ich sehr zu bezweifeln.
Eben damit nicht dauernd Krankheiten erfunden werden müssen, um die Rentabilität von Arztpraxen aufrecht zu erhalten, ist eine radikale Umstrukturierung des Systems erforderlich. Kleinigkeiten wie Erkältungen oder Schmerzen im linken großen Zah müssen in Zukunft von den Versicherten selber bezahlt werden (das kann nach dem Vorbild der Privatkrankenversicherung mit einem spezifischen Betrag/Jahr gedeckelt werden).
Abgedeckt sind nur noch Notfälle, chronische Krankheiten, die nach einem Verursachungsschlüssel behandelt und reguliert werden und unvorhersehbare, teure Medikationen wie Transplantationen o. ä. Im Gegenzug werden die Krankenkassenbeiträge radikal gesenkt (mindestens 40%), die kassenärztlichen Vereinigungen abgeschafft, die 163 oder 184 Krankenkassen zusammengelegt (es gibt eh keinen Wettbewerb zwischen ihnen). Wer mehr will, kann zahlen oder sich zusätzlich versichern lassen.
Wenn ich zum Arzt gehe, muss ich merkwürdigerweise fast alle Medikamente und Anwendungen ohnehin bezahlen - trotz Höchstsatz in der GKV. Dafür darf ich dann zwei, drei Stunden im Wartezimmer Platz nehmen und alten Leuten zuhören, für die ihre Ärzte-Odysseen fast noch ihr einziger Lebenssinn ist.