Klaus Jarchow (Gast) - 22. Jan, 17:29

Für deutsche Bildungsbürger - und um solche handelt es sich dort im SpOn-Forum - gilt in dieser Angelegenheit noch immer Alfred Polgars böser Satz: "Die Deutschen sind inzwischen bereit, den Juden zu verzeihen, was sie ihnen angetan haben".

(der Satz ist aus dem Gedächtnis zitiert, Abweichungen beim Wortlaut sind möglich).

MMarheinecke - 22. Jan, 19:23

Man könnte auch den israelischen Psychoanalytiker Zvi Rex zitieren:

"Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nicht verzeihen."
(Womit er den sekundären Antisemitismus sarkastisch auf den Punkt bringt.)

Ob die Leute im SpOn-Forum "deutsche Bildungsbürger" sind, wage ich zu bezweifeln. (Ich bin schließlich auch kein Bildungsbürger, sondern ein Prolet, der irgendwie ein wenig Bildung aufgeschnappt hat. Damit will ich sagen: höherer Bildungsabschluss und Bildungsbürgertum sind nicht dasselbe.) Was aber nach mehreren demoskopischen Studien stimmt: je höher die formale Bildung ist, desto weniger Antisemiten sind unter den Befragten. Angesichts dieser Perspektive wird mir schlecht.

Nein, auch Norbert Blüm ist kein Antisemit. Jedenfalls würde eine simple Umfrage wohl kein antisemitisches Gedankengut zutage fördern.
Aber er denkt in den Bahnen des sekundären Antisemitismus, eines "Antisemitismus ohne Antisemiten". (Womit ich meine, dass sekundäre Antisemiten sich selbst nicht als Antisemiten verstehen und auch nicht durch besonderen Judenhass auffallen.) In der Diskussion identifizierte er Michel Friedman mit Israel, so als ob Friedman so etwas wie ein inoffizieller Botschafter Israels sei. Nun ist nicht jeder Jude Israeli (und nicht jeder Israeli Jude), und Friedman ist weder Israeli, noch Mitglied der israelischen Regierung noch verantwortlicher Offizier der israelischen Armee. Er ist deutscher Jude. Blüm verzichtet darauf, zu differenzieren. Und das ist das eigentliche Problem.
(Anders herum existiert dieses Problem auch: Thomas Assheuer setzte in der "Zeit" einen Aufruf zum Boykott von israelischen Waren mit einem in Aufruf zum Boykott "jüdischer Exportgüter", also einem Boykott von Juden, gleich. Auch wenn ich diesen Boykottaufruf, der unter anderem von Naomi Klein unterstützt wird, für grundfalsch und töricht halte - er ist gegen Israel, nicht gegen "die Juden" gerichtet.)

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