Jari (Gast) - 3. Jan, 01:24

hm..

"Ich fürchte auch, dass sie mit ihre Annahme, dass der nicht mehr selbstverantwortliche Mensch – geführt durch Natur, Götter, Führer oder inneres "Selbst" - die herrschenden (Ausbeutungs-)Verhältnisse akzeptiert oder sogar verstärkt, recht hat."

Dem würde ich widersprechen. Zumindest würde ich es nicht auf alle neuheidnischen Strömungen pauschalisieren.
Was "primärreligösen Schamanismus" betrifft sehe ich diese Problematik auch nicht.
Ich hab vor ein paar Monaten mit Freunden Atanarjuat angesehen, und meine Freunde stutzten, dass am Ende die Verantwortlichen aus der Gemeinschaft verstoßen wurden, obwohl doch der unbekannte Schamane mit seinem Fluch das Gleichgewicht der Gemeinschaft gestört hat.
Und ich halte auch Selbstverantwortlichkeit für eine typisch germanische Tugend bzw. Teil des Ehrbegriffes. So konnten die späteren "Wikinger" bei Schwüren sich nicht auf Unzurechnungsfähigkeit durch Alkohol etc. berufen, sondern mussten um ihrer Ehre willen diese halten. (so Helgis Bruder der betrunken und von einer Zauberfrau beeinflusst schwört die Frau seines Bruders zu heiraten...)

Gruß, Jari

MMarheinecke - 3. Jan, 18:55

Die Ditfurth bezieht sich auf unsere Gesellschaft

und nicht etwa auf Stammesgesellschaften oder die Wikinger der Mittelalters.
Sie bezieht sich auch nicht auf spirituelle Gruppen mit emanzipatorischer Zielsetzung - von ökofeministischen Wicca bis zu so etwas wie der "Nornirs Ætt" - sondern auf die gesellschaftlichen Hauptströmungen. Und bezogen auf die hat sie leider wohl recht.
In unserer Gesellschaft werden wir sehr stark zu Verhaltensweisen genötigt, die unseren persönlichen Interessen stark widerstreben: "man" erwartet von uns, flexibel, leistungsbereit, konsumfreudig, angepasst, opferbereit zu sein. Als äußerer Druck ist das wahrlich nicht neues. Die Esoterik - und in geringerem Maße die etablierte Religion - trägt dazu bei, diesen äußeren Druck zu verinnerlichen. Wer "Karma" mit "da kar ma halt nix machen" übersetzt, wer sein "Schicksal" grundsätzlich freudig akzeptiert, wer Unglück als "Strafe" oder "karmische Lektion" begreift, wer im "positiven Denken" ein Mittel zur Karriereförderung sieht und in meditativer Entspannung ein Mittel, fit für mehr Leistung am Arbeitsplatz zu sein, der findet auf dem "spirituellen Supermarkt" ein reichhaltiges Angebot.
Jutta Ditfurth selbst sagt es so:
Höhere Mächte, (Natur-)Geister, Götter oder der Kosmos herrschen über dich, sagen die EsoterikerInnen. Ihre Selbstdarstellung in Broschüren und Zeitschriften erregt Übelkeit. Sie müssen »positives Denken« demonstrieren und knipsen eine Art Dauergrinsen an. Ihre Werte sind befreiungsfeindlich: Harmonie mit dem Kapital, das innere Selbst für den Egokult, die tiefen Geheimnisse der Schöpfung/Erde/Natur als Absage an jede Emanzipation und Rationalität.
Sie erkennt klar: Esoterik ist emanzipationsfeindlich, weil sie zum Verzicht auf eigenes Denken ermutigt.
Die Frage, ob es eine emanzipationfreundliche "Esoterik", oder etwa einen emanzipatorischen Buddhismus oder auch nur ein emanzipatorisches Christentum gäbe, stellt sich für sie gar nicht. Für das Neuheidentum hat sie die Frage für sich längst beantwortet - siehe oben: Neuheidentum ist grundsätzlich emanzipationsfeindlich.

Ihre Schwäche ist ihre zum Dogma erstarrte Konzeption von "Vernunft = Aufklärung = sozialistische Weltsicht = (gesellschaftlicher) Fortschritt", die sie dazu verleitet, Entwicklungen gleichzusetzen, die tatsächlich nicht in die gleiche Richtung verlaufen.
Sven (Gast) - 9. Jan, 19:06

Naja, dass die Frau immer alles pauschaliert und nie differenziert tut ihren Thesen halt nicht besonders gut, denn letztlich macht sie nix anderes wie das, was sie andern vorwirft, dadurch.

(wer Ironie findet darf sie behalten ;-))

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