distelfliege - 18. Mai, 11:34

ich muss gestehen..

..daß ich deinen Artikel nicht durchgelesen habe, ich hatte die letzten Tage die Nachrichten nicht verfolgt und bin einfach nur traurig und schockiert über Morsals Tod.
Naja, was die Ehrenmorde angeht, über diese wird im Grunde nur als solche berichtet, wenn sie von Immigranten begangen werden, wenn das "Blutsdeutsche" machen, dann heisst gibt es dafür den Euphemismus "Familiendrama" - als wäre das etwas, was dem Täter "passiert". Wenn ein Österreicher seine Familie mit der Axt abschlachtet, um ihr die "Schande zu ersparen" weil er das gesamte Geld verspekuliert hat, dann nennt das niemand einen Ehrenmord.
Naja, trotzdem, ich finde es so bitter daß es dieses engagierte, fitte Mädchen nicht geschafft hat - es ist einfach so ungerecht, unnötig und traurig.

MMarheinecke - 18. Mai, 14:01

Vorsicht beim "Familiendrama"

Ich stimme Dir darin zu, dass bei Bluttaten unter Einwanderern (vor allem solchen islamischer Religion) oft vorschnell von "Ehrenmorden" die Rede ist.

"Familiendrama" ist in der Tat ein Euphemismus, und auch bei Amoktaten, Beziehungsmorden oder zum Totschlag eskaliertem Familienstreit schwersten verharmlosendend. Und es ist ein verräterisches Wort, verräterisch für die boulevardjournalistische Aufbereitung solcher Taten: ein "Drama" ist ein Schauspiel, ein spannendes fiktives Geschehen, dass man sich zu Unterhaltungszwecken ansieht. Genau so werden uns Straftaten "im familären Umfeld" sehr oft präsentiert, wobei "Bild", "Super Illu" oder "Bunte", "Explosiv", "Brisant" oder "Brennbar" nur die Spitze des in Ausläufern bis ins "Heute Journal" und die "Tagesthemen" reichenden Boulevards sind.

Allerdings gehören nur wenige der "Familiendramen" unter "eingesessenen Deutschen" tatsächlich in die Kategorie "Bluttaten aus fehlverstandenem Ehrgefühl", um "sich und der Familie die Schande zu ersparen".

Wie ich schon in meinem Artikel schrieb: so etwas kommt in allen Kulturen und allen Gesellschaftsschichten vor.

Allerdings geht es in unserer, der Stammesgesellschaft schon lange entfremdeten Kultur sehr in Richtung "Gesichtsverlust" (darin scheint "der Westen" den noch länger der Stammesgesellschaft "entwachsenen" Kulturen Chinas und Japans mit einigen Jahrhunderten Abstand zu folgen).
distelfliege - 18. Mai, 19:13

Nä...

..ich habe nicht sagen wollen, daß vorschnell von Ehrenmorden geredet wird. Ich wollte vielmehr sagen, daß vor der eigenen Haustür nicht in gleichem Maße gekehrt wird.
Ob der Gesichtsverlust durch den Mord abgewendet werden kann oder nicht, das ist wohl der Unterschied zwischen Ehrenmord und "Familientragödie" - im letzteren Fall geht das nicht, daher bringen sich die Kerle, die durch den Wegfall von Weib, Wohlstand oder Ähnlichem nicht mehr blicken lassen können, oder das befürchten, mit Vorliebe selbst um - und beziehen ihre Familie da grosszügig mit ein. Oder sie bringen ihre Familie um und beziehen sich selbst mit ein. Da ist nämlich die Frage, ob das erweiterter Suizid ist oder erweiterter Mord, und wer den Gesichtsverlust ausgelöst hat.
Ob das eine z.b. türkisch-deutsche Frau ist, die sich nicht gemäss den Familienregeln verhält oder ob das eine deutsche Frau ist, die mit Trennung droht, und dafür sterben muss, weil sonst der Kerl sein Gesicht verliert - für mich besteht da eben der Unterschied, daß der türkisch-deutsche Kerl nach dem Mord stolz in den Knast gehen kann und die Familie befriedigt ist, und der deutsche Kerl darf mit nicht soviel Verständnis rechnen. Wenn auch mit einigem Verständnis.
Ich will nicht alle "Familientragödien" darauf reduzieren, aber aus meinem Blickwinkel sind es nicht wenige, wo es diese Ähnlichkeit gibt. Bzw. die Gemeinsamkeit, daß Frauen und Kinder als Besitztümer angesehen werden und entsprechend damit geschaltet und gewaltet wird - zwar nicht bewusst und rein rechtlich gesehen auch nicht, aber das ist so ein kultureller Subtext, äh... irgendwas kollektiv Unbewusstes eben, das sich angesichts dem Verhalten der Mitglieder dieser Gesellschaft durchaus ablesen/rauslesen lässt.

Selbstverständlich sind die Maßstäbe andere, also was erlaubt ist, was "drin ist", was "im Rahmen ist" und was nicht, aber die Selbstjustiz von Männern bei Übertretung der jeweiligen Maßstäbe durch Frauen (und Kinder) - da gibts für mich nicht viel Unterschied. Aus meiner Perspektive - auch nur einer von mehreren möglichen Perspektiven.

Im Übrigen ist dein Blog einer der wenigen Orte im Netz, an dem ich solche Gedanken überhaupt schreibe. Andernorts würde ich mir sowas gleich klemmen, da ich nicht mit großartiger Akzeptanz dieser zugegeben radikaleren Perspektiven rechne - fällt mir nur grad am Rande auf. Mit Akzeptanz meine ich jetzt nicht Zustimmung, sondern allein die Aussicht darauf, daß die eigene Perspektive (und andere) als eine Möglichkeit bestehen kann, wie man etwas sehen kann.
MMarheinecke - 18. Mai, 21:41

Nennen wir das Problem beim Wort: "Patriarchat"

Weiter oben schrieb ich, dass ich den Begriff "Ehre" nicht für ein Resultat oder eine "Erfindung" des Patriarchats halte - mir sind nämlich die Überlegung einiger feministischer Soziologinnen und Historikerinnen, die in diese Richtung argumentieren, durchaus bekannt.
Aber ich kann Dir nicht darin widersprechen: "die Gemeinsamkeit, daß Frauen und Kinder als Besitztümer angesehen werden und entsprechend damit geschaltet und gewaltet wird - zwar nicht bewusst und rein rechtlich gesehen auch nicht, aber das ist so ein kultureller Subtext, äh..." - Mal in meine Worte übersetzt: ohne patriarchalisch bestimmtes Denken gäbe es weder "Ehrenmorde" noch "Familientragödien wegen Gesichtsverlust".

Wobei Kulturen, in denen es eine Tradition des "ehrenvollen Suizids" wegen "Gesichtsverlust" gibt, auch strenge Regeln dagegen haben, dass dabei andere zu Schaden kommen. Ich denke da an Japan - hohe Suizidrate, aber meistens "saubere" Selbstmorde. Zugespitzt gesagt: ein typischer lebensmüder Japan fährt sich nicht absichtlich mit dem Auto Tot oder wirft sich einfach vor den Zug - geschweige denn, dass er eine Selbsttötungsart wählt, bei der er "noch welche mitnimmt". "Familientragödien" der genannten Art sollen in Japan sehr selten sein - trotz eines nach unseren Begriffen völlig überkandidelten (ungeschriebenen) Ehrenkodex' und einer noch stark von patriarchalischen Vorstellungen durchdrungenen Gesellschaft.

Zurück zum Patriarchat: in einer Gesellschaft, die das Patriarchat überwunden hat, gäbe es sicherlich noch Selbstmorde "wegen Gesichtsverlust" und sicher auch manche üble Fälle von Selbstjustiz - aber den "Ehrenmorde" oder "Familientragödien" würde m. E. die kulturell-psychologische Grundlage fehlen; es gäbe sie wahrscheinlich nicht mehr.
distelfliege - 19. Mai, 01:06

Hmjo..

...also - dadurch daß das Konzept "Ehrenmord" so wenig erläutert werden muss, und hier so gut verstanden wird, äussert sich ja auch daß diese Gesellschaft strukturmässig ebenfalls ein Patriarchat ist.

Ich hatte das wohl nicht richtig verstanden beim Lesen, was du mit dem Satz meintest, daß das Patriarchat den Begriff der Ehre nicht erfunden hätte. Also, als Verweis auf feministische Soziologie habe ich das nicht kapieren können und jetzt versteh ich es zugegeben immer noch nicht ganz.

Also rein strukturell seh ich z.b. keinen Unterschied zwischen Wergeld zahlen und eine abtrünnige Frau umbringen - in beiden Fällen verliert die Sippe etwas von ihrem "Besitz" und danach ist wieder alles palletti. Also, Regelungen, damit kein Gesichtsverlust eintritt oder um einen solchen abzuwenden, das fand ich gut beschrieben von dir, doof nur, wenn, wie du auch schon sagtest, der Einzelne unwichtig genug ist, um im Zuge solcher Regelungen abgemurkst zu werden.

Also, wenn das Selbstbewusstsein schwach ist, hattest du geschrieben, dann wird wegen jedem Geschiss ein Bohei gemacht. So weit korrekt, nur ist so ein Anlass, daß das Mädel einfach auszieht und meint ein eigenes Leben zu haben, doch durchaus ein althergebrachter, regelkonformer Grund, sie umzulegen - nach manchem althergebrachten System. Also auch bei starkem Selbstbewusstsein hätte die Familie sie umlegen (lassen) müssen/können. Nur lebte die Familie nicht in so einem System und was die individuellen Gründe, die den Bruder zu der Tat verleitet haben mögen, angeht, stimme ich dir voll zu.
MMarheinecke - 19. Mai, 11:41

Du machst es mir wirklich nicht leicht

aber ich finde Deine Einwände interessant.

Dass unsere Gesellschaft von der kulturellen Struktur her immer noch ein Patriarchat ist, ist, denke ich, unstrittig. Frauen haben in Deutschland erst seit 1918 das Wahlrecht, noch in den 50er und 60er Jahren konnte von einer juristischen Gleichberechtigung der Geschlechter in der BRD, Grundgesetz hin, allgemeine Deklaration der Menschenrechte her, keine Rede sein (die DDR war da tatsächlich weiter) - und was die ökonomische Gleichstellung angeht, gab es in den letzten Jahren eine Reihe herber Rückschläge. Auch wenn wir eine Bundeskanzlerin haben, steckt das Patriarchat noch tief in der deutschen Kultur.
Aber wem sag ich das ...
Jedenfalls ist das "nationalkonservative Familienbild", wie ich es mal nennen will, wieder en vogue ("konservativ", weil die Frau darin in erster Linie Mutter und Hausfrau zu sein hat - und der Mann "Herr im Haus" ist, "national", weil es den Fans dieses Familienbildes auf möglichst zahlreiche Kinder in dieser Familie ankommt, die dann zu Disziplin und Fleiß zu erziehen sind - damit Deutschland weder die Rentenbeitragszahler noch der Fachkräftenachwuchs ausgehen).
Typisch jedenfalls, dass die Kinder in diesem Familienbild (wieder) nicht als Individuen, sondern quasi zunächst als "Eigentum der Eltern (in der ökonomisch bestimmten Praxis meistens "Vaters") und später als "Volkseigentum" gesehen werden. "Verdinglichung" und "Vernutzung" des Menschen, der am Ende nur noch "Menschenmaterial" oder moderner "Humankapital" ist.

Unter dieser modernen Prämisse wäre das Wergeldsystem in der Tat nichts anders, als eine Entschädigungsleistung für zerstörtes oder beschädigtes "Humankapital" der Familie / Sippe / Gemeinschaft. Das sah in einer Stammesgesellschaft durchaus anders aus. (Konzepte des "Heils", der "Hammingja", der spirituellen Gemeinschaft usw. usw., die sich nicht so ohne weiteres in die anders strukturierte Moderne transplantieren lassen. Abgesehen davon war die reale germanische, keltische, slawische oder sonstige Stammesgesellschaft alles andere als ein "goldenes Zeitalter" intakter Sitten und geordneter Familienverhältnisse. Weshalb ich auch dringend davor warne, Bräuche aus "heidnischer Vorzeit", die sich einst bewährten, unkritisch auch die Gegenwart übertragen zu wollen. ) Zwar wird das Patriarchat z. B. bei den Germanen- egal, was einige völkische Schreiberlinge und kulturell konservative Historiker meinen - sehr viel weniger ausgeprägt gewesen sein, als in der frühen europäischen Neuzeit oder heute noch in Ostanatolien oder Afghanistan. Aber es war ein Patriarchat, "Vaterrecht". Wie groß der Wert des einzelnen Lebens ist bzw. war, ist kulturell sicherlich sehr unterschiedlich. Den Kelten wird z. B. ein starker Hand zum Individualismus nachgesagt, was ja auch in Sagen und Mythen seinen Ausdruck findet - ungeachtet des ebenso wichtigen Denkens in Clans und Sippen. Ähnlich war es wohl auch bei den Germanen. Was bedeutet, dass das Konzept der "Familienehre, Sippenehre, Clanehre" usw. einschließlich blutiger Bräuche wie Blutrache, Duell auf Leben und Tod, Wergeld, Morden aus gekränkter Ehre, bis hin zu Kriegen als "Ehrensache" auch in Gesellschaften "funktioniert", in denen es nicht heißt: "Du bist nichts, Deine Sippe (Deine Familie, Dein Clan, Dein Stamm, Dein Volk usw.) ist alles!"

Heide Goettner-Abendroth meint, wenn ich sie richtig verstehe, der typische Begriff von "Ehre" - die "Mannesehre" sei - sei eine Folge der Deformation älterer, matriarchaler Vorstellung von Männlichkeit unter patriarchalischen Machtverhältnissen. "Ehrverlust" wäre also mit einem (gefühlten) Macht- bzw. Prestigeverlust des "Familienherrschers" (Vaters bzw. Sippenältesten) gleichzusetzen - und unter diesen Prämissen ist es in der Tat "innerlich logisch", wenn die "Rebellion" einer Tochter als "verletzte Familienehre" gesehen wird. Ebenso "logisch" ist, dass sich der älteste Sohn (als "Kronprinz" in der kleinen patriarchalen Familienmonarchie) um die "Dreckarbeit" des Umbringens der rebellischen Tochter zu kümmern hat - der Patriarch macht sich nicht die Hände selber schmutzig, außerdem wird ist er in der Regel schon zu alt, um sich erfolgreich herumzuprügeln.
Wie gesagt, ich halte es für falsch, den Ehrbegriff, den ich sehr "in Ehren" halte, auf solche patriarchalischen Machtstrukturen zu reduzieren. Aber sie dürfte tatsächlich das eigentliche Motiv der "Ehrenmorde" wie auch der "Familendramen" sein. (Zu Frau Heide Göttner-Abendroth meine ich, dass sie ein "Wunsch-Matriarchat" zurechtkonstruiert hat, ein verlorenes "goldene Zeitalter" der Harmonie: agonale (kämpferische, konkurrierende) Gegensätze zwischen den Geschlechtern zu konstruieren widerspräche den integrativen Fähigkeiten der matriarchalen Frau. Aber schon damals sei das männliche Prinzip das "heroische" gewesen: die Kraft zum Selbstopfer, die Fähigkeit zur vollkommen Integrität. Nachdem das Patriarchat die Macht errungen hatte, hätte die "Ehre" des Mannes auf diesen "absolut" gesetzten heroischen Tugenden beruht. (So ganz verstehe ich das auch nicht, dürfte an meinem nicht-integrativem männlichen Verstand liegen *ggg*.)

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