ryuu - 27. Apr, 15:07

Danke für diese Begriffsbetrachtung, Martin!
Ich würde fragen, ob das "sex sells" bei Royo und Vallejo (und vielleicht überhaupt?) nicht in Wirklichkeit ein "hegemonial-heterosexueller Vanilla-Sex verkauft sich gut" ist, denn diese Frauen- und Männerdarstellungen reproduzieren ja die übelsten Klischees und bilden nur ganz idealisierte Körper ab. Normalgewichtige oder gar dicke, alte, flachbrüstige oder kurzhaarige Frauen, dürre oder effeminierte Männer wären schon wieder verstörend.
Ich denke, das Ganze würde auch in Form einer "schwulen Konsumerotik" oder auf "heteroporno-kompatibel" lesbisch (will sagen: gängigen Schönheitsidealen entsprechende Frauen fummeln harmlos aneinander herum) noch funktionieren. Dasselbe beobachte ich auch in den von Weichspül-SM durchdrungenen Werken von vielen Gothic-Fotografen: da weicht das SMige auch nur soweit vom "Normalen" ab, daß es gerade noch als Antörner für heterosexuelle "vanilla people" funktioniert. Auch das würde ich unter Kitsch verbuchen.
Ehrlich gesagt: es ist meistens mehr der Sexismus, der mich an diesen Bildern stört, als daß ich sie künstlerisch ziemlich uninteressant finde.
Ob das Immergleiche und das beliebig Konsumierbare auch zu den Merkmalen von Kitsch gezählt werden können? Ich habe gerade in einem Forum die Art von heidnischen Chants gebasht, die sich in monotoner Pseudo-Modalität ergehen und deren Melodik so vorhersehbar ist, daß gilt: kennst du einen, kennst du alle. Ist das also eine Form von musikalischem Kitsch?

MMarheinecke - 27. Apr, 16:08

Da gebe ich Dir recht

Denn der von mir benutzte Begriff "Kosumerotik" lässt sich leicht auf: "hegemonial-heterosexueller Soft-Sex, der niemandem ernstlich weh tut, aber der immer noch gängigen Macho-Klischee bedient" zurückführen.
Wobei Boris Vallejo ja immerhin manchmal auch kurzhaarige und "drahtige" Frauen und grauhaarige ältere Männer (die dann aber meistens "wettergegerbt-heroisch" aussehen) auf die Leinwand bringt. Außerdem zeigen einige seiner Werke "lesbisch" wirkenden Frauen, und auch vor "dezenter" schwuler Erotik schreckt er nicht zurück. Das macht sicher den von Distel bemerkten Unterschied zu z. B. Royo aus - Royo ist einerseits "weicher" (also kaum SM-Anspielungen) und andererseits "heterosexueller" - während Boris Vallejo etwa seitdem er nicht mehr nur von Titelbildern und Werbung lebt, sondern auch im Kunsthandel gute Preise erzielt, deutlich "mutiger" ist.
Allerdings nicht so mutig, dass mich die Mehrzahl seiner Bilder nicht (künstlerisch) langweilen würden. Er kann anders, und es gibt eine ganze Reihe Vallejo-Arbeiten, die ich mir ohne zu zögern in die Wohnung hängen würde. (Z. B. "Chrome Robot").
Ich habe ja nirgendwo geschrieben: "Alles von Vallojo ist schlecht".

Ich habe Vallejo als Beispiel herausgesucht, weil er der "Gegenpol" zu Buffet ist, bzw. sie sich so weit wie möglich voneinander unterscheiden. Buffet, der Liebling des Kunstmarktes und mancher Kunstkritiker in den 50er und frühen 60er Jahren, der eine Zeit lang malen konnte, was und wie schlecht er wollte, solange es schnell ging und sein "typischer Stil" erkennbar blieb, Vallejo, der klassisch-akademisch ausgebildete Maler, der sich, weil er das Geld brauchte und der Kunstmarkt für "gegenständliche Malerei" in den 60er schlecht war, als "Gebrauchskünstler" versuchte.
Das gemeinsame Merkmal: bei beiden wurde die Kunst "warenförmig überformt", "entfremdet", wie die Marxisten sagen würden. Beide wurden durch den Kunstmarkt und seine unberechenbaren Moden erst das, was sie sind bzw. waren.
Und das ist für mich das entscheidende Kriterium, dass die Kunst der beiden "falsch" macht. (Wobei ich nichts gegen Gebrauchskunst an sich sagen will.)
distelfliege - 27. Apr, 23:11

Hm...

...jo, dieser Sexismus in den Bildern stört mich auch extrem. Ich habe mal eine Meinung zu einer Webseite über den Mond und die Magie abgeben sollen, und da waren solche halbnackten Tittenamazonen drauf, Royo oder Vallejo, keine Ahnung. Was mir auffiel war diese Pose - Frauen werden ob barfuß oder nicht, grundsätzlich so dargestellt, als würden sie 10 cm hohe Stilettos tragen, d.h. dieser nach hinten gekippte Hintern, die komisch durchgestreckten Beinmuskeln, und dann so, als wären an ihren Nippeln Seile angebracht die nach oben ziehen, d.h. Brust raus. Den Kommentar der Webmasterin auf meine Meinung, daß ich das Bild Pinup-sexualisiert finde, war "Wieso, das sind doch starke Frauen, die haben doch Muskeln".
Also, kurzhaarig und "drahtig" ist überhaupt nicht das Kriterium, solang sich dem Betrachter der unvermeidliche "Fuck me" Hintern entgegenstreckt, reißt die Frisur es auch echt nicht mehr raus.
"tut niemandem ernstlich weh" würde ich auch nicht sagen. Keinesfalls. Natürlich tut es nicht durch Normabweichungen weh, aber die Normalität tut eben an sich ganz schön weh.

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