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Boche (Gast) - 4. Dez, 10:54

Ich sehe, dass ich viel zu selten hier vorbeischaue... Schöner Beitrag!

Ich war auch immer der Ansicht, dass Huxley im Zweifel die beängstigerende, weil realistischere und dauerhaftere Hölle auf Erden gezeichnet hat, als der Realsozialismus-Kritiker Orwell. Allerdings bin ich optimistischer geworden. Die Gegentendenzen scheinen mir zu offensichtlich zu sein (ich rede jetzt nur von der westlichen Industriegesellschaft):
Die Globalisierung sorgt dafür. dass der Staat schwächer wird. Menschen, Ideen und Waren überschreiten einfacher alle Grenzen und entziehen sich damit stärker den lokalen Herrschern als früher. Das Bündnis zwischen Big Business und Staat wird damit schon auf einer der beiden Seiten machtloser.

Das Big Business wiederum ist (meist, natürliche Monopole mal ausgenommen, aber selbst die halte ich für überschätzt) nur dann Big Business, wenn es von staats wegen dazu gemacht wird. Die Liberalisierung d.h. die Entstaatlichung der Wirtschaft wie auch die Globalisierung und damit der schärfer werdende Wettbewerb bewirken aber ebenfalls, dass Big Business machtloser wird. Welches Unternehmen hätte denn heute in Deutschland noch wirkliche Macht? Bahn und Telekom fallen doch aus. Erstere, weil es mit dem Auto die Alternative gibt. Letztere dankenswerter Weise wegen des nach der Privatisierung eingesetzten Wettbewerbs. Der Post steht das Gleiche bevor. Große Pharmaunternehmen? Deren MAcht neutralisiert sich doch ebenfalls durch Wettbewerb. Bleiben vielleicht die Energieversorger.
Nein, ich kann nicht erkennen, wo der zweite Part am Doppelgestirn des von dir befürchteten Verderbens, woraus das Big Business seine Macht schöpfen sollte. Viele der heute Großen können morgen schon von der Bühne verschwunden sein: Diverse Medien- und Musikunternehmen, Google, selbst Microsoft - deren ganze Macht ruht auf den wackligen Füßen derzeitigen Technologiestands und den doch sehr wankelmütigen Vorlieben ihrer Kunden.

Zu Foucaults Thesen, die du darstellst: Das nach Innen legen der Überwachung, Kontrolle und Strafe ist ja nichts viel anderes als das, was bei Freud die Entwicklung des Über-Ich durch Internalisierung äußerer Autorität (des "Vaters"=) darstellt. Man muss da aber nicht pessimistisch stehen bleiben. Denn bei Freud ist das Über-Ich nur eine Komponente der Persönlichkeit. Die vom Ich berücksichtigt wird, aber nicht mit ihm identisch ist.
Der darin liegende Hoffnungsschimmer ist, dass der Individualismus eben doch stärker ist als alle internalisierte Kontrolle. Und bei aller Kritik an vielerlei grassierender Kritiklosigkeit wage ich doch zu vermuten, dass die Menschen heute im Großen und Ganzen selbstbewusster und im guten Sinn egoistischer sind als gestern.
Was aber einen Foucault bzw. einen Foucault-Adepten (dich meine ich damit nicht) sicher schmerzt: Die Menschen begeistern sich nicht nur nicht mehr für obrigkeitlich vorgegebene Ideale. Sondern auch nicht mehr für die klassenkämpferischen oder gesellschaftskritischen Theorien der Postmoderne.

Zu deinem Fazit:

- Kapitalismus ist nur dann mit einem menschenwürdigen Dasein vereinbar, wenn es a) funktionierende Märkte gibt und b) Demokratie herrscht - die bis in die Unternehmen hinein reicht.

Funktionierende Märkte sind meines Erachtens Märkte mit möglichst optimaler Informationslage bei Anbieter und Nachfrager. Und es sind vor allem Märkte, die nicht durch staatliche Macht zugunsten einzelner Teilnehmer auf Anbieter- oder Nachfrageseite verzerrt werden. Demnach braucht es ein Mehr an Liberalisierung und Privatisierung.
Demokratie in Unternehmen halte ich für Unsinn. Unternehmerische Entscheidungen dem Mehrheitsprinzip zu unterwerfen, bringt m.E. keinen Vorteil. Vor allem dann nicht, wenn die Entscheider nicht auch Eigentümer sind.

- Das Bündnis zwischen "Big Business" und "Big Gouverment" ist zu bekämpfen. Am besten, es gibt weder das eine noch das andere.

Siehe oben: Ich halte die Gefahr für überschätzt und Liberalisierung wie Globalisierung als die besten Mittel, um mögliche Auswüchse in diese Richtung zu bekämpfen.

- Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld (eigentlich eine Versicherungsleistung!) dürfen nicht an Bedingungen geknüpft werden, die die Freiheitsrechte des Einzelnen faktisch einschränken.

Eine Privatisierung dieser Versicherungen behebt dieses Problem. Der Staat wird den beim Geldeintreiben angewandten Zwang immer beim Ausgeben weitergeben. Und er kann es vor allem dann, wenn sein Angebot ein Monopolangebot ist. Merke: Wenn man "sozial" agiert, degradiert man den Empfänger automatisch zum Bettler. Es folgt praktisch von allein, dass bei nun einmal begrenzten Mitteln dieser Empfänger dann auch entsprechend schikaniert wird. Die Lösung kann eben nur sein, dass man möglichst viel "soziale" Leistungen auf das privatwirtschaftliche Niveau hebt. Weil nur dieses dadurch definiert ist, dass da zwei Vertragspartner auf Augenhöhe agieren. Auf Augenhöhe, weil freiwillig. Wenn ein möglichst freier Markt existiert.

- Jede Gesellschaft ist für den Einzelnen da und hat ihm zu dienen, nicht umgekehrt. Das schließt nicht die moralische Verpflichtung des Einzelnen aus, sich um das Gemeinwohl zu kümmern, im Gegenteil! Aber dieser Gemeinwohl muss in der Summe des Wohls der Einzelnen liegen, nicht in einer abstrakten Staatsraison. Statt "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" Hilfe auf Gegenseitigkeit.

Den ersten Satz unterschreibe ich, wenn du aus "Gesellschaft" "Staat" machst. Die Gesellschaft selbst ist meiner Ansicht nach die Summe der Einzelnen (die sich zueinander so oder so verhalten). Und dieser Summe sollte man besser keine Aufgaben zuschreiben. Das geht nämlich nur auf Kosten des Individuums. (Dass die Summe der Einzelnen dem Einzelnen dient, ist dann sowieso ein Paradox. Beziehungsweise eine Gleichung, in der sich alles "wegkürzt", wie Lieschen Müller in der Mathematik sagt.)
Was die moralische Verpflichtung des Einzelnen angeht, lese ich auch lieber Selbst- als Fremdverpflichtungen.

- Jeder Versuch, den Menschen und seine Eigenschaften auf seine Biologie zu reduzieren, ist mit großem Misstrauen zu begegnen.

Richtig.

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