Rayson (Gast) - 15. Sep, 13:54

Doch, doch, die Menschenrechte sind tatsächlich aus dem Humus des christlichen Menschenbildes (das natürlich seinerseits jüdische und griechische Wurzeln hat) entstanden. Auch die Aufklärer gewannen ihre Ideale ja nicht frei schöpfend, sondern orientierten sich an Entwicklungen, die vor ihnen christliche Denker schon eingeschlagen hatten.

Das christliche Menschenbild entwickelte den Gedanken der "Menschenwürde" durch die Anerkenntnis des unbedingten Werts des einzelnen Menschen, der unmittelbar in einem Verhältnis zu Gott steht, und es enthält den Appell, von der eigenen Vernunft Gebrauch zu machen und die eigene Umwelt verantwortungsvoll zu gestalten.

Dass sich Aufklärer und Humanisten z.T. gegen einen kirchlichen Apparat durchsetzen mussten, widerspricht dieser Erkenntnis ebenso wenig wie die Untaten späterer "aufgeklärter" Herrscher.

Nur ist natürlich eine Gleichsetzung Unfug. Die Menschenrechte mögen, zumindest in unseren Breitengraden, im Christentum verwurzelt sein, aber sie sind keine exklusiv christliche Angelegenheit.

Und das Kreuz ist vom Glauben selbstverständlich nicht zu trennen. Christen müsste es eigentlich erschrecken, wie ihr wichtigstes Symbol so profanisiert wird.

Last but not least: In seiner Antwort setzt Pofalla "Kruzifix" und "Kreuz" gleich. Wenn es nicht in manipulativer Absicht geschieht, zeugt es von Unkenntnis. Beides spräche gegen seine Argumentation.

MMarheinecke - 15. Sep, 14:55

Nein, nicht unbedingt

Ja, dass Pofalla Kreuz und Kruzifix (Kreuz mit Dranhängender Darstellung des zu Tode gemartertem Jesus) gleichsetzt, ist mir auch aufgefallen. Ich vermute, dass er, als Katholik, beim "Symbol des Christentum" automatisch an ein Kruzifix denkt und nicht etwa an das von Protestanten bevorzugte schlichte Kreuz.

Historisch gesehen stammt die Idee der Menschenwürde nicht aus dem Christentum. Man kann zwar, mit M. J. Blumenthal, dahingehend argumentieren, das der Gedanken der "Menschenwürde", die Gleichheit vor dem Gesetz und die Vorstellung eines souverän und bewusst, nach freien Willen, entscheidenden Individuums im Judentum entstanden und über die mittelalterlichen Scholastiker in den christlichen Wertekanon übernommen wurden. Deshalb sollte man, wenn schon, von einem jüdischen Menschenbild sprechen.
Allerdings sind entsprechende Vorstellungen in der griechischen Philosophie - vor allem in der Stoa - ebenfalls angelegt.
Die Anerkenntnis des unbedingten Werts des einzelnen Menschen, der unmittelbar in einem Verhältnis zu Gott (oder den Göttern) steht, findet sich z. B. auch bei den den Orphikern bzw. im Dionysos-Kult des vorsokratischen Griechenlands - und natürlich auch bei Sokrates selbst. (Platon und Aristoteles haben das dann wieder relativiert, weil sie glaubten, die Sklaverei rechtfertigen zu müssen, Epikur hat die Menschenwürde dann - indem er die Götter herausnahm - auf die Erde geholt - der Mensch hat, allein aus der Tatsache heraus, dass er Mensch ist, seinen unbedingten Wert.) Das alles zu einer Zeit, in der das Christentum noch in weiter Zukunft lag. (Dass dann lange Zeit keine Probleme mit der Institution "Sklaverei" sah - es reichte offensichtlich aus, dass ein Sklave vor Gott frei war, die real-weltliche Freiheit stand dem gegenüber zurück.)

Selbstverständlich erfanden die Aufklärer ihre Vorstellungen nicht im leeren Raum, sondern in einer christlich geprägten Umwelt. Die aus dem aus Judentum und Hellenismus übernommen Vorstellung der unantastbaren Würde des Menschen, der Gleichheit, und der Gewissensfreiheit wurden tatsächlich unter anderem christlich vermittelt (neben dem Humanismus und seinem Rückgriff auf antike Quellen.)
Allerdings wurden die universellen Menschenrechte auch in bewusster Abgrenzung zu traditionellen Aspekten des christlichen Menschenbildes, wie die der ewigen Verdammnis der Ungläubigen oder der Erbsünde, formuliert.
Vor allem wären Menschenrechte, die sich explizit auf ein "christliches" (besser jüdisches und hellenistisches) Erbe berufen, nicht mehr universalierbar. Ich könnte, als Asatruar, z. B. behaupten, dass die "von Juden erfundenen" Menschenrechte für mich nicht maßgeblich wären. (Und die "Artgemeinschaft" des Neo-Nazis Jürgen Rieger argumentiert tatsächlich in dieser antisemitisch-völkischen Stoßrichtung.) Oder als Moslem, dass Menschenrechte, die auf Grundlage des christlichen Menschenbildes entstanden, nicht den Geboten des Korans gegenüber vorrangig sein können und allenfalls eine christliche Ergänzung zur Schari'a darstellen. (Ich schrieb zunächst "Alternative", da aber auch die Schari'a universelle Gültigkeit beansprucht, kann es aus islamischer Sicht keine Alternativen geben.)
Rayson (Gast) - 16. Sep, 13:11

Das ist eben die Frage, wie man es sehen will. Dass die Menschenwürde eine originär christliche Erfindung sei, ist m.E. ebenso falsch wie die Behauptung, das Christentum habe diesen Begriff nur vermittelt.

De facto entstammen die Menschenrechte nun einmal aus einer christlichen Gedankenwelt. Dass sie sich von dieser dann emanzipiert haben, ist eine andere Sache. Wobei ich übrigens Erbsünde und "ewige Verdammnis der Ungläubigen" nicht als Teil eines Menschenbildes sehen würde - das sind Dinge, wenn man sie denn meint, theologisch begründen zu können (was zumindest bei der "ewigen Verdammnis" nicht haltbar sein dürfte), die das Verhältnis zu Gott betreffen, aber nicht das Verhältnis der Menschen untereinander. Für Juden waren Nichtjuden noch in gewisser Hinsicht "weniger wert", wie sich sogar an Gleichnissen und dem Verhalten von Jesus selbst erkennen lässt, für Christen ist das nicht mehr sinnvoll zu begründen, da sich die Botschaft an jeden Menschen richtet, jeder also auch erlöst werden kann. Da kommt also schon noch einiges hinzu.

Die Universalisierbarkeit ist ein generelles Problem. Blendest du den jüdisch-christlichen Teil aus, bleibt der hellenistische Ursprung. Verdeckst du den auch noch, ist eben "der Westen" der Urheber. Menschenrechte gewinnen ihre Legitimität nicht durch geschichtliche Autorität, sondern durch Akzeptanz. Wer sie nicht akezeptieren will, wird immer einen Grund finden, warum sie für ihn nicht gelten können. Und sei es, dass sie eben "nicht-islamisch" seien.

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