In einem Punkt möchte ich Dir doch widersprechen. Was das "Neuheidentum" angeht, war der Antisemitismus wohl vor dem Antimonotheismus da. List, der hier ja unzweifelhaft eine finstere Pionierrolle spielte und dessen Denken leider bis heute nachhallt, hatte mit dem Polytheismus seine liebe Mühe. Dem "völkischen Heidentum" ging es bis nach dem Krieg nie um Polytheismus, sondern um Rassenmystik.
So gesehen lief die Sache umgekehrt. Der Antisemitismus gebar den vermeintlichen Antimonotheismus, zumindest in seinen ariosophischen und völkischen Ausprägungen. Das Christentum wurde wegen seiner jüdischen Wurzeln abgelehnt, und man begab sich auf die Suche nach der wahren, arteigenen Religion. So ist das bis heute. Ich mache jede Wette, dass bei den meisten "völkischen Heiden" die politische Gesinnung vor der "Religion" da war.
Dass man in diesen Kreisen eher an die göttlichen Germanen als an die germanischen Götter glaubt, wie Du schön schreibst, trifft den Nagel haargenau auf den Kopf.
Die Ariosophen und ihre Nachbeter waren keine Polytheisten
Insofern hast Du recht - ihr Antimonotheismus war und ist ein sekundäres Phänomen.
Allerdings sehe ich ideengeschichtlich den Antimonotheismus als eine Hauptquelle des neuzeitlichen Antisemitismus an. (Die andere ist der christliche Antitjudaismus.) Also - zuerst Antimonotheismus, dann "moderner" Antisemitismus, weiterentwickelt zum Rasseantisemitismus (Marr), der Rasseantisemitismus wird von den Ariosophen und ähnlichen Gruppen übernommen, worauf sich bei den an sich monotheistisch denkenden und an "eine Wahrheit" glaubenden Ariosophen ein "sekundärer Antimonotheismus" ausbildet.
Freud bezeichnete die Antisemiten einmal als "schlecht getaufte Heiden", womit er auf den deutlichen "Gefühls-Antimonotheismus" der "gebildeten" Antisemiten seiner Zeit anspielte.
Auf den Antimonotheismus der "Neuen Rechten" - die ja nicht in der ariosophischen Denktradion stecken - habe ich ja schon hingewiesen.
Übrigens: Auf die Wette, dass bei den meisten "völkischen Heiden" die politische Gesinnung vor der "Religion" da war, lasse ich mich nicht ein. Die gewinnst Du locker.
Pileatus (Gast) - 3. Jan, 14:47
Was mir nicht ganz klar ist, wo der Antimonotheismus ins Spiel kommt. Bei den Romantikern? Eine andere Wurzel scheint mir da viel bedeutsamer: Der Antiliberalismus. Die Emanzipation der Juden war eine grossen Forderungen der Liberalen, die das Individuum aus den Fesseln der Personenverbände lösen wollten, und grosse Teile des jüdischen Bürgertums bekannten sich bezeichnenderweise früh und ohne Halbherzigkeit zum Liberalismus. "Der Jude" war nach 1791 eine Chiffre für die Ideen der amerikanischen und der franzöischen Revolution: Offene Gesellschaft, Freihandel, Kapitalismus, Moderne.
Man sollte sich aber nun hüten, jede Kritik am Liberalismus in diese dunkle Ecke zu stellen, wie das von gewissen neoliberalen Vordenkern bisweilen getan wird. Dass es ein konservatives und antiliberales Denken ohne Antisemitismus geben kann, beweist wohl am besten die orthodoxe jüdische Gemeinschaft ; )
Antimonotheismus ist eine (potenzielle) "Wurzel" antisemitischen Denkens, vor allem im Neopaganismus, aber die wichtigere ist auf der politische Ebene tatsächlich wohl der Antiliberalismus. (Wobei es auch liberale Judenhasser gibt. Ausgerechnet Marr war zunächst Liberaler, später Anarchist - und Zeit seines Lebens überzeugter Demokrat. Der sozialistische Antisemitismus wäre einen eigenen Artikle wert.)
Die entscheidende Quelle der Judenfeindschaft war und ist jedoch der christliche Antijudaismus - auch bei Menschen, die nach eigener Einschätzung Gegner des Christentums sind.
Der Antimonotheismus kommt schon bei den Aufklärern ins Spiel, ganz ausgeprägt z. B. bei Voltaire, als Bestandteil der Kritik am Christentum. Ohne es zu wollen oder auch nur absehen zu können, lieferten die Aufklärer damit den antisemitischen Theoretikern des 19. Jahrhunderts (die tatsächlich zuerst in der Romantik und tatsächlich vor allem in Deutschland auftraten) die Munition. Es ist ein Kurzschluß, den Antimonotheismus als "Vorform" des Antisemitismus zu sehen. Eher ist er so etwas wie ein Steinbruch, bei denen sich Antisemiten nach belieben bedienen. (Kant leistete z. B. unabsichtlich dem Rassismus Vorschub. Es wäre aber fahrlässig, ihn als "Vordenker des Rassismus" zu brandmarken, so wie einige christlich-konservative Autoren Voltaire und Diderot als "Vordenker des Antisemitismus" bezeichen.)
Hmmm...
In einem Punkt möchte ich Dir doch widersprechen. Was das "Neuheidentum" angeht, war der Antisemitismus wohl vor dem Antimonotheismus da. List, der hier ja unzweifelhaft eine finstere Pionierrolle spielte und dessen Denken leider bis heute nachhallt, hatte mit dem Polytheismus seine liebe Mühe. Dem "völkischen Heidentum" ging es bis nach dem Krieg nie um Polytheismus, sondern um Rassenmystik.
So gesehen lief die Sache umgekehrt. Der Antisemitismus gebar den vermeintlichen Antimonotheismus, zumindest in seinen ariosophischen und völkischen Ausprägungen. Das Christentum wurde wegen seiner jüdischen Wurzeln abgelehnt, und man begab sich auf die Suche nach der wahren, arteigenen Religion. So ist das bis heute. Ich mache jede Wette, dass bei den meisten "völkischen Heiden" die politische Gesinnung vor der "Religion" da war.
Dass man in diesen Kreisen eher an die göttlichen Germanen als an die germanischen Götter glaubt, wie Du schön schreibst, trifft den Nagel haargenau auf den Kopf.
Grüsse
P.
Die Ariosophen und ihre Nachbeter waren keine Polytheisten
Allerdings sehe ich ideengeschichtlich den Antimonotheismus als eine Hauptquelle des neuzeitlichen Antisemitismus an. (Die andere ist der christliche Antitjudaismus.) Also - zuerst Antimonotheismus, dann "moderner" Antisemitismus, weiterentwickelt zum Rasseantisemitismus (Marr), der Rasseantisemitismus wird von den Ariosophen und ähnlichen Gruppen übernommen, worauf sich bei den an sich monotheistisch denkenden und an "eine Wahrheit" glaubenden Ariosophen ein "sekundärer Antimonotheismus" ausbildet.
Freud bezeichnete die Antisemiten einmal als "schlecht getaufte Heiden", womit er auf den deutlichen "Gefühls-Antimonotheismus" der "gebildeten" Antisemiten seiner Zeit anspielte.
Auf den Antimonotheismus der "Neuen Rechten" - die ja nicht in der ariosophischen Denktradion stecken - habe ich ja schon hingewiesen.
Übrigens: Auf die Wette, dass bei den meisten "völkischen Heiden" die politische Gesinnung vor der "Religion" da war, lasse ich mich nicht ein. Die gewinnst Du locker.
Man sollte sich aber nun hüten, jede Kritik am Liberalismus in diese dunkle Ecke zu stellen, wie das von gewissen neoliberalen Vordenkern bisweilen getan wird. Dass es ein konservatives und antiliberales Denken ohne Antisemitismus geben kann, beweist wohl am besten die orthodoxe jüdische Gemeinschaft ; )
Die wichtigeren Wurzeln des Antisemitismus
Die entscheidende Quelle der Judenfeindschaft war und ist jedoch der christliche Antijudaismus - auch bei Menschen, die nach eigener Einschätzung Gegner des Christentums sind.
Der Antimonotheismus kommt schon bei den Aufklärern ins Spiel, ganz ausgeprägt z. B. bei Voltaire, als Bestandteil der Kritik am Christentum. Ohne es zu wollen oder auch nur absehen zu können, lieferten die Aufklärer damit den antisemitischen Theoretikern des 19. Jahrhunderts (die tatsächlich zuerst in der Romantik und tatsächlich vor allem in Deutschland auftraten) die Munition. Es ist ein Kurzschluß, den Antimonotheismus als "Vorform" des Antisemitismus zu sehen. Eher ist er so etwas wie ein Steinbruch, bei denen sich Antisemiten nach belieben bedienen. (Kant leistete z. B. unabsichtlich dem Rassismus Vorschub. Es wäre aber fahrlässig, ihn als "Vordenker des Rassismus" zu brandmarken, so wie einige christlich-konservative Autoren Voltaire und Diderot als "Vordenker des Antisemitismus" bezeichen.)