gruber - 2. Mai, 01:02

Normativitätsachse...

Mir scheint der Hauptunterschied zwischen Rechts und Links nicht in den konkreten Policies zu liegen, die vertreten werden, sondern im Bezugsbereich der Absichten dieser Policies.
Wie Du richtig bemerkst, gibt es Links- und Rechtsanarchisten, Links- und Rechtsautoritäre. Die Gleichheitsachse geht in die richtige Richtung, ist aber nicht ganz orthogonal zu den beiden erwähnten (dh sie steht nicht genau senkrecht).

Ich vermute, das Kernmerkmal der Linken besteht darin, daß die Ziele normativen Handelns (also das als "das Gute" Angesehene) für alle erreicht werden soll: für alle Schichten, für alle Völker, und ggf. für die Tiere und vielleicht auch Pflanzen, und manchmal sogar für die Frauen. Wie man dieses Gute erreicht (durch mehr oder weniger Kontrolle, mehr oder weniger Technologie, zentralere oder lokalere Verwaltung etc.) eint die Linke mitnichten, sondern es ist eher die moralische Position allgemeiner Rechte, aufgrund eines Wertes, den man dem fremden Gegenüber beimißt, die Vertretung eigener Interessen zu Lasten einer anderen, unterprivilegierten Gruppe gilt dem Linken als unmoralisch.
Demgegenüber ist es der Rechten eigen, die eigene Person, Familie, Gruppe, Fraktion, Ethnie, Nation in den Fokus der Loyalität zu holen, um ihre Interessen gegenüber den meist als Rivalen wahrgenommenen Gruppen zu vertreten. Diese Position legitimiert sich durch die Annahme, daß andere Gruppen ebenso verfahren (oder verfahren würden, wenn sie die Mittel hätten). Jemand, der das nicht glaubt, ist in den Augen des Rechten ein naiver "Gutmensch". Es gibt keinen rechten Internationalismus. Rechte Solidarität erfolgt entweder gegenüber engen Freunden (der eigenen Gruppe) oder mit dem Ziel, einen Gegner zu bekämpfen.

Wenn das stimmt, dann ist es kein Zufall, daß Menschen oft eine biographische Transition von links nach rechts durchmachen: von moralisch rigoristischen Positionen, die das "Gute im Menschen" betonen, verschiebt sich der Fokus der Loyalität zunehmend auf Familie, Freunde, eigenes Netzwerk. Die Probleme der Welt sind nicht für alle lösbar, und der Mensch ist nicht per se gut, also vertritt man die Interessen der eigenen Bezugsgruppe.

Daraus folgen eine Reihe von Tendenzen, z.B. die moralische Haltung zu Korruption, zu dem, was man als fremd wahrnimmt, zum Gebrauch der Wahrheit und der Täuschung, zur Gleichheit etc., nicht jedoch konkrete Maximen bezüglich dieser Themen (z.B. kann für einen Linken ein bestimmtes Maß an Ungleichheit gerechtfertigt sein, wenn es allen nützt, oder für einen Rechten ein rücksichtsloses Vorgehen gegen Korruption, damit ein Gesamtsystem, auf dessen Funktionieren die eigene Gruppe angewiesen ist, stabil bleibt).

Auch wenn es im oben Gesagten so klingen mag: es folgt nicht daraus, welches Welt- und Menschenbild "richtig" oder "ethisch" ist, welches Handeln akzeptabel. Das ist nur dann der Fall, wenn man bereits eigene Prämissen mitbringt.

Köppnick - 2. Mai, 07:58

Einwände

Ich bin ein wenig skeptisch gegenüber deiner Theorie. Man findet sofort Beobachtungen, die sie stützen, und man ist dann geneigt, andere Beobachtungen als Ausnahmen zu klassifizieren. Damit ist man aber bereits in die Falle getappt, dass man die Welt nur noch durch die Brille seiner Theorie betrachtet.

Steven Pinker hat in "Das unbeschriebene Blatt" eine vergleichbare Theorie vorgestellt. Der zufolge neigen Rechte dazu, menschliche Eigenschaften als angeboren und nicht änderbar zu betrachten, während Linke eher an den überragenden Einfluss der Erziehung glauben. Auch hier findet man sofort Bestätigungen: Die Law-and-Order-Fraktion möchte gerne Verbrecher schon mal für immer einsperren, weil die sich sowieso nicht ändern werden, während die Linken gerne Umerziehungsexperimente gleich mit ganzen Völkern oder wenigstens widerspenstigen Teilen davon durchführen. Der Pinkersche Ansatz hat zudem den Charme, dass sich diese beiden Denkströmungen bis ins Altertum zu Plato und Aristoteles zurückverfolgen lassen. Aber auch hier wird die anfängliche Sympathie durch die übergroße Simplizität ausgelöst, man hätte zu gern eine einfache Erklärung.

Wahrscheinlich sollte man auf eine solche Klassifikation von Menschen ganz verzichten, weil man sonst immer in Erklärungsnotstand bezüglich einiger von ihnen vertretener Ansichten gerät, die nicht in das aufgestellte Schema passen. Das Links-Rechts-Denken provoziert eine Lagermentalität, die aus verschieden anders Denkenden homogene Gruppen macht, die sie nicht sind. Links und rechts sind aber zunächst nichts weiter als zwei Wörter für zwei verschiedene Richtungen im Raum.

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