Das Bahnjubiläum und die Verhöhnung der Opfer

Am 7. Dezember steht das offizielle Jubiläum "175 Jahre Eisenbahn in Deutschland" an. Anlass für mich, auf einige Aspekte der Bahngeschichte hinzuweisen, die in der offiziellen Selbstdarstellung der Deutschen Bahn AG eher untergehen.

Am 7. Dezember 2010 jährt sich zum 175. mal die Eröffnung der erste dampfgetriebenen Eisenbahn auf deutschem Boden. Genau 175 Jahre davor dampfte der "Adler" in 14 Minuten vom Nürnberger Plärrer zum Ludwigsbahnhof in Fürth.
Die Stadt Nürnberg hat dafür ein 1,5 Millionen Euro teures "Jubiläumspaket" geschnürt.
Die Festveranstaltungen der DB AG, darunter ein Festakt mit etwa 500 Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, kosten mehrere Millionen Euro.

Das grausamste Kapitel der deutschen Bahngeschichte sind ohne Zweifel die "Todeszüge", die Transporte zu den deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern in den Jahren 1941 bis 1945.
Nun könnte man einwenden, das sei zwar schlimm, aber auch sehr lange her. Es hätte schließlich auch in Nürnberg die Ausstellung Das Gleis Nürnberg zu dieser Problematik gegeben.

Dazu entgegne ich:
  • Die 1. Fahrt der Ludwigsbahn ist noch viel länger her. (Technikgeschichtlich ist dieses Datum übrigens eine Marginalie: die Lokomotive "Adler" war ein Import aus England, wo es zu dieser Zeit schon ein regelrechtes Eisenbahnnetz gab, und es gab auch in anderen deutschsprachigen Ländern -"Deutschland" als Nationalstaat gab es bekanntlich noch nicht - z. T. erheblich ehrgeizigere Bahnprojekte.)
  • Der entscheidende Punkt ist aber, dass die Rechnung ist noch offen ist. Und zwar im Wortsinn: Die "Deutsche Reichsbahn" als Rechtsvorgänger der DB AG verdiente kräftig an diesen Transporten, die die Verschleppten zum Teil auch noch selbst bezahlen mussten. Dieses Geld wurde nie zurückgezahlt.
  • Die Ausstellung "Das Gleis" war eine Veranstaltung der Stadt Nürnberg und des Landes Bayern. Die DB AG war daran nicht beteiligt. Korrektur: die DB AG unterstützte die Ausstellung "Das Gleis. Die Logistik des Rassenwahns" und stellt für Reisen von polnischen Schüler- und Jugendgruppen kostenlose Bahn-Gruppenfahrkarten für die Besichtigung der Ausstellung zur Verfügung. Sie versucht nach wie vor, dieses peinliche Kapitel ihrer Firmengeschichte zu verdrängen.
Heute, am 4.12. ab 12:30 Uhr beginnt am Nürnberger Hauptbahnhof ein Demonstration, zu der Überlebende der "Reichsbahn"-Deportationen aus Deutschland und den osteuropäischen Staaten erwartet werden. Sie verlangen die Rückzahlung der Einnahmen, die der Unternehmensvorgänger der DB AG ("Deutsche Reichsbahn") erzielt hat. DB AG und Bundesregierung lehnen jegliche Restitution der Deportationsopfer ab. Den osteuropäischen Überlebenden wurde "humanitäre Hilfe" im Wert von 25 € pro Person angeboten.
Initiator der Demonstration ist: Zug der Erinnerung

Die DB macht Opfer zu Bettlern. Und sie betreibt eine unehrliche und meiner Ansicht nach unehrenhafte Erinnerungspolitik. Auch andere Unternehmen betreiben historische "Rosinenpickerei". Nun ist es aber so, dass die DB gern so tut, als hätte sie keine historische Verantwortung für ihren Rechtsvorgänger "Deutsche Reichsbahn", um zugleich die "schönen" Ereignisse der Geschichte ihrer Vor,- Vorvor-. Vorvorvor- oder, im Falle der Ludwigsbahn von 1835, Vorvorvorvorgänger zu feiern. Da schlägt die Pickerei in Heuchelei um!

Zur Verhöhnung der Opfer gehört es auch, dass die Demonstration nach Auflagen der Stadt Nürnberg nicht am Hauptbahnhof hätte stattfinden dürfen. Erst am 3. Dezember mussten die Auflagen zurückgenommen werden.
DB und Stadt Nürnberg wollten den Deportierten öffentliches Straßenland sperren, weil die Vorbereitungen für den Besuch der Bundeskanzlerin zum 175. Bahnjubiläum am kommenden Dienstag, 7.12., in Nürnberg Vorrang hätten.

Nachtrag zur "Rechtsvorgänger": die DB AG bestreitet, Rechtsnachfolger der Deutschen Reichsbahn zu sein, was in streng handelsrechtlicher Hinsicht zutrifft: die Deutsche Bahn AG ist eine Aktiengesellschaft in Staatsbesitz, neu gegründet aus dem Vermögen der Deutsche Bundesbahn und der Deutschen Reichsbahn der DDR, was aber keine "unternehmerische Stunde Null" war.
Die DB und die DR waren Sondervermögen der Bundesrepublik Deutschland bzw. der DDR, also Staatsbetriebe im eigentlichen Sinne, und tatsächlich Rechtsnachfolger der Deutschen Reichsbahn.

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