Samstag, 18. Februar 2012

Gedanken anläßlich des Scheiterns eines Vollzeit-Karrieristen

Sven Scholz bloggte schon über einen Monat vor dessen (längst überfälligen) Rücktritt das nötigste und wichtigste zu Wulff. Zentral ist Svens Feststellung, dass es in dieser Affäre - wie auch vielen andere Affären - keine "gute" und keine "böse" Seite gibt, und schon gar nicht, dass dadurch, dass eine Seite (z. B. die BILD-"Zeitung") moralisch falsch handelt, die andere Seite (z. B. Ex-Bundespräsident Wulff) moralisch aufgewertet wird.

In unserer Familie gibt es eine quasi stehende Redensart von der "wulffschen Krankheit". Das bezieht sich auf die Familie meiner Großmutter väterlicherseits, die vor ihrer Hochzeit den in Norddeutschland nicht gerade seltene Familienname "Wulff" trug. Auf Details möchte ich nicht eingehen, gemeint ist eine (angebliche) familiäre Häufung schwerer psychischer Störungen in der besagten Familie Wulff. Allerdings sind sie so unterschiedlicher Art, dass sich daraus z. B. keine erbliche Neigung etwa zur Schizophrenie ableiten ließe, und viele der angeblich "verrückten" Wulffs wären, nach heutigen Maßstäben, allenfalls exzentrisch, aber nicht "verrückt" im Sinne einer psychischen Störung. Auf dem Dorf, vor 70 oder mehr Jahren, wurde das aber anders gesehen: wer sich anders als "normal" verhielt oder auch nur "komische Ansichten" hatte, und dabei nicht dumm war, die (meistens) oder der (seltener) war eben "irrsinnig", "krank im Kopf".
Ich komme darauf, weil mir der Spruch, ich, mein Bruder, mein Vater, mein Onkel usw. hätten "die wulffsche Krankheit" seit eh und je vertraut ist. Eine universell anwendbare "Erklärung" für alle Verhaltensweisen, die irgendwie irritierend sind, nicht ins Weltbild und familiäre Selbstbild passen. Gewissermaßen die Familenausgabe der (gesamtgesellschaftlichen) Tendenz, Verhaltensweisen zu pathologisieren (bekanntestes Beispiel: die Behauptung, "Homosexualität" sei krankhaft).

Nun gibt es kaum jemanden, der Ex-Präsident Wulff für "Krank" erklärt. Der Mechanismus der Pathologisierung wird ganz "oben", anders als "unten" oder "draußen" (außerhalb einer als kuschelig gedachten "Mitte der Gesellschaft", wo sich all die "anständigen" und "normalen" Menschen aufhalten), nur selten eingesetzt.

Von seinen Unterstützern wurde dagegen, geradezu gebetsmühlenartig, die "Normalität" des Wulffschen Verhaltens betont, und auch viele seiner Gegner, die aus einer auf die Mailbox gesprochenen Peinlichkeit eine Bedrohung der Pressefreiheit konstruierten, äußerten Verständnis.

Nach den Maßstäben einer konservativen, "provinziellen", stark religiös geprägten Moral, der Moral des Milieus, aus dem der Ex-Präsident und Ex-Ministerpräsident angeblich (oder doch wirklich?) stammt, wäre Wulff im Grunde ein Kleinkrimineller, jemand, der sich schäbig und rücksichtslos egoistisch verhält, aber dem das Format für eine wirkliche "Schurkerei" fehlt, weil er dafür dann doch zu schlicht gestrickt ist.
Aus diesem engstirnigen und engherzigen Milieu kommen jene, die Wulffs Mentalität für "normal" halten, jedenfalls nicht.

"Normal" und für ethisch vertretbar wird es von einem Menschenschlag gehalten, der in der deutschen Politik, den deutschen Chefetagen, den deutschen Medien beinahe flächendeckend anzutreffen ist, und den Svens Bruder Jens so treffend beschrieb: den Karriereplaner.
[…] Wir kennen die schon aus unserer Schulzeit und die waren genau die Mitschüler, die sich immer mit dem System gut gestellt haben. Die genau hingeschaut haben, wer ihnen nutzen kann und die immer versucht haben, sich mit denen zu verbrüdern, damit sie ihnen bei den Hausaufgaben und Referaten helfen oder besser, sie ihnen gleich fertig erstellen im Tausch mit meistens materiellen Vorteilen und Gefallen. Insgesamt kamen diese Mitschüler relativ konservativ rüber, allerdings täuschte das - Konservativ waren nur ihre Ansichten zu Frauen und Beziehungen (denn wenn man Frauen aus der Karrieregleichung lässt hat man gleich schon viel weniger Konkurrenz) und ihre Ablehnung von jeder und jedem anderen, der auch nur den Ansatz einer Nonkonformität zu ihrem recht einfachen Wertekanon zeigte.

Die Einfachheit des Kanons war aber wichtig, denn sie war Grundlage für ihren Lebensentwurf. Der Mittelpunkt dieses Lebensentwurfes bildete und bildet die “Karriere”. […]”
Wulffs Mentalität der Vorteilsnahme und Vorteilsgewährung ist nur unter bestimmten Leuten "ganz normal" - die leider (noch) auch "bestimmende Leute" sind.

Es war nur seiner Ungeschicklichkeit - und dem Streben der Presse, allen voran der BILD, den Kopf eines Bundespräsidenten als Jagdtrophäe an der Wand hängen zu haben - zu verdanken, dass ausgerechnet die kleinen Gaunereien des (real machtlosen) Bundespräsidenten ans Licht kamen - und nicht die mutmaßlich größeren anderer, real wichtigerer, Politiker, Wirtschaftsführer und Meinungsmacher, die auch zur "Generation Karriereplan" gehören.

Es gibt nur einen einzigen erfreulichen Aspekt an der sich seit Monaten dahinziehende Affäre. Man kann Christian Wulff wirklich dankbar sein, dass er es jedem, der es sehen wollte, über Wochen und Monate vorführte, wie ein Durchschnitts-Politiker der Bauart "Karriereplaner" so tickt und funktioniert. Der Mann ist weder dumm noch naiv, aber sein Wertekanon ist von bestürzenden Schlichtheit.

Karrierreplaner wie Wulff sind opportunistisch, aus anderen Gründen, aber mit einem ähnlichen Ergebnis, aus dem die klassischen autoritären Persönlichkeiten ihr Mäntelchen nach dem Wind drehen. Mittäter und Mitmacher.
Echte kriminelle Energie haben diese Vollzeit-Karrieristen mit dem chronisch guten Gewissen, da bin ich ausnahmsweise einmal der gleichen Ansicht wie konservative Spießer, aber nicht.
Die haben dafür andere. Als Amtsträger erkennt man sie daran, dass auch schlimmste Affären spurlos an ihnen abperlen, dass sie sich alles erlauben und damit durchkommen. Unsere Bundeskanzlerin Merkel würde ich durchaus zu diesem Typ Politiker zählen, noch deutlicher ist dieser Charakterzug beim Finanzminister (und mögliche Bundespräsidentenkandidaten) Wolfgang Schäuble, in der Wirtschaft ist der scheidende Vorstandsvorsitzende der Deutsche Bank, Joseph Ackermann, ein klassisches Beispiel eines "Teflon-Charakters" mit krimineller Energie.

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