Sonntag, 14. August 2011

Sloop "John B." - über einen Evergreen mit nautischem Hintergrund

In der Version der Beach Boys wurde "Sloop John B." zum Millionenseller.

Zum ersten Mal wunderte ich mich als Sechsklässler, der mühsam englische Songtexte zu verstehen versuchte, über die Diskrepanz zwischen der heiter-beschwingten Melodie und dem gar nicht so heiteren Text.
Erst später erfuhr ich, dass "Sloop John B." bzw. "The John B. Sails" ein traditioneller Folksong ist, genauer gesagt ein Shanty, oder noch genauer ein "Forebitter", also kein Arbeitslied der Seeleute im engeren Sinne, sondern ein Lied, das in der Freizeit gesungen wurde. Wie viele Shanties ist auch "Sloop John B." ein Spottlied, in dem die einfachen Teerjacken ihren Frust ´raus ließen.
Anders als bei den meisten anderen Shanties lassen sich Ort und Zeit, in der das Lied entstanden, einigermaßen gut eingrenzen. Der Text deutet auf die Bahamas, die Melodie auf den "westindischen" Raum - Antillen, Bahamas, Bermudas, Küste des Golfs von Mexiko.
"John B. Sails" wird als Folksong bezeichnet und erschien in einem Artikel von Richard Le Gallienne in der Dezemberausgabe 1916 von Harper's Magazine. Eine um eine Strophe gekürzte Fassung zitierte Gallienne in seinem 1917 erschienen Roman "Pieces of Eight". Das Lied soll zu dieser Zeit um Nassau, der Hauptstadt der Bahamas, äußerst populär gewesen sein.
Das Wrack eines kleinen Schiffs namens "John B." liegt vor Governor's Harbour auf einem Korallenriff der Insel Eleuthera, einer der Bahamas. "John B." bezieht sich auf John Bethel, einen der ersten Siedler auf Eleuthera. Gesunken ist die "John B." wahrscheinlich 1906, also etwa später als in der "Wikipedia" angegeben.

Übrigens waren die Beach Boys nicht die ersten, die mit diesem Titel erfolgreich waren. Hier eine Version von Blind Blake Higgs, im damals populären Calypso-Stil (1952) und mit abweichendem Text: John B. Sails.
Und schließlich eine Interpretation, die vielleicht einen Eindruck vermittelt, wie der Song in einer Hafenkneipe in Nassau auf den Bahamas zu fortgeschrittener Stunde geklungen haben mag:
Joseph Spence: Sloop John B.

Was ist eine Sloop?

Erst einmal ein großes Boot, das gerudert oder gesegelt werden kann. Im Deutschen Schaluppe, Schlup oder Slup, auf englisch seit dem 18. Jahrhundert auch shallop genannt.
Schaluppe

Dann der von diesem Boot abgeleitete Takelungstyp, mit einem Hochtakelungs-, Gaffel- oder (wie bei der Schaluppe oben) einem Spritsegel als Großsegel und einem einzelnen Stagsegel als Fock, im Deutschen Slup genannt.

Außerdem ein einmastiger Schnellsegler ab der Mitte des 17. Jahrhunderts, der auf Deutsch auch Slup, Schlup oder Schaluppe genannt wird:
Schaluppe / Sloop (18. Jahrhundert)

Diesen Schiffstyp gibt es, in abgewandelter Form, bis heute:
Slup "Adelante"

Und um die Verwirrung komplett zu machen, konnte im Sprachgebrauch der Royal Navy eine Sloop unter Umständen sogar ein voll getakelter Dreimaster sein.

Aus dem Text des Liedes wird aber schnell klar, dass nur eine "Sloop" im Sinne eines kleinen Schiffs mit einem Mast gemeint sein kann. Die historische "John B." war angeblich ein Schwammtaucher-Boot, was erklären könnte, wieso sich ihr Skipper dicht an die gefährlichen Riffe heranwagte.
1. We come on the Sloop
"John B.",
my grandfather and me,
´round Nassau Town we did
roam,
drinking all night,
we got int' a fight,
I feel so breakup,
I wanna go home!

Corus:
So hoist up the "John B.'s"
sails,
see how the mainsail sets,
send for the captain aboard.
So let me go home,
let me go home.
I feel so breakup,
I wanna go home!

2. The first mate, oh he got drunk,
broke up the captain's trunk, (alternative: the people's trunk)
constable had to come and
take him away.
Sheriff Johnsstone please,
leave me alone -
I feel so breakup,
I wanna go home!

3. The poor cook, oh he got fits,
ate up all oft the grits,
then he took an threw away
all of his corn.
Sheriff Jonsstone please,
leave me alone -
this is the worst trip,
I've ever been on.
Hier meine Übersetzung - ohne Versmaß und Reim:
Wir kamen mit der Sloop "John B.",
mein Großvater und ich. "Grandfather" kann im seemännischen Jargon auch "Decksältester" bedeuten - ein erfahrener Matrose als Vorarbeiter,
In der Nähe der Stadt Nassau
trieben wir uns herum.
Wir tranken den ganzen Abend
und gerieten in einen Kampf.
Ich fühl' mich kaputt,
ich will nach Hause.

Refrain:
So setzt die Segel der "John B.",
seht wie das Großsegel steht,
Ruf den Käpt'n an Bord (An Deck? Es ist wenig plausibel, dass auf einem Schiff schon die Segel gesetzt wurden, wenn der "Alte" noch an Land war. Aber "Deck" hätte sich nicht gereimt.)
So las mich nach Hause gehen, lass mich nach Hause gehen,
ich will nach Hause.
Ich fühl' mich kaputt
Ich will nach Hause.

Der erste Maat betrank sich,
und brach den Laderaum / das Schapp des Käpt'ns auf.
(Der Kapitän verwaltete einen verschlossenen Laderaum, das sog. Zollschapp, in der unverzollte Sprituosen gelagert wurden, die außerhalb der Hohheitsgewässer an die Mannschaft verkauft wurden. Alternativ wäre auch denkbar, dass er dem Käpt'n den Brustkorb eindrückte. Aber dann hätte die John. B. schwerlich Segel setzen können. People' s trunk ist das Mannschaftsschapp, also ein gemeinsam genutzter, abschließbarer Schrank oder Laderaum.)
Die Polizei musste kommen und ihn mitzunehmen.
Sheriff Johnsstone, bitte lass mich in Ruhe,
Ich fühle mich so kaputt, lass mich nach Hause.

Der arme Koch, oh, der drehte durch,
und aß alle Grütze auf,
dann nahm er den ganzen Mais und warf ihn weg,
Sheriff Johnston, bitte lass mich in Ruhe,
Das ist die schlimmste Reise, auf der ich je war.

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