Samstag, 12. Februar 2011

Aus der Wunderwelt der gut-doofen Filme - heute: Die Olsen-Bande fährt nach Jütland

Dieser Film hat zwei Dinge mit dem von mir zuletzt als "gut-doofer Film" vorgestellten
"Der Frosch mit der Maske"
gemeinsam: er ist ein Kriminalfilm und er wurde in Dänemark gedreht.
Sonstige Ähnlichkeiten wären rein zufällig.
Bildet olsenbanden"Jeg har en kup!" Egon Olsen

Es gibt nicht weniger als 14 dänische Kriminalkomödien um die Olsenbande. Weniger respektvolle Kritiker schreiben "Kriminalklamotten", womit sie meines Erachtens nicht ganz unrecht haben.
Die zwischen 1968 und 1998 entstandenen Filme erzählen von den immer neuen Versuchen dreier Krimineller, durch einen von Bandechef Egon Olsen ausbaldowerten "großen Coup" reich zu werden. In der Synchronisation der DEFA wurde aus "Jeg har en kup!" ein "Ich habe einen Plan!", was zwar nicht wortgetreu, aber irgendwie genial ist - jedenfalls eröffnete diese freie Übersetzung in der ehemaligen DDR mit ihrer Zentralplanwirtschaft, der staatlichen Plankommission, den Plankennziffern, den Perspektivplänen, der nicht immer gelingenden Planerfüllung und der stets geforderten Plandisziplin eine Fülle von (angeblich) ungeplanten Anspielungen und Assoziationen auf den gründlich verplanten realsozialistischen Arbeitsalltag.
Die DEFA-Synchro tat noch etwas, das der Popularität zugute kam: sie schwächte den deftigen, oft mit Fäkalsprache angereicherten Humor des Original auf "familientaugliches Maß" ab. Das deutlichste Beispiel ist die ständige Redensart Benny Frandsens (das ist der mit den Hochwasserhosen und den gelben Socken): auf Dänisch sagt Benny bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit "skidegodt", ("Scheiße gut" oder "scheißgut"), auf deutsch "mächtig gewaltig". Auch Egon Olsens schier unerschöpflicher Fluchwortschatz wurde entschärft.

Die gelungene Synchronisation kann aber nicht allein erklären, wieso die Olsen-Bande in der DDR ein Riesenerfolg war. Wieso die Reihe vor 1989 im "Westen" floppte, ist jedoch kein Rätsel: die West-Synchronisation war einfach unterirdisch schlecht. Nach der "Wende" fanden die Olsens dank DEFA-Synchronisation auch im Westteil Deutschlands viele Freunde, "Kult-Filme" sind die dänischen Klamotten um das schräge Ganoventrio aber nach wie vor im "Osten".

Die Olsenbandenfilme bauen auf einem Handlungsmuster auf, das nur geringfügig variiert wird. Typischer Ablauf: Egon Olsen wird aus dem Gefängnis entlassen, wo er einen genialen Coup ausgetüftelt hat. Trotz aller Widrigkeiten gelingt der wahnwitzige Plan, bis er im letzten Moment an irgendeiner dummen Kleinigkeit doch noch scheitert. Egon wird als einziges Bandenmitglied verhaftet.

Das war aber nicht von Anfang an so: Der erste Film "Die Olsenbande" (1968) ist eine Actionkomödie, der Humor ist deutlich auf ein erwachsenes Publikum zugeschnitten (die Olsenbande verkehrt z. B. regelmäßig in "Connys Bordell"), und ist streckenweise eine Parodie auf Agentenfilme im Stil von "James Bond". Der zweite Film," Die Olsenbande in der Klemme" (1969), nähert sich dem Schema bereits an. Erst der dritten Film ist der erste "typische" Olsenbandenfilm:

Die Olsenbande fährt nach Jütland (Olsen-Banden i Jylland) von 1971

(Dänischer Trailer, ca. 3 min)

Egon Olsen sitzt (wieder einmal) im Gefängnis, wo er den Plan eines von den deutschen Besatzern im zweiten Weltkrieg erbauten Bunkers in die Finger bekommt, in dem ein Schatz liegen soll. Nach Egons Haftentlassung reist die Bande (mitsamt der Familie Kjeld Jensens, des Dicken) nach Jütland, zu den (aus Kopenhagener Sicht) hinterwäldlerischen Jüten, die einen (in Kopenhagener Ohren) unmöglichen Dialekt sprechen. (Es ist erstaunlich und für das Hörverständnis von Touristen mit magerem Volkshochschuldänisch manchmal frustrierend, wie viele deutlich voneinander abweichende Mundarten die Dänen in ihren kleinen Land unterbringen.)
In der Gegend um Thisted im Nordwesten Jütlands angekommen, macht sich die Bande auf die Suche nach dem Bunker. Nach einer Autopanne geraten sie an den Schrotthändler Mads Madsen und dessen stummen Gehilfen Betterøv, in einer Kleinstadt namens Hauerslev. Wie sich herausstellt, befindet sich der Strand mit dem bewussten Bunker ganz in der Nähe. Allerdings liegt der Bunker (ein typischer "Atlantikwall-Klotz") inzwischen größtenteils unter Wasser, womit die Schatzbergung "etwas" aufwendiger wird, als geplant.
Egon braucht also Startkapital und versucht deshalb, Mads Madsens Tresor zu knacken. (Der erste von zahlreichen Tresoren der Marke "Franz Jäger, Berlin" in den Olsenbanden-Filme.) Er wird jedoch von Madsen erwischt. Der Bande bleibt nichts übrig, als ihn einzuweihen und mit der Hälfte der Beute zu beteiligen. Mads will die für die Schatzbergung nötige Ausrüstung besorgen.
Außer der Olsenbande wissen aber noch Karin, eine ehemalige Einwohnerin Hauerslevs, und ihr Begleiter, der Ganove Rico, von dem Schatz. Rico versucht vergeblich Børge (den Sohn von Kjeld und seiner Frau Yvonne) zu entführen. Karin gelingt es dagegen, erfolgreich einen Leutnant zu becircen, der einen kleinen, über den Bunkern gelegenen, Militärstützpunkt befehligt.
Nach einige Schwierigkeiten und Gefahren - unter anderem einer noch scharfen riesigen Granate, die auf einer eher an eine Achterbahn erinnernden Munitionstransportschiene in Bewegung gerät - gelingt es der Olsenbande den Schatz zu bergen (Dollarnoten und Goldbarren, natürlich in einem Tresor von "Franz Jäger, Berlin").
In einer wilden Verfolgungsjagd gelingt es ihnen, auch Rico abzuschütteln. Die Bande versucht, sich nicht an die Abmachung mit Mads Madsen zu halten und gleich zum Flughafen zu fahren. Das Auto bleibt liegen, sofort taucht Madsens stummer Gehilfe Betterøv mit einem Abschleppwagen auf. Betterøv bringt die Bande zurück zu Mads Madsen, wo die Beute gemäß der Abmachung geteilt wird. Madsen behält die Goldbarren, die Olsenbande die Dollarnoten.
Egon bring das Geld zur Bank, während Benny, Kjeld, Yvonne und Børge in einem Café in Thisted feiern. Genau in dem Moment, in dem sie zufällig entdecken, dass die Dollars falsch sind, hören sie Polizeisirenen: Egon wird (wieder einmal) verhaftet.

Der dritte Olsenbanden-Film ist, bei aller Albernheit und allem Brachialhumor, kein wirklich "doofer" Film. Er steht in der Tradition der Slapstick-Komödien der Stummfilmzeit - damals machte das dänische Komikerduo Fy og Bi (deutsch: Pat und Patachon) auf dem europäischen Markt sogar den amerikanischen Slapsticks erfolgreich Konkurrenz.
Von den meisten anderen Olsenbanden-Filmen unterscheidet sich "Die Olsenbande fährt nach Jütland" dadurch, dass er einen 1971 noch heiklen Punkt berührt: Die deutsche Besatzungszeit Dänemarks im 2. Weltkrieg. Besonders heikel war dieser Punkt in Nordjütland. Einerseits litt die Bevölkerung dort mehr als in anderen Gegenden Dänemarks unter der deutschen Besatzung, vor allem wegen des Baus der gewaltigen Atlantikwall-Bunker, anderseits gab es in dieser vernachlässigten Gegend auch relativ viele Kollaborateure. Die auch in Dänemark wegen ihrer blutigen Racheakte gegen echte und leider auch nur vermeintliche Kollaborateure umstrittene Widerstandsbewegung "Holger Danske" hatten einen ihrer Schwerpunkte in Nordjütland.
Darauf kann eine in wesentlichem vom Slapstick lebende Filmkomödie natürlich nur andeutungsweise eingehen. Allerdings war das Thema "Nazizeit" an sich schon heikel. (Übrigens auch in der DDR - als Egon den Bunker durchstreift, entdeckt er plötzlich ein großes Porträt von Adolf Hitler. Diese Szene wurde aus der DEFA-Synchronfassung herausgeschnitten.) Auf einen aktuelleren heiklen Punkt stieg der Film allerdings ein: der Umgang des dänischen Militärs mit den weniger ruhmvollen Kapiteln der Besatzungszeit und den Hang, diese Zeit, bis auf einige unbestreitbare Heldentaten des Widerstandes, zu verdrängen. Die Militäranlage direkt auf deutschen Bunkern, in denen nicht einmal die Munition geräumt wurde (es sieht ganz so aus, als ob die Olsens die ersten wären, die den Bunker überhaupt untersuchen), spielt nicht nur auf die tatsächliche Weiternutzung ehemals nazideutscher Anlagen an (die ja durchaus nachvollziehbar ist), sondern auch darauf, dass die dänische Armee buchstäblich verdrängte, was so alles "unter ihr" lag.
Das vermischt sich natürlich mit den (in Dänemark typischen) sarkastischen Witzen über die angeblich notorisch geringe Kampfkraft und lasche Disziplin dänischer Streitkräfte, und mit (allerdings harmlosen) Witzeleien auf Kosten der Nordjüten.

Kleiner persönlicher Einschub: ich sah "Olsen-Banden i Jylland" während eines Dänemark-Urlaubs im dänischen Fernsehen. Sehr viel vom Text verstanden habe ich zugegebenermaßen nicht. Allerdings blieb mir deshalb gerade dieser Film besonders im Gedächtnis. In der deutschen Fassung habe ich später alle Olsenbanden-Filme gesehen. Bei manchen von ihnen weiß ich nicht allerdings nicht mehr warum.

Die Reihe der Olsenbande-Filme erstickte später an ihrem Schematismus. Dass sich die Masche erschöpfte, war Drehbuchautor Henning Bahs und Regisseur Erik Balling schon 1974 klar - der sechste Film sollte eigentlich der letzte sein. Zwar gilt der siebte Film (Die Olsenbande stellt die Weichen) wegen seiner gut durchdachten Handlung bei vielen Fans als der beste der Reihe, aber ist meiner Ansicht nach auch der letzte Olsenbandenfilm, der auch ohne vorherigen reichlichen Biergenuss (vorzugsweise "Carlsberg" oder "Tuborg") durchgehend unterhaltsam ist. Erst recht ist es zu bedauern, dass Bahs und Balling sich nicht gegen die Geschäftsführung der "Nordisk Film" durchsetzen konnten, als sie planten, die Bande mit dem zwölften und letzten Film in den Ruhestand zu schicken. Bei aller Selbstironie (und Ansätzen zur sozialkritischen Satire) wirken die späten Olsenbandenfilme auf mich eher peinlich.

Olsenbandefanclub Deutschland

Nordisk Film (Produktionsfirma)

Nicht vergessen!

mubarak merkel
(Mubarak und Merkel)

In deutschen Medien waren, wenn ich mich richtig erinnere, Mubarak-kritische Artikeln vor dem Januar 2011 eher dünn gesät. Nicht etwa, dass über die unterdrückerischen Verhältnisse in Ägypten nicht berichtet worden wäre. Aber eben auf der Schiene: "Die Araber sind eben so, und Demokratie ist deren Kultur sowieso fremd, und deren Mentalität ist ja ganz anders, die brauchen einfach eine starke Hand, immerhin sorgt er für Ruhe und Stabilität, hält er den Friedensvertrag mit Israel ein (über die Anti-Israel-Hetze und die antisemitischen Verschwörungstheorie in offiziellen (!) ägyptischen Medien reden wir besser nicht), und er hält die Migrantenströme unter Kontrolle (die sudanesischen Flüchtlinge, die er abknallen lässt sind doch kein Thema, selbst wenn es die UN darüber berichtet), die wirtschaftlichen Beziehungen sind bestens, und die Touristen sind sicher (und gut abgeschirmt, zu deren eigenen Sicherheit und damit sie sich unbeschwert erholen: es würde sie ja nur verstören, wenn sie mitbekämen, wie es in Ägypten wirklich ist)."

Kurz gesagt: vor gerade Mal einem Monat war der brutale Diktator Ägyptens noch ein ganz normales, sogar "pro-westliches", Staatsoberhaupt.
Leider scheint Opportunismus in Deutschland, zumal im politischen Deutschland, zum guten Ton zu gehören: "Was schert mich mein Geschwätz von gestern?" (Konrad Adenauer)

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