Sonntag, 31. Oktober 2010

Aus der Wunderwelt der gut-doofen Filme - heute: "Godzilla" (1954)

Er ist gewissermaßen der Klassiker unter den gut-doofen Filmen. Der Film, der sehr vielen Filmfreunden als erster einfallen dürfte, wenn man sie nach einem richtig blöden Film, der aber auf seine Art richtig gut wäre, fragt:
Gojira 1954
Ishirō Hondas erster Gojira- bzw. Godzilla-Film aus dem Jahr 1954!

Godzilla war der Prototyp eines überaus erfolgreichen Genres, des Kaiju-Films, genauer gesagt, des Daikaiju-Films. ("Kaiju" heißt nichts anderes als "Ungeheuer" und "Daikaiju" "Riesen-Ungeheuer", aber die japanischen Filme dieser Art haben so viele kulturell bedingte Eigenarten gegenüber Monsterfilmen us-amerikanischer oder europäischer Machart, dass sich, wie beim "Anime", diese Bezeichnung international durchsetzte.) Die meisten Daikaiju-Filme sind, nicht nur meiner Ansicht nach, einfach nur doof, sehenswert allein durch viel unfreiwillige Komik und die manchmal imponierend geschickt gemachten, manchmal herrlich grotesk schlechten, Spezialeffekte

Aber "Godzilla" ist nicht nur doof. Dieser Film hat einige überraschende Qualitäten.
Die erste Überraschung für alle, die deutsche Unterscheidung zwischen "E-" und "U-Kultur" oder die US-amerikanische Trennung zwischen "A-", "B-" und "C-productions" verinnerlicht haben, ist, dass Honda als Regie-Assistent an mehreren anspruchsvollen und als Filmklassikern geltenden Filmen des berühmten japanischen Regisseurs Akira Kurosawa mitarbeitete und darüber hinaus ein enger Freund und Vertrauter Kurosawas war. Wahrscheinlich führte Honda bei der Episode "Der Tunnel" in Kurosawas großartigem und viel gelobten Episodenfilm "Yume" ("Träume" bzw. "Akira Kurosawas Träume")von 1990 Regie. Glaubt man der Internet Movie Database (auf die im Großen und Ganzen Verlass ist), dann führte Honda bei den Episoden "Der Tunnel", "Fujiyama in Rot" und dem Prolog und Epilog von "Der weinende Menschenfresser" Regie und schrieb für "Der Tunnel" und "Fujiyama in Rot" die Drehbücher. Auch an anderen Alterswerken des gesundheitlich schon angeschlagenen Kurosawas soll Honda entscheidend beteiligt gewesen sein - in welchen Umfang ist aber reine Spekulation. Anscheinend wird über solche Dinge in Japan, anders als etwa im klatschfreudigen Hollywood, diskret hinweggegangen. Offiziell arbeitete Honda nur als Regieassistent an den Kurosawa-Filmen "Kagemusha" (1980), "Ran" (1985), "Träume" (1990), "Rhapsodie im August" (1991) und "Madadayo" (1993) mit.

Honda konnte also auch "anspruchsvoll", auch wenn er durch seine Monsterfilme weltberühmt wurde. (Auf der offiziellen Ishiro Honda website (engl.) erfährt man, wie vielseitig der "Trash-Filmer" in Wirklichkeit war.)

Zum Inhalt: Bei der Insel Odo sinkt auf rätselhafte Weise ein Fischtrawler, auch zwei Schiffe, die die Vorfälle untersuchen sollen, erleidet dieses Schicksal. Auch die wenigen Überlebenden können nichts Genaues sagen.
Die Bewohner der Insel Odo kennen eine Legende um ein Ungeheuer namens Gojira (ゴジラ, zusammengesetzt aus "gorira (ゴリラ) "Gorilla", und "kujira" (クジラ) "Wal"), das an Land nach Nahrung sucht, wenn es im Meer keine Fische mehr findet. Nur wenn ihm junge Mädchen geopfert würden, könnte es wieder besänftigt werden. In der Nacht steigt Gojira aus dem Meer, die Insel wird teilweise zerstört.
Herbeigeeilte Wissenschaftler unter Professor Yamane entdecken gewaltige radioaktive Fußabdrücke auf der Insel. Professor Yamanes Erklärung: Gojira hätte Jahrmillionen unter Wasser verbracht und wäre von Atombombenversuchen aufgeschreckt worden. Im Seegebiet, in dem Gojira vermutet wird, wirft die Marine Wasserbomben ab, gegen den Rat von Yamane, der sich weigert, eine Methode zu finden, das Ungeheuer zu töten.
Seine Tochter Emiko besucht Dr. Serizawa, dem sie seit ihrer Kindheit versprochen ist. Dr. Serizawa hat den "Oxygen-Zerstörer" erfunden, ein Gerät, dass den Sauerstoff in seiner unmittelbaren Umgebung zersetzt und damit alles Leben vernichten kann. Da der Oxygen-Zerstörer in den falschen Händen zur einer fruchtbaren Waffe werden könnte, nimmt er Emiko das Versprechen ab, niemanden von seiner Erfindung zu erzählen.
Gojira lässt sich auf seinem Weg in Richtung Tokio weder vom Militär, das buchstäblich sein ganzes Waffenarsenal gegen das Ungeheuer verfeuert, noch von Hochspannungskabeln aufhalten. Gojira zerstört Tokio fast vollständig.
Als Emiko die Zerstörung und das Elend sieht, erzählt sie dem Marineoffizier Ogata von Serizawas Erfindung. Serizawa weigert sich so lange, den Oxygen-Zerstörer einzusetzen, bis er die Fernsehbilder der von Gojira verursachten Verwüstungen sieht.
Emiko, Ogata, Serizawa und Professor Yamane fahren mit einem Schiff auf die Bucht von Tokio, in der Gojira, nachdem er von einer Staffel Jagdflugzeuge mit Raketen beschossen wurde, untergetaucht ist. Ogata und Serizawa tauchen hinab, und setzen den Oxygen-Zerstörer ein. Von Gojira bleiben nur noch die Knochen übrig. Während Ogata wieder auftaucht, bleibt Serizawa unten, wünscht Ogata, dass er mit Emiko glücklich werden soll. Niemand soll das Geheimnis der furchtbaren Waffe kennen. Dann schneidet der junge Wissenschaftler den Luftschlauch seines Helmtauchanzugs durch.
Professor Yamane sagt am Schluss, dass, wenn die Menschheit weiterhin Atomwaffen bauen würden, noch weitaus schlimmere Ungeheuer geweckt werden könnten.

Alles in Allem ist die Story von "Gojira" zwar schlicht, aber keineswegs dumm: Eine eindringliche Parabel auf die Gefahren des Atomzeitalters, verpackt in ein modernes Märchen.
1954, als "Godjira" gedreht wurde, waren die Erinnerungen an die Schrecken der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki noch frisch.
Der unmittelbare Anlass für den Produzenten Tomoyuki Tanaka, eine Parabel auf die Gefahren des Atomzeitalters drehen zu lassen, war ein skandalöser Vorfall um den japanischen Fischtrawler Dai-go Fukuryū-maru ("Glücklicher Drache V"), der am 1. März 1954 durch den Fallout eines US-amerikanischen Kernwaffentest radioaktiv kontaminiert wurde. Alle 23 Besatzungsmitglieder erlitten eine schwere Form der Strahlenkrankheit. Der Funker Aikichi Kuboyama verstarb am 23. September 1954 daran, sechs weiter Besatzungsmitglieder erkrankten an Leberkrebs.
Eigentlich arbeitete der Produzent Tanaka an einen anderen Filmprojekt, das aber scheiterte. Das Filmunternehmen Toho verlangte von ihm daraufhin einen Film, egal welchen, der die Verluste wett machen sollte, den aber möglichst schnell!
Nach dem "Glücklichen Drachen"-Vorfall verfiel Tanaka auf die Idee mit dem durch Atombomben geweckten Monster. Das Vorbild war der Film "The Beast from 20,000 Fathoms" (1953), in dem ein im Polareis eingefrorener Dinosaurier durch einen Atomversuch "aufgetaut" wurde. Aber "Gojira" ist alles andere als eine Kopie - dafür sorgten schon die Tanakas und Hondas Erinnerungen an die atomar zerstörten Städte Hiroshima und Nagasaki, und der Einfluss der japanischen Mythologie.
Die Anfangsszene des Films, in der der Trawler "Bingo Maru" von Gojira angegriffen wird, und spätere Szenen, in denen Überlebende anderer Angriffe mit radioaktiven Verbrennung gefunden wurden, sind eng an den "Glücklicher Drache"-Vorfall angelehnt. Gojiras Angriff auf Tokio hat die Wirkung einer Atombombe - nur langsamer, und das in Ruinen liegende Tokio erinnert stark an die Bilder vom zerstörten Hiroshima. Die Allegorien sind plakativ: der "Flammenatem" des "Drachen" wird im Film "atomarer Strahl" genannt, und veranschaulicht offensichtlich die unsichtbare Wirkung der Radioaktivität, so wie die Fußspuren, in denen buchstäblich "kein Gras mehr wächst", für den Fallout stehen.

Ich vermute, dass es kein Zufall ist, dass Gojira nicht, wie sein Name nahelegt, eine Mischung aus Gorilla und Wal, oder, wie von Tanaka in Erwägung gezogen, ein Riesenkrake ist, sondern eindeutig ein feuerspeiender Drache, notdürftig als "mutierter Dinosaurier" getarnt.
Ähnlich wie in China und anders als im christlichen Europa sind Drachen in Japan keine durchweg "bösen", sondern ambivalente Wesen. Die meisten japanischen Drachen sind Gottheiten des Wassers, und sind, anders als ihre chinesischen Verwandten, nur selten geflügelt. Die Drachen aus japanischen Mythen haben oft die Fähigkeit des Gestaltwandels: Sie können sich in Menschen verwandeln, und Menschen in Drachen. (Kuriosum am Rande: Eine Eigenschaft, die sie mit vielen Drachen der nordisch-germanischen Mythologie teilen.) Der Tennō, der japanische Kaiser, nimmt traditionell eine Abstammung vom Drachenkönig und Meeresgott Ryūjin für sich in Anspruch.
Der Umstand, dass der radioaktiv kontaminierte Fischtrawler ausgerechnet nach dem Glücksdrachen Fukuryū benannt war, könnte den Anstoß gegeben haben, aus Gojira einen zornigen Meeresdrachen zu machen.
In späteren Filmen durfte Gojira (bzw. sein Artgenosse) dann auch ein "gutes", beschützendes Daikaiju sein - ganz wie es einem japanischen Meeresdrachen zukommt.

Gojira wurde aufgrund einer fehlerhaften Transskription der Katakana (Silbenschriftzeichen) in der US-Fassung zu "Godzilla".

Offensichtlich ist die Körperform Gojiras von den Theropoden, auf zwei Beinen laufenden, fleischfressenden Dinosauriern inspiriert, auch wenn seine Rückenplatten an einen Stegosaurus erinnern.
Ursprünglich wollte Eiji Tsuburaya, der Spezialeffekt-Regisseur, Gojira in Stop-Motion-Technik animieren lassen, aber der enge Terminplan ließ dieses zeitraubende und kostspielige Verfahren nicht zu. Also stieg ein Stuntman, Katsumi Tezuka, in ein schweres Kostüm aus Gummi und trampelte zwischen Gebäude-Modellen herum. Ironisch wurde diese Improvisation in Anlehnung "Stop Motion" "Suitmation" genannt, und wurde ein "Markenzeichen" der Daikaiju-Filme.

Notgedrungen führt Suitmation zu einer für Zweibeiner-Dinos untypischen Körperhaltung:
Dino vs Godzi
Diese beiden in dieser Hinsicht originalgetreuen Spielzeugmodelle zeigen den Unterschied der Körperhaltung zwischen einem Tyrannosaurier (links) und Godzilla: der Dinosaurier hält seinen Körper nahezu waagerecht, Godzilla steht aufrecht.
Was das Größenverhältnis angeht: Wie viele andere Riesenmonster (z. B. der erste "King Kong") ist Godzilla größenvariabel, je nach Umgebung schwankt seine erkennbare Höhe zwischen 30 und 150 Metern.

Der (meiner Ansicht nach einzige) Vorzug von Roland Emmerichs "Godzilla" (USA, 1998),ist dann auch die dinosauriermäßige Körperhaltung des computeranimierten Monsters, das von von Fans des japanischen Originals GINO ("Godzilla In Name Only") genannt wird.

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