Mittwoch, 23. Juni 2010

Kaventsmänner

Eine interessante Meldung bei "Spiegel online", die mich zu einigen Gedanken anregt:
Sie werden bis zu 30 Meter hoch, zerstören selbst große Schiffe - Monsterwellen lassen sich bisher nicht vorhersagen. Nun können Forscher immerhin zeigen, unter welchen Bedingungen die gefährlichen Wasserwände entstehen. Eine Erkenntnis: Die Kaventsmänner sind erstaunlich langlebig.
Forscher erkennen Monsterwellen-Wetter.

Selbst in diesem interessanten und meiner Ansicht nach gut recherchierten "Spiegel"-Artikel geht es nicht ohne eine Behauptung ab, die in kaum einem Text über "Freak Waves" fehlt, die aber meines Erachtens so nicht stimmt:
Noch vor wenigen Jahren hätte kaum jemand seinen Erzählungen geglaubt: Berichte über Monsterwellen galten als Seemannsgarn.
Mit den "Kaventsmännern" was es lange Zeit ähnlich wie mit den Kugelblitzen. Es gab neben Augenzeugenberichten nur wenige fotografische Belege. Vor allem fehlte eine allgemein akzeptierte Erklärung für dieses Phänomen. Wie Einstein sagte: "Die Theorie bestimmt, was wir beobachten können." Passt ein Phänomen nicht in das vorherrschende Erklärungsmodell, wird es - ohne böse Absicht und ohne ausgeprägte Ignoranz - gerne einmal für eingebildet erklärt. Zumal die Überlebenden eines Schiffsunglücks ja traumatisiert sind. Und was Seeleute so alles erzählen, wenn der Abend lang und die Getränke stark sind, das weiß schließlich jeder ...
Hinzu kam, dass Schiffsversicherer (ein bekanntermaßen rauer Zweig der Versicherungswirtschaft) ohnehin gern im Verschwiegenen arbeiten. Ein wirkliches Interesse, das Ausmaß des Risikos "Monsterwellen" publik zu machen, gab es offensichtlich nicht.
Deshalb war das Phänomen "Monsterwelle" bis 1995 umstritten.

Zwei Ereignisse führten dazu, dass die "Kaventsmänner" auch von den größten Skeptikern nicht mehr wegdiskutiert werden konnten - diese Ereignisse mit eindeutig dokumentierten Monsterwellen führten dazu, dass deren Existenz nicht mehr in Frage gestellt und wissenschaftliche Forschungen betrieben werden: In der Neujahrsnacht 1995 wurde von der automatischen Wellenmessanlage der norwegischen Ölbohrplattform Draupner-E während eines Sturms in der Nordsee eine einzelne Welle mit 26 m Höhe gemeldet.
Aber in das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit - einschließlich besonders hartnäckiger Landratten - kamen die "Freakwaves" erst am 11. September 1995, als der britische Luxusliner "Queen Elizabeth 2" bei der Neufundlandbank von Monsterwellen getroffen wurde. Das extrem seetüchtige Schiff überstand den Vorfall mit nur leichten Schäden. Es gab vor allem hunderte Zeugen und dutzende gute Fotos und Videos.

So viel ich weiß, war es unter Seeleuten, aber auch z. B. unter Reedern, Seefahrtshistorikern und anderen mit der Seefahrt verbundenen Menschen niemals wirklich strittig, dass es die "Kaventsmänner" wirklich gibt.

Ich erinnere mich konkret an zwei Schiffsunglücke, die sich zu meiner Schulzeit ereigneten, und bei denen ich über Klassenkameraden (in einem Fall der Sohn eines Kapitäns eines Schiffes, das an der Suche nach der "München" beteiligt war) indirekt die Diskussionen um die Ursachen der Havarien mitbekam - auch Dinge, die es damals nicht in die Zeitungen schafften.
Der erste Fall war der rätselhafte Untergang der MS München im Dezember 1978. Der einzige vorstellbare Grund, wieso ein modernes und sehr seetüchtiges Schiff einfach bei schwerer See "verschwinden" kann, war, dass war auch damals schon offensichtlich, Wellenschlag. Nun war die "München" keine Nussschale, die Wellen müssten über 25 m hoch gewesen sein, um dem Frachter etwas anhaben zu können. Damals gab es tatsächlich "Experten", die bestritten, dass es solche Wellen überhaupt gebe könne. Nach tagelanger Suche war klar, dass die 28 Menschen an Bord der "München" umgekommen waren. Gefunden wurden nur drei Leichter, ein leeres, zerstörtes Rettungsboot und eine Notfunkbake sowie unbenutzte, teils ölverschmierte Rettungsinseln. Das Schiff musste also sehr schnell gesunken sein. Das Rettungsboot war ursprünglich in zwanzig Metern Höhe an der Steuerbordseite des Schiffs mit Bolzen befestigt gewesen. Diese Bolzen waren nicht nur nicht gelöst worden (was geschehen wäre, wenn jemand das Boot benutzen wollte), sondern auch noch völlig nach hinten hin verbogen, was auf schweren Wellenschlag von vorn hindeutete.
Es war in Seefahrtskreisen - übrigens auch bei der Seeamtsverhandlung über die Havarie - also völlig klar, dass die "München" einer "Monsterwelle" zum Opfer gefallen war. Trotzdem gab es "Experten", die das bestritten, und z. B. schwere Konstruktionsfehler an der "München" für das Unglück verantwortlich machten. Ich erinnere mich an eine Karikatur, in der ein winziges Forschungsschiff zu sehen war, über dem sich eine berghohe Welle türmt. An Bord des Schiffes sagt ein Wissenschaftler zum Kapitän: "Keine Angst, Käpt'n, das da ist nur eine optische Täuschung!"

Phoenix Doku: Die Monsterwellen auf dem Meer

Das zweite Unglück war der Untergang der E.L.M.A. Tres (eigentlich: "MS Corinna Drescher", das Schiff war an die argentinische Staatsreederei E.L.M.A. verchartert) am 26. November 1981 im Atlantik, nahe den Bermudas, wobei 23 Seeleute starben.
Zwar kam im Falle der "Corinna Drescher" auch ein Maschinenausfall hinzu, aber es war ziemlich deutlich, dass das Schiff ohne extrem hohen Wellen nicht verloren gegangen wäre. Ich erinnere mich lebhaft an die von der Gewerkschaft ÖTV erhobene schweren Vorwürfe gegen die Reederei wegen des Zustandes des Schiffes und den schlechten Ausbildungsstand der überwiegend phillipinischen Mannschaft. Die "Monsterwellen" wurden auch als "Monsterwellenlegende" oder "Bermuda-Dreieck-Legende", als bloße Schutzbehauptung eines verantwortungslosen Reeders, bezeichnet. Auch wenn der Reederei vor dem Seeamt tatsächlich einige Versäumnisse nachgewiesen werden konnten, waren die extrem hohen Wellen keine Ausrede.

Mit dem Untergang der "Corinna Drescher" sind wir mitten im "Bermuda-Dreick". Einem ganz gewöhnlichem Seegebiet übrigens, in dem keineswegs mehr Schiffe oder Flugzeuge als in anderen ziemlich dicht befahrenen und ziemlich gefährlichen Seegebieten verschollen gehen.

Zu den sieben Meeresgebiete, in denen besonders oft "Monsterwellen" entstehe, gehört in der Tat das Bermudadreieck, aber auch der Agulhasstrom an der Ostküste Südafrikas - und die nördliche Nordsee.
Wenn man sich vor Augen hält, wie viele Bohrinseln und Ölförderplattformen es in der nördlichen Nordsee gibt, dass der Fall der Bohrinsel "Ocean Ranger", die am 15. Februar 1982 wahrscheinlich einer Riesenwelle zum Opfer fiel, zeigt, dass die Bohrinseln keineswegs gegen solche Gefahren gefeit sind, und - siehe die Riesenölpest im Golf von Mexiko - wie nachlässig die Sicherheitsbestimmungen offensichtlich gehandhabt werden, dann ist es klar, dass Kaventsmänner nicht nur eine Gefahr für Seeleute sind.

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