Montag, 8. Juni 2009

Warum Schule in Deutschland so ist, wie sie ist

Er machte vor einiger Zeit Schlagzeilen, der Fall einer mutigen Grundschullehrerin in Bayern, die ihre Schüler mit guten Unterricht nicht nur zufrieden machte, sondern offenbar auch besonders lernfreundig. Sie vergab entsprechend gute Noten - zu gute Noten, wie die Schulbehörden fanden, die sie strafversetzte. "Sie hat die gängige Art der Leistungsbewertung und die damit verbundene Klassifikation von Kindern in Frage gestellt", steht in der Urkunde ihres Courage-Preises der Bayerischen Pfarrbruderschaft: Grundschul-Rebellin erhält Courage-Preis (SpOn)

Es ist ein offenes Geheimnis: das deutsche Schulsystem ist ein Aussieb-Schulsystem, und zwar in der Konsequenz noch nicht einmal kapitalistisch-leistungsfixiert, sondern von einem geradezu ständischen Gesellschaftsverständnis geprägt. Bayerischen Schulen regeln den Übergang der Kinder auf die weiterführenden Schulen traditionell besonders rigide - übrigens im auffälligen Widerspruch zur im Vergleich zu anderen Bundesländern geradezu vorbildlichen Förderung des wissenschaftlichen und technischen Nachwuchses. Im Prinzip hat man in Bayern schon früh erkannt, dass eine auf HighTech setzende Industrienation auch entsprechenden Nachwuchs braucht. Leider oft nur im Prinzip.
Nicht nur in Bayern, dort allerdings besonders offen, lassen Schulbehörden keinen Zweifel daran, dass die Lehrer nicht nur einen Bildungsauftrag, sondern auch einen Sortierauftrag haben - die Grundschullehrer als Türwächter des Gymnasiums. Das kollidiert natürlich heftig mit dem Auftrag, dass möglichst alle Schüler die Lernziele erreichen oder sogar übertreffen sollen.

Vor einige Jahren habe ich es kaum glauben können, als mir ein frustrierter Lehrer erzählte, in seiner Schule (übrigens in Berlin) gäbe es nicht nur die auch mir noch von meiner eigenen Schulzeit her übel vertraute Regelung, dass ein Lehrer das Notenspektrum voll ausschöpfen soll, sondern darüber hinaus, dass die Notenverteilung nach Möglichkeit der Normalverteilungskurve entsprechen sollte. Der Lehrer unterrichtete vor allem Mathe, und stand vor dem Dilemma, dass in einer Klasse "lauter faule Hunde" saßen, während es in der Parallelklasse einige echte Mathe-Überflieger gab, die ihre "normalen" Mitschüler außerdem zu regerer Unterrichtsbeteiligung mitrissen. Die Regelung hätte bedeutet, dass eine "2" in der "schlechten" Klasse für eine deutlich schwächere Leistung steht, als eine "3" in der "guten" - wohlgemerkt: beim selben Lehrer, auf der selben Schule, im selben Jahrgang.
Die Auswirkungen angesichts der "Notengläubigkeit" vieler Eltern, aber auch vieler Arbeitgeber, kann man sich nicht übel genug ausmalen.

Dass Politiker so weltfremd beziehungsweise so Klientelbezogen denken, ist leider relativ normal. Aber warum unterstützen Lehrer dieses offensichtlich den Interessen der Kindern und dem pädagogischen Auftrag zuwiderhandelnde System? Warum sind nicht mehr Lehrer daran interessiert, möglichst viele "gute Schüler" zu haben? Warum, um einen anderen Misstand anzusprechen, gibt es in Deutschland immer noch das "Drama um das hochbegabte Kind", den offiziellen Forderungen nach Begabtenförderung und dem weit verbreiteten Motto: "Leistung muss sich lohnen" zum Trotz?

Ich fürchte, der alte Hermann Hesse hat immer noch recht:
Für die Lehrer sind Genies jene Schlimmen, die keinen Respekt vor ihnen haben. (...) Ein Schulmeister hat lieber einige Esel als ein Genie in seiner Klasse und genau betrachtet hat er ja recht, denn seine Aufgabe ist es nicht, extravagante Geister herauszubilden, sondern gute Lateiner, Rechner und Biedermänner. (...) wir haben den Trost, dass bei den wirklich Genialen fast immer die Wunden vernarben, und dass aus ihnen Leute werden, die der Schule zum Trotz ihre guten Werke schaffen und welche später, wenn sie tot und vom angenehmen Nimbus der Ferne umflossen sind, anderen Generationen von ihren Schulmeistern als Prachtstücke und edle Geister vorgeführt werden.
Herman Hesse, 1972

Mit dieser bequemen Mentalität klappt das mit der "Normalverteilung". Gut, dass es mutige Lehrer gibt, die das anders sehen.

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