Samstag, 26. April 2008

Kitsch?

"Kitsch" ist einer der schwammigsten Begriffe der deutschen Sprache - und der Kitschvorwurf ein geradezu klassisches Totschlagargument gegen Kunst, die man aus irgendeinem Grunde für minderwertig hält. Oft kann man daher "Das ist keine Kunst, sondern Kitsch!" mit "Das entspricht nicht dem von mir für gültig gehaltenen Kunstkanon" übersetzen.
Den Kitschvorwurf habe ich einige Male "am eigenen Leibe" erleben "dürfen". Ich bestreite gar nicht, dass das, was ich als (Amateur-)Künstler zustande bringe, künstlerisch nicht viel wert ist - und auf dem Kunstmarkt noch weniger.
U.S.S. Enterprise 1799
"Die unsäglichen Schinken mit Segelschiffen auf bewegter See sind das hanseatisch-gutbürgerliche Gegenstück zum berüchtigtem röhrenden Hirsch in Öl." - Folglich ist dieses von mir gemalte Bild Kitsch.

Allerdings habe ich den Eindruck, dass jene, die leicht angewidert von "Kitsch" oder "Trivialkultur" reden, das in erster Linie zwecks Distinktionsgewinn machen. Dabei gibt es eine regelrechte "Distinktionsgewinnhühnerleiter" - in der Literatur geht das z. B. so: Der Simmel-Leser sieht auf die Leser von Heftromanen herab ("Niveauloses Zeugs"), während der Süßkind-Leser auf den Simmel-Leser herabblickt, und ein, sagen wir mal, Grass-Leser nicht selten auf den Süßkind-Leser herabblicken wird, dem seinerseits von einem Kafka-Jünger eine bodenlose Niveaulosigkeit seines literarischen Geschmacks unterstellt wird. (Was mich angeht: ich lese sowohl "Perry Rhodan" wie Kafka. Simmel, Süßkind und Grass zählen hingegen nicht zu meinen Lieblingsschriftstellern.)

Da tut es gut, wenn jemand den Kitschbegriff etwas anders, und zwar treffender, gebraucht:
Und das allerschlimmste ist: Die Grünen wird das gar nicht stören. Ein wenig Öko kreischen und Kultur-ist-auch-wichtig-Rhetorik, und ansonsten geht’s vor allem um die Sicherung der Eigenstumswohnung in Eimsbüttel und die Karrierechancen der Kids des je eigenen Milieus. Und für die Besserverdienenden auch um die Abschottung gegen alle den Kitsch störenden Elemente in Ottensen, dieser Biedermeiner-Idylle für die Etablierten in der Kreativwirtschaft und Waldorfschullehrer.
momorulez in “Eine prominente Front von Gegnern gibt es nicht”: Die Koalition der Friedhofsgärtner
Ich weiß nicht genau, was momorulez unter "Kitsch" versteht. Ich bin da etwas altmodisch und folge einer laut "Wikipedia" "älteren Definition". Kitsch ist falsch:
  • falsch im Ort (etwa: Erzeugnisse der Musikindustrie werden als Volksmusik ausgegeben)
  • falsch in der Zeit (etwa: besungen wird eine heile Welt, die es nicht gibt)
  • falsch im Material (etwa: Verwendung von Klischees statt echter Gefühle)
(Falsch im Material kann auch wörtlich gemeint sein, wenn z. B. ein Stück Polystyrol-Spritzguss so tut, als sei es eine Schnitzerei in Holz. Umgekehrt sollte man sich hüten, alles, was aus Plastik ist, gleich für Kitsch zu halten.)

Genial finde ich Adornos Definition, der Kitsch als etwas "dümmlich Tröstendes" bezeichnete - auch wenn ich mich hinsichtlich dessen, was ich kitschig nenne, keineswegs seiner Meinung anschließe. Adorno schätzte das Wohlgefühl des Distinktionsgewinns für meinen Geschmack zu sehr.

Bezogen auf Wohn-Milieus ist "Kitsch" schlicht Verlogenheit. Konflikte werden aus dem Umfeld herausgehalten oder geleugnet. Eine Form der Wirklichkeitsflucht, in der das "gute" Wohnquartier als Oase der Geborgenheit wirkt. Die (eventuell) in einer gentrifizierten Gegend wie Ottensen vorhandene kulturelle "Szene" ist aus dieser Sicht eher "Service" oder "Deko" - und wird so entwertet.

Was halte ich für kitschig?
Ich finde das Werk zweier Maler, die verschiedener nicht sein könnten,ausgesprochen kitschig - was etwas anderes ist, als dass ich ihre Gemälde für durchweg schlecht halte.
Der eine ist Bernard Buffet. Dieser Maler hat das Pech, sehr früh im Leben sehr erfolgreich gewesen zu sein. Seine gigantische Produktion von mehr als 150 Bildern pro Jahr führte nicht nur dazu, dass seine Gemälde etwas sehr beliebiges hatten - er malte so ziemlich alles, und zwar in einem Stil, dem man schnell überdrüssig wird. Weshalb Buffet, nachdem der Hype (bzw. die Kunstmarktblase) infolge totalen Überdrusses um 1970 geplatzt war, den Ruf hatte, nur ein Fließbandmaler kitschiger Elendsbildern zu sein. Auch wenn Buffet jetzt "wiederentdeckt" wird, bin ich nach wie vor der Meinung, dass Buffet diesen Ruf zurecht hat. Wenngleich einzelne Bilder Buffets im richtigen Zusammenhang durchaus ihren Reiz haben können.

Der andere ist der Fantasy-Maler Boris Vallejo. Ich halte ihn für kitschig, obwohl ich das bei "Gebrauchskünstlern" - Vallejo malt vor allem für Buchtitel und für die Werbung - nicht so eng sehe. Vallejos handwerkliche Fähigkeiten sind beachtlich, der Mann kann malen und zeichnen, und ab und an schafft er surrealistische und phantastisch-realistische Werke, an denen ich mich kaum satt sehen kann. Allerdings: meistens malt er klischeehafte Bilder muskulöser Helden und wenig bekleideter, junger und "gut gebauter" Frauen. Eine mir persönlich bekannte Künstlerin und Kunstdozentin meinte, Vallejos "verschwendet sein Talent", ungeachtet des großen kommerziellen Erfolges seiner Bilder, denn er bedient immer dieselben ausgelutschten Klischees, obwohl man sieht, dass er auch anders könnte.
Besonders stört mich an Vallejo die "Konsum-Erotik" - Motto: Sex sells, aber nur dann, wenn die erotisierende Darstellung nicht verstört und die Grenzen der (in diesem Fall amerikanischen) üblichen Prüderie eingehalten werden.

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